Politik und Lyrik Nr. 33 Gesellschaftsvertrag
Jede Woche veröffentlicht die ZEIT Gedichte über Politik. Diese Woche beschreibt Hendrik Rost, wie es möglich ist, in bewegten Zeiten wie diesen zu leben.
Seit dem 10. März versuchen wir im Politikteil der ZEIT, Politik von einer anderen Seite und auf andere Art wahrzunehmen. Elf Lyrikerinnen und Lyriker verfassen eigens für die ZEIT Gedichte, sie zeigen uns ihre Sicht auf die Politik. Mal schreiben sie unabhängig von den Ereignissen, mal gehen sie direkt auf politische Erlebnisse ein. Womit wir anfangs nicht gerechnet hatten, das ist die Fülle und Dichte der Ereignisse, wie wir sie seit Anfang dieses Jahres erleben. Die Gedichte wurden dabei häufig aktuell, einige am Tag nach politischen Entscheidungen oder nach Katastrophen verfasst. Diese Woche beschreibt Hendrik Rost, wie es möglich ist, in bewegten Zeiten wie diesen zu leben.
Hendrik Rost: Gesellschaftsvertrag
Leben Sie nicht einfach weiter bei Schäden
durch Kernenergie, bei stumpf
einwirkender Gewalt, bei Blitz-
schlag oder Raub und Unterschlagung.
Achten Sie auf Kriegsereignisse
jeder Art, Bürgerkrieg, innere Unruhen,
Aussperrung oder mut- und böswillige
Ereignisse. Machen Sie etwas auf
eigene Gefahr bei Veranstaltungen
mit Volkscharakter, bei vorsätzlicher
oder grob fahrlässiger Berichterstattung,
bei defekten Erklärungen oder plumpen
Manipulationen an der Gesellschaft.
Gehen Sie in Deckung bei Rückschritten
gegenüber Sokrates, Bismarck und evt.
dem Grundgesetz. Der Garantiefall tritt nie ein,
auch nicht, wenn die Verfassung es schriftlich
zugesichert hat oder wenn jemand durch
Engagement in Mitleidenschaft gezogen ist
oder Weisungen nicht beachtet bzw.
verstanden wurden. Achten Sie darauf,
dass Produktivität zumindest zeitweilig zur
gewerbsmäßigen Belustigung dient.
Sollte ein Teil des Lebens ungültig sein,
so ist dadurch nicht die Geltung des
gesamten Daseins in Mitleidenschaft
gezogen. Leben Sie weiter, wenn Sie
mögen. Dies gilt nicht, wenn Sie das
Vertrauen als Lebewesen arglistig verletzen.
- Hendrik Rost
Jahrgang 1969, wurde im Münsterland geboren. Studierte Philosophie und Literaturwissenschaft. Lebt als Autor und Übersetzer mit seiner Familie in Lübeck. Seine Übersetzungen (zusammen mit Mirko Bonné) der Gedichte von Rutger Kopland erschienen 2008 im Hanser Verlag. Im Frühjahr 2010 erschien sein fünfter Gedichtband Der Pilot in der Libelle im Göttinger Wallstein-Verlag.
- Datum 20.10.2011 - 08:00 Uhr
- Serie Politik & Lyrik
- Quelle DIE ZEIT, 20.10.2011 Nr. 43
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Und wo ist das Gedicht?
Entfernt, da unsachlich. Die Redaktion/lv
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