Wir lieben Pedro Almodóvar, weil er uns so üppig-verschwenderisch versorgt mit dem, was das Kino am besten kann: Sinnlichkeit, Schönheit, Leidenschaft und Rührung. In seinem neuen Film, Die Haut, in der ich wohne, ist es, als hätte er vor alle vier Begriffe ein Minuszeichen gesetzt. Sie sind noch immer da in der alten Grandiosität und Wirkkraft, aber sie sind unheimlich geworden, wir trauen ihnen nicht mehr, und wir bekommen bei ihrem Anblick eine Gänsehaut.

Zum Beispiel Antonio Banderas . Seine Gesichtszüge sind von fast gottgleicher Vollkommenheit, aber sie dürfen keine Empfindung preisgeben. Banderas spielt die Verweigerung jedes emotionalen Ausdrucks als die hohe Vorschule der Monstrosität. Er ist Robert Ledgard, ein Schönheitschirurg, der über die Möglichkeit forscht, eine künstliche Haut zu schaffen, die so elastisch und lebendig ist wie echte, den Menschen aber perfekt schützt vor aller Unbill der Welt. Damit hat er Erfahrung. Seine Frau Gal hatte einst bei einem Autounfall schreckliche Verbrennungen davongetragen. Man konnte ihr Leben zwar retten, aber sie führte künftig ein völlig zurückgezogenes Leben in einem abgedunkelten Zimmer ohne Spiegel. Als sie eines Tages ihr eigenes Gesicht in der Reflexion einer Fensterscheibe erblickt, kann sie ihr Spiegelbild so wenig ertragen, dass sie sich umbringt.

Es ist ein Film über das, was Filme zeigen: Haut. Schöne Gesichter

"Brandopfer", wirbt Ledgard einmal auf einem Kongress vor Kollegen für sein Projekt, "brauchen ein Gesicht." Denn das Gesicht ist die Ausdrucksbühne der Empfindungen, also das, was uns menschlich macht. Doch Banderas, der Schöpfer einer künstlichen, transgenen Haut, hat seine eigenen Gesichtszüge zur Undurchdringlichkeit eines Pokerface heruntergedimmt, die allenfalls seinen unbeugsamen Ehrgeiz verraten.

In Ledgards imposanter Villa haust ein Wesen von fast überirdischer Schönheit, gespielt von Elena Anaya. Sie ist offensichtlich eine Gefangene, denn sie muss über die Gegensprechanlage mit der Haushälterin (Marisa Paredes) kommunizieren und bekommt ihre Mahlzeiten über einen kleinen Küchenlift. Sie wird Vera genannt, die Wahre, und ihre Gesichtszüge haben eine erstaunliche Ähnlichkeit mit Ledgards toter Frau Gal. Ist sie das Versuchskaninchen, an dem der Chirurg seine künstliche Haut ausprobiert? Kameras fangen jeden Schritt ein, den Vera in ihrem großzügigen Gefängnis tut, und spielen die Bilder auf einen riesigen Plasmabildschirm, vor dem Antonio Banderas wie ein perverser Doktor Frankenstein sitzt und das Objekt seiner Zurichtung mit der Befriedigung des genialen Künstlers betrachtet. Es gehört zu den erbarmungslosen Gruselmomenten dieses Films, dass wir Elena Anayas engelsgleiches Gesicht nicht anschauen können, ohne in ihr das Manipulationswerk des Chirurgenmessers zu sehen.

Die Haut, in der ich wohne ist ein Film über das, was Filme zeigen: Haut. Schöne Gesichter. Das Kino erzählt Geschichten, die wir glauben, weil wir sie den Gesichtern der Protagonisten ablesen. Aber wie können wir dem Film trauen, wenn das Medium seiner Wahrheit, die Haut, ein Fake ist? Immer wieder zeigt die Kamera die wunderschönen Augen von Elena Anaya. Sie geht ganz nah heran, wir sehen das Weiß ihres Augapfels und wie sich die zarte Haut des Augenlids darüberwölbt. Es ist vielleicht die empfindlichste Stelle des menschlichen Körpers, und wenn sie im Kino in Nahaufnahme gezeigt wird, hat es der Regisseur in der Regel auf unser Mitleid abgesehen. Doch bei Elena Anaya ist es, als wäre das Augenlid die Perforierungsstelle, von der aus man die Haut vom Körper abzieht. Diese Haut wird zu einem Frankenstein-Gewand, über einen Körper gezogen, der mit ihr nicht identisch ist.

Pedro Almodóvar, der große Melodramatiker, der vor keinem Abgrund des Menschlichen zurückschreckt, weil er auch darin die Schönheit und Erbarmungswürdigkeit der gefallenen Kreatur erblickt, der noch die verzweifeltste Prostituierte in der Gosse plötzlich in der ganzen Erhabenheit ihrer Liebesfähigkeit aufleuchten lässt, hat mit Die Haut, in der ich wohne seinen grausamsten Film gedreht. Robert Ledgard hat eine Tochter, die er schützt wie seinen Augapfel, denn sie ist alles, was ihm von seiner Frau geblieben ist. Auf einem rauschenden Fest verschwindet die Tochter mit einem jungen, hübschen Mann im Garten. Beide sind vollgepumpt mit Drogen. Kurz vor dem Akt, die Schuhe und den Schlüpfer hat sie schon abgestreift, hat sie ein Blackout. Der junge Mann ergreift panisch die Flucht. Als Ledgard seine Tochter wenig später findet, deutet alles auf eine Vergewaltigung. Ledgard wird eine grausame Rache an dem jungen Mann üben. Er wird ihn operieren, einer Geschlechtsumwandlung unterziehen und ihm eine neue Haut verpassen, bis aus ihm Vera, die Gefangene, geworden ist.