Doch seit der Schweizer Bundesrat den Ausstieg aus der Kernenergie beschlossen hat, stehen die Umweltverbände selbst im Gegenwind. Ihre Einsprachen gefährdeten die Energiewende, lautet der Grundtenor. Denn nun soll es schnell gehen. Während das Energiegesetz von 2009 vorsah, dass erneuerbare Energien bis 2030 zusätzliche 5,4 Milliarden kWh produzieren, sieht die aktuelle Energiestrategie bis 2050 einen Ausbau auf über 22 Milliarden kWh vor – notabene ohne Wasserkraft. Windparks sollen 2020 in der Schweiz 600 Millionen kWh erzeugen – im Jahr 2050 gar vier Milliarden kWh.

Das ist mehr als hundert Mal mehr als noch 2010. Damals lieferten die 32 Windkraftwerke gerade mal 37 Millionen kWh. Nachdem auch der Ständerat Ende September auf die Linie des Bundesrats einschwenkte, hat sich das Tempo nochmals beschleunigt. Die Energieziele stehen nunmehr über allem. So will der Nationalrat, dass Solaranlagen künftig ohne Baubewilligung auf Dächern montiert werden können. Heimat- und Denkmalschutz könnten kaum mehr Beschwerden einlegen. Und mancher bürgerliche Politiker möchte den Schutzorganisationen das Verbandsbeschwerderecht gleich gänzlich entziehen.

Wir fahren von der Alp Nova zurück ins Tal, über die sanft abfallenden Hänge nach Vella, dann auf der Hauptstraße nach Lumbrein. Das Windparkgelände ist von hier etwa dreieinhalb Kilometer entfernt, der Lärm der Rotoren dürfte die Einheimischen kaum stören. Wegen ihrer exponierten Lage wären vom Tal her aber manche der sechzig Meter hohen Masten am Horizont sichtbar. Und beim Piz Sezner, der von Obersaxen durch einen Sessellift erschlossen ist, hätten Gäste des Gipfelrestaurants ein Windpark-Panorama. Davon sind die Bergbahnunternehmen von Obersaxen und Mundaun nicht begeistert. Der Windpark macht das Gebiet touristisch weniger attraktiv.

Für Hans F. Schneider, Geschäftsführer von Pro Natura Graubünden, sind diese Bedenken unverständlich. Im Gegenteil: »Der Windpark sollte in der Nähe des Skigebiets zu stehen kommen.« Bereits belastete und nicht die weniger versehrten Gebiete sollten bebaut werden. So, wie dies im Unterland bereits üblich ist. Sorgen bereitet Schneider, dass die Initiatoren des Windparks erwägen, in ein kantonales Landschaftsschutzgebiet hineinzubauen. »Ja, falls die Windverhältnisse dort gut sind, planen wir Anlagen bis zum Piz Gren«, bestätigt Projektleiter Imfeld. Das Landschaftsschutzgebiet, ein Talbecken, erstreckt sich südlich der Alp Nova.

Für den Umweltschützer Schneider ist das Gebiet tabu. Zudem ist er den Windparkbetreibern bereits entgegengekommen: Denn im kantonalen Landschaftsschutzinventar gilt gar die ganze linke Talflanke der Alp Nova als geschützt, dort stehen aber, dessen ungeachtet, bald die Windkraftanlagen. Ärger und juristische Streitigkeiten sind vorprogrammiert. Deshalb haben die Projekt-Initianten einen runden Tisch ins Leben gerufen. Der Verwaltungsratspräsident der Bergbahnen Obersaxen trifft auf Landschaftsschützer, die Vertreter der kantonalen Fachstellen auf die Gemeindepräsidenten des Tals und die Altaventa-Geschäftsführung auf Delegierte der Alpgenossenschaft. Das Ziel ist es, frühzeitig eine »bewilligungsfähige und umweltrechtskonforme Lösung erarbeiten, damit wir später keine Rechtsmittel ergreifen müssen«, wie Schneider sagt.

Einen ganzen Aufgabenkatalog werden die Herren zu bewältigen haben: den möglichen Ausbau des Sträßchens zum Windpark, auf dem mehrachsige Spezialfahrzeuge die tonnenschweren Bestandteile der Windanlagen transportieren sollen. Die Einspeisung des Stroms ins Netz im benachbarten Val Gronda – und damit den Bau einer neuen Hochspannungsleitung. Sowie die Anzahl, die Höhe und die Leistung der Windanlagen. Sie werden sich damit beschäftigen müssen, wie die Flachmoore zu schützen seien, ob die Weidebuckellandschaft erhaltenswert ist und wie sich das Gutachten der Vogelwarte Sempach zu den Brut- und Zugvögeln auf das Projekt auswirken wird – in den Bergen um die Alp Nova nisten zwei Steinadler-Pärchen. Die Landschafts- und Naturschutzverbände bemühten sich, konstruktiv-kritisch mitzuarbeiten, sagt Hans F. Schneider. Wer die Energiewende nicht mitträgt, das wissen auch die Umweltverbände, der wird zum Spielverderber.

Doch die Beteiligten müssen nicht nur abwägen zwischen der Produktion erneuerbarer Energie und dem Bewahren von Schutzgebieten. Der Kraftwerkbau verheißt auch Jobs für Leute aus der Region.

Ein Mann betritt das Restaurant Péz Regina in Lumbrein und setzt sich zu uns. Er komme vom Zäunen bei seinem Maiensäss, sagt der 64-Jährige mit dem wettergegerbten Gesicht. Giusep Casanova, Biobauer und Gemeindepräsident von Lumbrein, hofft darauf, dass der Windpark den Jungen zu Jobs verhilft, auch wenn es »bloß zwei oder drei Stellen sind«. Die Gemeinde zählt 380 Einwohner, ein bis zwei Kinder kommen jährlich zur Welt. »Die Jungen wandern ab, immer mehr Ferienwohnungen zu bauen ist keine Lösung. Wir brauchen Arbeitsplätze für die Jungen«, sagt Bistgaun Capaul, der Altaventa-Lobbyist.

Der Windpark als Wirtschaftshoffnung in einer Randregion

Das österreichische Unternehmen, das die Windkraftanlagen dereinst liefert, soll Einheimische ausbilden, damit diese die Anlagen warten können. Mit zehn bis fünfzehn Arbeitsplätzen rechnen die Windparkbetreiber. Als Grundeigentümerin könnte die Gemeinde Lumbrein bestimmen, dass die Ausbildung von Einheimischen in den Nutzungsvertrag aufgenommen wird, sagt Gemeindepräsident Casanova.

Ja, im Lugnez ist man dem Projekt wohlgesinnt. Neulich hat der sechsköpfige Altaventa-Vorstand der in Geldnot steckenden örtlichen Musikgesellschaft zehntausend Franken gespendet. Und die Gemeinde liebäugelt mit den anfallenden Bau- beziehungsweise Pachtzinsen: Nach einer Modellrechnung der Betreiberfirma würde der Windpark jährlich eine Million Franken in die Kassen der Grundeigentümer spülen. Viel Geld für eine Berggemeinde.