An ihrem selbst gewählten Todestag wirkt Carine Geerts* aufgeregt und glücklich. Die 43-jährige Frau aus Belgien hat ein Krankenzimmer in der Universitätsklinik Antwerpen bezogen, für wenige Stunden nur, bald braucht sie es nicht mehr. Bei Carine sind ihre drei Kinder, 17 bis 21 Jahre alt, und ihr Freund. Sie trinken gemeinsam ein letztes Glas Weißwein. Seit einem Schlaganfall ist Carine behindert. Über ein Jahr lang hat sie versucht, sich in ihr altes Leben zurückzukämpfen, doch nun hofft sie nicht mehr auf Besserung oder Heilung. Sie will sterben, hier in der Klinik, durch die Hand eines Arztes. »Ich will meinen Körper los sein. Er geht nicht mehr«, hat sie zwei Tage vor ihrem Tod dem Hausarzt gesagt.

Patrick Wyffels hat das Gespräch mit Carine gefilmt, als Erinnerung für die Angehörigen der Patientin, aber auch zu seiner Absicherung. Er ist einer der Ärzte, die Carines Sterbewunsch geprüft und die Euthanasie so ermöglicht haben. Der in Deutschland durch die Verbrechen der Nationalsozialisten belastete Begriff wird in Belgien nach wie vor verwendet, Euthanasie meint dort die Beendigung eines Menschenlebens auf Wunsch des Betroffenen. Dies ist zulässig, wenn strenge gesetzliche Vorgaben erfüllt sind, doch der Fall von Carine liegt besonders. Sie will nicht nur sterben, sondern auch ihre Organe spenden. Deshalb verbringt sie ihre letzten Stunden in der Klinik statt in der eigenen Wohnung. Carine wird die tödliche Injektion im Operationssaal erhalten.

Carines Fall ist eine Weltpremiere

Carines Fall ist eine Weltpremiere. Nie zuvor haben Ärzte einen Patienten aktiv getötet und ihm sofort danach Organe entnommen.

Von dieser Premiere soll die Welt allerdings vorerst nichts wissen. Die beteiligten Ärzte vereinbaren Stillschweigen, als sie Carine am 29. Januar 2005 gegen 13.30 Uhr töten und ihr dann die Nieren, die Leber und die Bauchspeicheldrüse entnehmen. Erst 2009 erscheint die erste Publikation über diesen Fall – und drei weitere – in der medizinischen Fachpresse. Die Öffentlichkeit in Belgien erfährt von Carines Geschichte im selben Jahr durch einen Bericht in der Fernsehsendung Terzake, »Zur Sache«; dort werden unter anderem Auszüge des Interviews mit ihr gesendet. Hausarzt Wyffels findet, es sei an der Zeit für eine große Diskussion: Auch andere Menschen sollen von der Möglichkeit erfahren, dass Chirurgen Patienten nach der erwünschten Tötung die Organe entnehmen und sie hilfsbedürftigen Menschen einpflanzen.

Doch die Debatte findet nicht statt. Die belgischen Tageszeitungen berichten anerkennend über die »Weltpremiere«. In Deutschland kommen die vorsichtig dosierten Informationen der belgischen Ärzte erst im Frühjahr 2011 an, nach einem Kongress der Königlichen Akademie für Medizin in Brüssel. Dort haben drei Chirurgen ihr neues Vorgehen vorgestellt. Danach erscheinen wenige Artikel in deutschen Ärztezeitschriften – Publikumsmedien greifen die Hinweise aber nicht auf.

Dabei rührt das, was mit Carine geschah, an grundlegende Fragen der Medizinethik. In Deutschland würde einem Arzt, der einen Patienten tötete, Gefängnis drohen. Lediglich Sterbebegleitung ist hierzulande erlaubt, das bedeutet: lebensverlängernde Maßnahmen unterlassen oder beenden. »Töten gehört nicht in das Handwerkszeug von Ärztinnen und Ärzten«, sagte der scheidende Ärztekammerpräsident Jörg-Dietrich Hoppe noch im Mai. Das Töten eines Patienten mit einer Organentnahme zu verknüpfen bricht weltweit ein Tabu. Was macht es mit Ärzten, wenn sie in einem Schutzbedürftigen gleichzeitig einen Organspender sehen? Was heißt es für eine Gesellschaft, das zu tolerieren?

Tausende von Patienten überall auf der Welt hoffen auf eine lebensrettende Spende. Vielerorts haben Transplanteure neue, teils verstörende Strategien eingeführt, um dem chronischen Organmangel zu begegnen: In den USA haben Chirurgen todgeweihten Neugeborenen 75 Sekunden nach dem Herzstillstand die Herzen entnommen, um sie anderen Säuglingen zu transplantieren. In Spanien bringen Rettungsteams Menschen, deren Lage aussichtslos ist, in Kliniken, in denen sie unablässig weiter reanimiert werden – um die Organe zu retten. In den Niederlanden wird bewusstlosen Schwerstkranken gemäß ihrem mutmaßlichen Willen das Atemgerät abgeschaltet, sodass Chirurgen wenige Minuten nach dem Herzstillstand die Organe entnehmen können.

Warum sollten belgische Euthanasiepatienten nicht ihre Organe spenden dürfen, wenn sie es doch wünschen? Von Carines Tod, versichert Wyffels der ZEIT, hätten fünf Kinder profitiert. Vier Organe wurden entnommen, die Leber wurde geteilt.