Die Zentrale der Deutschen Bank, die vom Foodwatch-Report kritisiert wird, in Frankfurt am Main. © Daniel Roland/AFP/Getty Images

Der Titel klingt packend, und der Inhalt hält, was er verspricht: Die Hungermacher heißt jener Report, den die Verbraucherorganisation Foodwatch am vergangenen Dienstag präsentierte . Verfasst hat ihn Harald Schumann, der sich als Buchautor und Journalist einen Namen gemacht hat und seit vielen Jahren das Geschehen an den Finanzmärkten verfolgt. Er wusste also, wo er einhaken muss, um noch mehr aus der undurchsichtigen Welt der Finanzakrobaten zu erfahren. Schumann recherchierte aber auch, was Ökonomen zur Aufklärung beizutragen haben. Es dürfte kaum eine wichtige Studie geben, die er nicht gesichtet hat. Deshalb ist der Foodwatch-Bericht selbst für Experten eine Fundgrube, obwohl komplexe Zusammenhänge auf eine Weise dargestellt sind, dass sie auch für Laien verständlich werden.

Harald Schumann beschreibt auf 85 Seiten, wie das Geschäft der Spekulanten funktioniert und welche Rolle große Finanzinstitute wie die Deutsche Bank oder Goldman Sachs dabei spielen. Was aber hat das alles mit dem Hunger auf der Welt zu tun?

Die Frage nach dem Zusammenhang zwischen der Spekulation mit Agrarrohstoffen und den Nahrungsmittelpreisen sorgt seit Langem für Diskussionen. Der Disput erinnert an den Meinungskrieg darüber, ob Rauchen gesundheitsschädlich ist. In der aktuellen Debatte wächst das Lager derer, die von der schädlichen Wirkung der Zocker überzeugt sind. Nach der Lektüre dieses Berichts, wird es noch größer sein.

Allerdings: Wer hofft, endgültige wissenschaftliche Klarheit über den kausalen Zusammenhang von Spekulation und Hunger zu erhalten, der wird enttäuscht. Einen solchen unumstößlichen Beweis wird es wohl auch niemals geben. Denn es geht bei dieser Frage nicht um ein Naturgesetz, das mathematisch exakt berechenbar ist, sondern um Psychologie und Interessen. Rechenmodelle müssen mit Annahmen gespeist werden, die – je nach Interessenlage – immer wieder angezweifelt werden können. Deshalb können es immer nur Indizien sein, die Grundlagen für ein Urteil bieten. Und die sind in diesem Report erdrückend – für all jene, die bestreiten, dass Spekulanten Menschen hungrig machen.

Anschauliche Grafiken verdeutlichen, wie sie agieren, wie ihre Wetten funktionieren. Und die wichtigsten Begriffe wie etwa Derivate, Future oder Hedger werden in Kästen verständlich erklärt. Dabei entsteht nicht der Eindruck, das Spekulation grundsätzlich verteufelt werden soll. All jene Marktteilnehmer, die tatsächlich mit Agrarrohstoffen handeln, waren und sind nämlich darauf angewiesen, sich gegen Preisschwankungen abzusichern. Die Analyse zeigt aber, wie stark der Anteil jener, denen es ausschließlich um eine lukrative Geldanlage geht, angewachsen ist.

Detailliert zeichnet Schumann nach, wie eine Welle der Deregulierung die Exzesse an den Rohstoffmärkten erst möglich machte. Dabei gab es immer wieder Stimmen, die vor den Folgen warnten. Sie wurden von den politisch Verantwortlichen überhört. Stattdessen setzen sich Lobbyisten wie etwa Robert Rubin durch, der zunächst in führender Position bei der US-Investmentbank Goldman Sachs war und dann an die Spitze des US-Finanzministeriums wechselte.

Beschrieben werden die von Banken kreierten Finanzprodukte, die das Wettgeschäft mit Lebensmitteln ermöglichen – und mit der Zeit auch private Anleger anlockten. Ihnen werden vor allem die sogenannten Indexfonds offeriert, die gerade erst wieder im Zusammenhang mit dem Skandal bei der Schweizer UBS in die Schlagzeilen gerieten. Oft aber wissen die privaten Sparer gar nicht, dass mit ihrem Geld auf den Rohstoffmärkten gezockt wird. Denn auch Pensionsfonds und Versicherungen sind mit von der Partie.