Designer GrcicReiner Tisch

Konstantin Grcic ist einer der einflussreichsten deutschen Designer. Hier ist sein neuestes Werk zum ersten Mal zu sehen. von Elisabeth Raether

In der Welt des Möbeldesigns braucht man ein ganz besonderes Vertriebskonzept, um ganz normale Möbel zu verkaufen. Das Überdesignte, Übertriebene gibt es überall; wenn Konstantin Grcic, einer der erfolgreichsten Industriedesigner, einen Tisch entwirft, der die schöne Alltäglichkeit eines sehr glücklichen Flohmarktfundes besitzt, wendet er sich an seinen Freund und Designerkollegen, den Briten Sebastian Wrong.

Der hatte die Idee, in seinem neuen Onlineshop The Wrong Shop, der Ende Oktober während der Berliner Möbelmesse Qubique vorgestellt wird, Möbel on Demand zu verkaufen. Die Stücke gehen erst dann in Produktion, wenn jemand sie auf der Website bestellt hat, was heißt, dass es kein Lager gibt, keine Mindeststückzahl, keine Händler. Das Vertriebskonzept wird so auf ein Minimum geschrumpft. Die Möbel sind dadurch günstiger, der Designer verdient mehr an seinen Entwürfen. Vor allem hat er Freiheiten, die er bei großen Herstellern nicht hat. Und für Grcic bedeutet diese Freiheit: Reduzierung der Möglichkeiten. Sein neuester Tisch ist äußerst schlicht, und es wird ihn in nur einer Größe und nur einer Farbe geben.

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Die Großdesigner Sebastian Wrong und Konstantin Grcic wollen es manchmal gern etwas kleiner haben.

Noch ist Grcics Tisch ein Prototyp und steht im Prüfraum der Firma Ludwig Michl, Spezialist für Blechverarbeitung in Waakirchen, 40 Kilometer von München. Er ist türkis, zierlich, aber robust gefertigt aus pulverbeschichtetem Stahlblech, dem Material, aus dem auch die Maschinenverkleidungen sind, die bei Ludwig Michl hergestellt werden.

Wrong und Grcic sehen den Tisch heute zum ersten Mal und beginnen sofort ein Gespräch, dem nur Möbelnerds folgen können: Hier, sagt Grcic, hat der Tisch »Orangenhaut« im Lack, und er deutet auf eine unsaubere Stelle an der Unterseite des Tischs, die man sieht, wenn man in die Hocke geht, sich unter die Tischplatte schiebt und den Kopf hebt. Und da in der »Kehle«, wo Tischbein und -platte aufeinandertreffen, ist ein Faltenwurf, den man vermeiden könnte. Sie verwenden Begriffe, die auch der Beschreibung der menschlichen Anatomie dienen; Grcic, Wrong und der Konstruktionsleiter von Ludwig Michl untersuchen den Tisch, als wären sie Chirurgen.

Sebastian Wrong ist Design Director des Londoner Möbelherstellers Established & Sons, der sich groß inszeniert, sagenhaft viele Produkte pro Kollektion anbietet und die größten Partys der Mailänder Möbelmesse schmeißt, zu denen Scarlett Johannsson, Gwyneth Paltrow und natürlich Stella McCartney kommen. Die ist verheiratet mit einem der Gründer von Established & Sons.

Konstantin Grcic hat mit allen großen Herstellern gearbeitet, mit Marsotto und Muji, Authentics und Lamy. Für Magis entwarf er 2004 den Chair One, der in jedem Designhaus zu haben ist. Einige seiner Entwürfe wie die Lampe May Day, 1998 für Flos entstanden, wurden in die Designsammlung des Museum of Modern Art in New York aufgenommen.

Leserkommentare
  1. Ein Tisch hat vier Beine eine Tischplatte und gut ist. Wozu ein Tisch acht Beine braucht erschließt sich mir nicht, es sei denn, man versteht es als ein Symbol, mit dem der Besitzer seine besondere Individualität ausdrücken möchte. Schönheit und Individualität lasse auch ich mir Einiges kosten. Aber, wer schön sein will muss leiden, denn zum wird man ständig irgendwo gegen ein Tischbein stoßen und der Tisch wird wahrscheinlich auch immer ein wenig wackeln. Das ist ja manchmal schon bei Tischen mit vier Beinen ein Problem, zumindest wenn der Boden wie bei mir zu Hause nicht ganz gerade ist oder in der Kneipe, wo man am besten einen Bierdeckel unter ein Bein tut. Die Farbe eines Tisches halte ich auch für ein wenig überbewertet, denn auf einem Tisch kann man auch eine Tischdecke legen, aber stimmt schon, auf eine Werkbank würde ich auch keine Tischdecke tun. Bei einer Werkbank ist daher die Farbe von größerer Bedeutung und vielleicht machen da auch acht Beine Sinn. Nun ja, ich bin nicht vom Fach, habe den Tisch noch nicht im Original gesehen. Daher möchte ich mir trotz einer gewissen Verwunderung kein Urteil erlauben und wünsche allen neuen Heimwerkern in Prenzlauer Berg viel Spaß!

  2. Entfernt. Bitte bemühen Sie sich um sachliche Diskussionbeiträge. Danke. Die Redaktion/vn

  3. "Das Überdesignte, Übertriebene gibt es überall; wenn Konstantin Grcic, einer der erfolgreichsten Industriedesigner, einen Tisch entwirft, der die schöne Alltäglichkeit eines sehr glücklichen Flohmarktfundes besitzt,..."

    Genau! Flohmarktfund! Da frage ich mich ob das Industriedesign sein soll? Galube ich eher nicht. Womöglich doch nur ein Flohmarktfund.

    • Xul
    • 23. Oktober 2011 9:24 Uhr

    Da wird ein hässlicher Tisch aus Blech - mit acht Beinen für hunderte Euros verkauft. Als Sensationell wird er vermarktet, weil er eine neue Reduzierung aufweist (hö? Und wozu hat der 8 Beine). Und das man ihn als Schreibtisch oder Stelltisch nutzen kann (also praktisch zu gar nichts: Als Schreibtisch zu klein und als Stelltisch zu hoch).

    Nicht zuletzt das Vertriebskonzept: Erst bezahlen, dann zusammenbasteln. Toll wie innovativ!

    Gutmenschen brauchen die Symbolik in ihrer Arroganz. Sie spielen sich als Erdenverbesserer auf, aber tatsächlich ist es ihnen wichtiger ein Stück Schrott zu kaufen,auf welchem man ein Image transferiert hat, als bescheiden zu sein und mit dem Ersparten Bedürftigen zu helfen...

  4. der wolf das lamm! hurz!

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