Wer bei den Donaueschinger Musiktagen provozieren möchte, muss sich etwas einfallen lassen. Beim Traditionsfestival für zeitgenössische Musik hat man im Lauf der Jahre schon die tollsten Sachen erlebt: Hier wurden streng nach Partituranweisung lebende Kühe über die Bühne geführt und Musiker in Stahltanks gesperrt, die sich mit dem Schweißbrenner wieder befreiten. Das Knarzen auf dem Geigenholz gehört von jeher zum guten Ton, und im Herbstlaub des Schlossparks ist immer irgendwo eine diskret fiepende Klanginstallation versteckt, mit der ein Künstler sich und die Musik und die Welt neu zu erfinden versucht. Trotzdem wollte in diesem Jahr ein Norweger noch einmal die Schmerzgrenze des Festivals testen.

Der Komponist Lars Petter Hagen, der in den biografischen Angaben zu seiner Person von sich behauptet, er leide unter Ekzemen und sei schwach im Kontrapunkt, hat einen Volksmusikanten aus seiner Heimat mitgebracht und ein Konzert für Hardanger Fiddle und Orchester geschrieben, das im großformatigen Rahmen des Abschlusskonzerts uraufgeführt wurde. Die Hardanger Fiddle ist ein einfaches norwegisches Folkloreinstrument und mit seinen dudelnden Bordunsaiten für jeden Freund der musikalischen Moderne eine Zumutung. Dementsprechend hat Hagen ein für Donaueschinger Verhältnisse skandalös unterkomplexes Werk präsentiert, mit naiv säuselnder Melodik und Schrummelbegleitung, eine Art Weihnachtsmusik aus der Bauernkate mit Strohsternen und Hüttenschuhen. Der Norweger unterbrach das Orchester zudem mehrmals, um über das Saalmikrofon Zitate von Theodor W. Adorno vorzutragen, die zeigen sollten, dass ein bisschen Hardangergefiedel allemal spannender sei als die abgestandene Avantgarde-Rhetorik des letzten Jahrhunderts.

Und wie reagierte die Donaueschinger Gemeinde? Wie meistens – mit einem kurzem, aber freundlich belanglosen Applaus. Keine Buhsalven, kein empörtes Abwinken. Die Musiktage lassen sich nicht mehr schocken, schon gar nicht mit einer reaktionären Geste. Man weiß es ja seit Langem: Alle kompositorischen Tabus sind gebrochen, alle Ideologien abgeräumt, alle Grenzen getestet für das, was als musikfähig gelten könnte. Nirgendwo mehr herrscht Konformitätsdruck, gegen den man nonkonformistisch ankomponieren könnte.

Trotzdem ist das Barrikadenstürmerhafte in der Szene immer noch präsent. Es hat sich vom Gesellschaftlichen und allgemein Ästhetischen aufs Private verlagert. Viel Ehrgeiz wird jetzt darauf verwendet, sich stilistisch abzugrenzen und mit der Musik noch ein bisschen lauter »Ich« zu rufen. Den jungen Komponisten sitzt der Individualisierungsterror unserer Tage im Nacken: Du darfst alles, nur nicht verwechselbar sein. Und so arbeiten sie alle daran, »ihr Ding« zu machen und das Eigene zu nähren, um wahrgenommen zu werden.

Die irische Komponistin Jennifer Walshe ist da mit ihren schrill verzappelten Multimediacollagen schon ziemlich weit. In ihrem jüngsten Stück Watched over lovingly by silent machines kombiniert sie slapstickartige Pantomimengesten mit sinnfrei exaltiertem Zungenreden und zeigt dazu surreale, zwischen Idylle und Abgrund changierende Filmschnipsel aus dem Amerika der fünfziger Jahre. Durchgeknallt Kunsthohes und die Banalität des Alltags schießen in ihren Collagen zusammen. In einer Hörspielprobe muss ein Mörder immer wieder den Todesschrei des Opfers synchronisieren. Eine Szene, in der eine Frau ihr Haar rhythmisch bürstet, steigert sich in eine Hysteriestudie – und auf der Videoleinwand wird ein Hund eingeschläfert, oder es pulsiert ein frisch herausoperiertes blutiges Herz. Walshe führt das menschliche Dasein als mal geflüsterten und mal herausgekreischten Irrsinn vor.

Der in den USA unterrichtende deutsche Komponist Hans Thomalla sucht dagegen in dem Stück The Brightest Form of Absence als existenzialistischer Melancholiker nach seinen Tönen. Gemeinsam mit dem Videokünstler William Lamson ist er in die Mojave-Wüste gefahren, hat Blechdosen, Steine und leere Flaschen an Schnüre gebunden und sie über die verkarstete Erde schrammen lassen. Dabei sind Tonaufnahmen entstanden, die ihm als Ausgangspunkt für seine Komposition dienten. Eine karge, mehr verschweigende als sich mitteilende Musik ist daraus geworden, ein von Geräuschen und trockenem Tongeröll durchsetztes Einsamkeitsszenario, durch das ein weltverlorener Solosopran mäandert. In Lamsons Videos sieht man dazu, wie alte Autoreifen über rissigen Boden rollen oder Fetzen von Alufolie im Wüstenwind flattern. Die Welt erscheint hier als abgestorbenes Terrain, in dem auch die Musik nichts mehr ergrünen lässt.