Es ist wie in der Geschichte vom tapferen Schneiderlein, das sieben Fliegen auf einen Streich erledigte. Die Fliegen sind in diesem Fall die Versicherungen . Ein paar davon braucht jeder. Doch sie sind lästig, kosten eine Menge Nerven, dazu viel Geld. Bei vielen Menschen lösen sie Fluchtreflexe aus, manche schließen die wichtigsten Verträge gar nicht erst ab .

Nun ist den Unternehmen, die Versicherungen anbieten, ein ähnlicher Streich gelungen. Sie preisen neuerdings gebündelte Policen an, die den Kunden gegen alle möglichen Risiken versichern. Die Konzerne locken mit Mengenrabatten, denn im Dutzend billiger sind die Verträge auch. Das klingt gut, ist es aber nicht immer.

Die Rundum-sorglos-Pakete sollen das Problem der Branche lösen. Einer ihrer wichtigsten Bereiche schwächelt: die Lebensversicherung als Altersvorsorge . Angesichts sehr niedriger Garantiezinsen und sinkender Ausschüttungen schließen die Deutschen immer weniger Verträge ab. Ein Produkt, das den Schwund wettmachen könnte, ist nicht in Sicht. Überhaupt ist der Markt schon ziemlich satt, hierzulande gibt es so viele Verträge und Versicherer wie kaum irgendwo in Europa. Woher soll das Wachstum in Zukunft also kommen, fragen die Branchenvertreter.

Die Bündelprodukte sollen es nun richten. Und sie funktionieren, sagen die ersten Unternehmen. »Wir sind zufrieden: 100 Prozent unserer Privatkundenverträge verkaufen wir jetzt über das Modulsystem. Und wir verkaufen damit mehr als früher, weil unser Produktangebot jetzt flexibler ist«, sagt Mathias Both, Leiter des Produktmanagements bei HDI-Gerling.

Denn es ist ja nicht so, dass die Kunden überhaupt keinen Bedarf mehr hätten, weil sie bereits mit allen nötigen Verträgen versorgt wären – im Gegenteil. »Die wenigsten Deutschen sind wirklich gegen die großen existenziellen Risiken des Lebens abgesichert«, mahnt Edda Castello von der Verbraucherzentrale Hamburg. Zwar hat jeder Bürger statistisch gesehen mehr als eine kapitalbildende Lebens- oder Rentenversicherung, und die allermeisten haben eine Hausratversicherung für ihre Möbel abgeschlossen. Aber jeder Dritte besitzt nicht einmal eine Haftpflichtpolice, obwohl die zu den zwei wichtigsten Policen überhaupt gehört. Neben der Berufsunfähigkeitsversicherung, die sogar nur jeder Zehnte in ausreichender Höhe abgeschlossen hat . Bei anderen Versicherungen könnte die Deckungsrate ebenfalls noch höher sein. Das findet natürlich auch die Branche.

Nun sind aber viele Policen den Kunden entweder schwer zu vermitteln, oder sie sind ihnen zu teuer, insbesondere der Berufsunfähigkeitsschutz. Man müsste Verträge also so bündeln, dass jeweils ein gefragtes Produkt mit einem weniger gefragten gekoppelt würde. So raten es Strategiepapiere von Unternehmensberatungen schon seit Langem. Es komme dabei zu einer »deutlichen Absatzsteigerung« der schwächer nachgefragter Produkte, um die es ja beim Bündeln gehe. »Deswegen geht der Trend eindeutig zu Produkten, die modular aufgebaut sind«, beobachtet Dirk Schmidt-Gallas, Partner der Unternehmensberatung Simon Kucher & Partner. Das ist der Punkt, an dem man mit Fug und Recht fragen darf: Ist das Bündeln also nur ein geschickter Schachzug, weil die Branche ihren Absatz erhöhen will – oder nützt es dem Versicherten tatsächlich?

Für den Kunden seien die Policenpakete »praktisch«, sagen die Unternehmen. »Es ist eine sinnvolle Produktergänzung, wenn man mehrere Policen zusammenschnürt«, findet der Branchenverband GdV. Denn meist horte der Versicherte diverse Policen von unterschiedlichen Anbietern und »verliert schnell den Überblick« darüber, an wen er sich im Schadensfall überhaupt wenden muss, heißt es in einer Werbung der DFV Deutsche Familienversicherung. Mit den Rundumverträgen bekomme er alles aus einer Hand und zudem noch »bis zu 60 Prozent günstigere Beiträge«. Entsprechend fragt die Zurich Versicherung: »Klingt das nicht zu schön, um wahr zu sein?«