Das Desaster beginnt mit einer wirren Pressemitteilung. Erste Testläufe des neuen Systems seien erfolgversprechend verlaufen, verkündet im März die Stiftung für Hochschulzulassung , besser bekannt unter ihrem alten Kürzel ZVS. Allerdings hätten sich Instabilitäten im "Zusammenspiel aller Komponenten" herausgestellt.

Geschickt verpackt in technisches Kauderwelsch, war es das scheibchenweise abgegebene Eingeständnis eines dramatischen Versagens. Doch erst jetzt, sieben Monate später, wird so richtig deutlich, welche Folgen die Nachricht von damals für die Abiturienten des Jahres 2011 hat: Zehntausende von ihnen werden keinen Studienplatz ergattern, obwohl irgendwo noch welche frei sind. Schuld ist ein bildungspolitischer Super-GAU: die Millionen Euro teure Onlineplattform, an der unzählige Experten unter Hochdruck gearbeitet hatten, damit sie im Jahr des größten Studentenansturms aller Zeiten fertig würde. Das neue, zentrale Zulassungssystem, das die Flut der Bewerber bewältigen sollte , kommt nicht. Zumindest nicht dieses Jahr. In einem Wirrwarr föderaler Zuständigkeiten ist über Jahre so ziemlich alles schiefgegangen, was schiefgehen kann. Wobei das eigentlich zu unpersönlich klingt. Denn es gibt Leute, die dafür verantwortlich sind, dass es so gekommen ist. Doch was ist überhaupt passiert? Eine Chronologie.

2005: Jahrelang haben die Hochschulen die Entmachtung der ZVS gefordert, der Zentralstelle für die Vergabe von Studienplätzen, die bis dato den Zugang zu fast allen Massenfächern verwaltet hatte. Die Rektoren wollen sich die besten Studenten endlich selber aussuchen dürfen – und bekommen ihren Willen. Das Ergebnis: Die Abiturienten beginnen, 10, 15, 20 Bewerbungen zu verschicken, an jede einzelne ihrer Wunschhochschulen. Doch der zentrale Abgleich fehlt: So erhalten die einen jede Menge Zusagen, während andere komplett leer ausgehen.

Die erste ironische Wendung in diesem Drama: Die Kultusminister erinnern sich einer mit damals über 100 unkündbaren Beamten besetzten Behörde, die neuerdings fast ohne Aufgabe dasteht, der Dortmunder ZVS. Auch auf Druck Nordrhein-Westfalens beschließen sie 2007, die ZVS zu einer "Serviceeinrichtung für Hochschulzulassung" weiterzuentwickeln. Von 2008 an sollen die Bewerber ihre Mappen nicht mehr bei jeder Uni einzeln einreichen. Die ZVS soll die Koordinierung übernehmen – natürlich ohne die neue Freiheit der Hochschulen bei der Auswahl einzuschränken. So weit der salomonische Plan. Er scheitert grandios: Die ZVS, gewohnt an Jahrzehnte der Standardisierung, bekommt die EDV nicht hin. Und ihr Chef Ulf Bade liefert sich einen monatelangen Streit mit der Hochschulrektorenkonferenz (HRK) .

Je länger das System auf sich warten lässt, desto belämmerter steht nicht nur die Behörde da, auch die Kultusminister sehen nicht gut aus. Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) gerät ebenfalls unter Druck. So bereitet sie 2009 dem Elend ein vermeintliches Ende und spendiert 15 Millionen Euro für eine "Software für das Bewerbungsmanagement". Das Geld ermöglicht es, über eine öffentliche Ausschreibung Profis mit der Entwicklung zu beauftragen, die – so der Plan – ein revolutionär anderes, vollkommen papierloses System entwickeln sollen. "Dialogorientiertes Serviceverfahren" heißt das Zauberwort. Man will nicht nur ein System, das funktioniert, es soll Weltspitze her, und das in kürzester Zeit: Bis zum Wintersemester 2011/12 soll die Plattform funktionstüchtig sein.

Erleichtertes Aufatmen allenthalben. Dass Wissenschaftler des Fraunhofer-Instituts für Rechnerarchitektur und Softwaretechnik den Zeitplan als "extrem zeitkritisch" bezeichnen, verhallt ungehört. Die technische Einschätzung muss sich dem politischen Willen unterordnen. Es ist der gleiche politische Wille, der – ironische Wendung Nummer zwei – unbedingt die ZVS erhalten will. Und noch mehr als das: Ausgerechnet der gerade an der Softwareentwicklung gescheiterten Behörde übertragen die Kultusminister nun das Management des Millionenauftrags. Nebenher wandeln sie sie um in eine Stiftung für Hochschulzulassung, verpassen ihr eine schnittige Website, hochschulstart.de , und – als sei das das Problem gewesen – noch mehr Chefs: In den Stiftungsrat, der die Stiftung künftig beaufsichtigen soll, ziehen neben 16 Ländervertretern auch 16 Hochschulrepräsentanten ein. Und die Hochschulkonferenz hat noch eine Rechnung offen mit ZVS-Chef Bade. Die Rektoren wollen jetzt auch mal mitbestimmen, im Sinne ihrer neuen Autonomie. "Föderalismus im Quadrat" nennt das die SPD-Politikerin Ulla Burchardt.

Im Sommer 2009 wird der Auftrag zur Softwareentwicklung so ausgeschrieben, dass er eigentlich nur passen kann auf eine bestimmte Kombination: aus der Telekom-Tochter T-Systems und dem von Bund und Ländern getragenen Hochschul-Informations-System (HIS) , das mehr als zwei Drittel der Hochschulen seit Jahren mit Verwaltungs-EDV beliefert. Eine GmbH, deren Hochschulforscher große Reputation besitzen, deren IT-Produkte von Rektoren jedoch mit Bananen verglichen werden: Diese wie jene reiften beim Kunden. Stutzig macht das keinen. Auftragnehmer wird im Februar 2010 allein T-Systems, das HIS agiert als Subunternehmer. Einen direkten Vertrag hält niemand für nötig. Was später noch von Bedeutung sein wird.