Mathias Döpfner "Ich bin ein Pazifist im Herzen"
Mathias Döpfner, Journalist und Vorstandsvorsitzender der Axel Springer AG, hat ein Freiheits-Buch geschrieben. Ein Gespräch über Rauchverbote, Thilo Sarrazin und Aktmalerei.
DIE ZEIT: Herr Döpfner, Sie haben ein recht persönliches Buch über die Freiheit geschrieben. Werden wir also persönlich: Gab es Momente in Ihrem Leben, in denen Sie sich Ihrer Freiheit beraubt sahen?
Mathias Döpfner: Ich habe Autoritätsmissbrauch gelegentlich als Einschränkung meiner Freiheit empfunden. Das fing schon in der Schule an.
ZEIT: In welchem Fach?
Döpfner: In Deutsch. Wir diskutierten über einen Text, und ich sagte: »Mir gefällt der Jargon nicht, in dem der Text abgefasst ist.« Der Lehrer korrigierte: »Du meinst Genre. Jargon, das Wort gibt’s nicht.« Ich widersprach. Als der Lehrer später merkte, dass ich recht hatte, rächte er sich: Ich bekam im Aufsatz eine Vier. Als ich nachfragte, sagte er: Was willst du denn, ist doch »ausreichend«.
ZEIT: Jetzt sagen Sie nicht, dass das ein typischer 68er-Lehrer war...
Döpfner: Dieser Lehrer nicht, aber in hessischen Schulen der siebziger Jahre war 68 Zeitgeist. Man musste die Lehrer duzen. Noten wurden gruppendynamisch ausdiskutiert. Und da gab es zwei Kategorien von Schülern. Die einen sagten: Wenn der Karl eine Drei hat, dann möchte ich eine Zwei, denn ich habe mich viel mehr beteiligt als der. Andere sagten: Also wenn ich eine Zwei bekomme, kann der Karl höchstens eine Drei kriegen, der war viel schlechter als ich. In diese zwei Kategorien kann man Menschen leider auch im Berufsleben unterteilen. Die einen arbeiten daran, besser zu sein als andere. Die anderen arbeiten daran, andere schlechter aussehen zu lassen als sie selbst.
ZEIT: Sie behaupten in Ihrem Buch, Unternehmer und Künstler seien wesensverwandt.
Döpfner: Beide verbindet ein ausgeprägter Freiheitssinn, beide folgen dem Prinzip, das Joseph Schumpeter »schöpferische Zerstörung« genannt hat. Der erfolgreichste Unternehmer ist oft derjenige, der monomanisch eine Idee verfolgt, gegen die sich Bürokraten und Bewahrer zunächst wehren. Echte Unternehmer spornt das eher an. So wie den Künstler, der sich nicht darum schert, wenn er vom Zeitgeist gesagt bekommt: Nee, du kannst jetzt nicht gegenständlich malen, jetzt ist Konzeptkunst angesagt.
ZEIT: Begreifen Sie sich in Ihrer Arbeit als Vorstandsvorsitzender als Künstler?
Döpfner: Um Gottes willen, nein. Ich bin weder Unternehmer noch Künstler, sondern ein Manager, ein unternehmerisch agierender Angestellter. Ich bin ein Gutsverwalter und nicht Gutsbesitzer. Überdies bin ich Journalist – und als solcher habe ich das Buch geschrieben.
ZEIT: Freiheit bedeutet für Sie die Fähigkeit, in entscheidenden Momenten Nein zu sagen, sich von der Umgebung frei zu machen. Wann haben Sie zuletzt Nein gesagt?
Döpfner: Heute Morgen, als es zwei Anfragen für ein Interview und einen Vorabdruck zu meinem Buch in Zeitungen von Axel Springer gab.
ZEIT: Warum nicht? Weil es eitel gewirkt hätte?
Döpfner: Weil persönliche und professionelle Interessen vermengt und falsch interpretiert werden könnten. Den Anschein des Missbrauchs eigener Blätter wollte ich vermeiden. Es ist einfach sauberer, wenn dieses Buch in den Publikationen des Hauses, dessen Chef ich bin, nicht besprochen wird.
ZEIT: Sie berichten in Ihrem Buch von Nathan Scharansky, dem ehemaligen stellvertretenden Regierungschef in Israel, der den sowjetischen Gulag überlebt hat. Scharansky erzählte Ihnen, dass er das pazifistische Lied Imagine von John Lennon verachte. Es sei ein Anti-Freiheits-Lied.
Döpfner: Er bezog sich auf die Liedzeile: »Stell dir vor, es gibt nichts, für das es wert ist zu sterben.« Das war für ihn ein schrecklicher Gedanke. Die physische Existenz über die eigene Überzeugung zu stellen, empfand er, der im sibirischen Lager gewesen war, als unfrei und feige.
- Datum 24.10.2011 - 16:19 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 20.10.2011 Nr. 43
- Kommentare 18
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Würde Herr Döpfner nur die Hälfte der (pardon) Klischees, die er hier vertritt, ernst nehmen, dann hätte er nicht den Beruf, den er hat.
ich habe auch niemals geglaubt, dass Atomkraftbefürworter in entscheidenden Positionen, sei es als Manager eines Konzerns oder als Politiker oder als Lobbyist, Atomkraft wirklich nach Beschau des eigenen Verstandes und Herzens, jemals wahrhaft befürwortet haben.
Irgendwo muss es zwischen Wahrhaftigkeit und Handeln eine Bruchstelle geben.
Geld? Gier? Geilheit? oder zunehmende Gleichgültigkeit?
Irgendwie nur die mentale Variante desjenigen, den seine finanzielle Not dazu bringt gedankenlos bei Aldi, Lidl oder Kick, etc. einzukaufen.
Moralischer und menschlicher Bankerott eben.
An welchem leider auch ich Anteil habe. Die Kraft zu Widerstehen schwindet einfach.
Und dann rettet man sich in diesen unsäglichen Spruch:
wer mit achtzehn kein Revolutionär ist hat kein Herz und wer mit 40 immer noch einer ist keinen Verstand...
oder so ähnlich.
Das ist, als trüge die Seele Inkontinenz-Windeln und behauptet alles wäre in trockenen Tüchern.
Würde Herr Döpfner die hehrsten seiner Vorsätze im Springer-Konzern verwirklichen –
– nicht auszudenken
– nicht der schwachste Nachhall von wegen "Enteignet Springer!"
– wer will das schon?
ich habe auch niemals geglaubt, dass Atomkraftbefürworter in entscheidenden Positionen, sei es als Manager eines Konzerns oder als Politiker oder als Lobbyist, Atomkraft wirklich nach Beschau des eigenen Verstandes und Herzens, jemals wahrhaft befürwortet haben.
Irgendwo muss es zwischen Wahrhaftigkeit und Handeln eine Bruchstelle geben.
Geld? Gier? Geilheit? oder zunehmende Gleichgültigkeit?
Irgendwie nur die mentale Variante desjenigen, den seine finanzielle Not dazu bringt gedankenlos bei Aldi, Lidl oder Kick, etc. einzukaufen.
Moralischer und menschlicher Bankerott eben.
An welchem leider auch ich Anteil habe. Die Kraft zu Widerstehen schwindet einfach.
Und dann rettet man sich in diesen unsäglichen Spruch:
wer mit achtzehn kein Revolutionär ist hat kein Herz und wer mit 40 immer noch einer ist keinen Verstand...
oder so ähnlich.
Das ist, als trüge die Seele Inkontinenz-Windeln und behauptet alles wäre in trockenen Tüchern.
Würde Herr Döpfner die hehrsten seiner Vorsätze im Springer-Konzern verwirklichen –
– nicht auszudenken
– nicht der schwachste Nachhall von wegen "Enteignet Springer!"
– wer will das schon?
Entfernt. Bitte üben Sie Kritik auf einer sachlichen, respektvollen Ebene. Danke. Die Redaktion/vn
Da weiß man nicht recht, ob Herr Soboczynski dem Herrn Döpfner die Scheu vor der tiefen Kerbe nehmen will oder eine Art Vorbewerbungsgespräch führt, das seinen personensensitiven und unerschrockenen Variantenreichtum demonstrieren soll.
Jedenfalls sticht hervor, dass ein DAX-Vorstand im täglichen geschäftmäßigen Poker bei Eigen- und Firmenpräsentation deutlich beschlagener ist als der Interviewer.
Ich gönne bild.de keinen click und finde die Bild-Zeitung gefährlich. Aber was Herr Döpfner antwortet finde ich durchaus sympathisch. Vor allem seine Aussagen zur Freiheit - kann ich bis auf die wirtschaftliche Seite nur unterstreichen und hoffe, dass er auf die Beschneidung der Bürgerrechte in Sachen Ökofaschismus seinen Einfluss geltend macht.
Ein gelungenes Interview, das Lust macht sein Buch zu kaufen - was ich natürlich nicht machen werde.
" Wir haben, Genossen, liebe Abgeordnete, einen außerordentlich hohen Kontakt mit allen werktätigen Menschen, in überall, ja, wir haben einen Kontakt, ja, wir haben einen Kontakt, ihr werdet gleich hören, ihr werdet gleich hören, warum, ich liebe, ich liebe doch alle, alle Menschen, na, ich liebe doch, ich setze mich doch dafür ein! "
Erich Mielke, ein Humanist im Herzen.
@ZEIT
Wäre nett, dass mal nicht wegzuzensieren.
Danke!
>>> Nein. Man muss sich als Verlag entscheiden, ob man gute oder gehorsame Journalisten will. <<<
Glaubt der Mann das selber? Journalisten heutzutage, die wissen, was sie zu schreiben haben, in welchem Korridor sich ihre Meinungsfreiheit bewegen darf, und welche Ansichten tabu sind.
Zumindest die, die an einer Fortsetzung ihrer Laufbahn interessiert sind.
gerade bei Springer sind alle Journalisten verpflichtet z.B. eine unhinterfragte pro-Israel Berichterstattung abzuliefern.
Unabhängig von Wahrheit und Recherche.
Ähnlich wie bei Murdoch.
Ernsthafte und bedeutende Journalisten wie z.B. Robert Fisk machen so etwas nicht mit.
http://en.wikipedia.org/w...
Es reicht eben nicht ein "Pazifist im Herzen" zu sein und derweil in der Welt zu hetzen und zu lügen.
gerade bei Springer sind alle Journalisten verpflichtet z.B. eine unhinterfragte pro-Israel Berichterstattung abzuliefern.
Unabhängig von Wahrheit und Recherche.
Ähnlich wie bei Murdoch.
Ernsthafte und bedeutende Journalisten wie z.B. Robert Fisk machen so etwas nicht mit.
http://en.wikipedia.org/w...
Es reicht eben nicht ein "Pazifist im Herzen" zu sein und derweil in der Welt zu hetzen und zu lügen.
ich habe auch niemals geglaubt, dass Atomkraftbefürworter in entscheidenden Positionen, sei es als Manager eines Konzerns oder als Politiker oder als Lobbyist, Atomkraft wirklich nach Beschau des eigenen Verstandes und Herzens, jemals wahrhaft befürwortet haben.
Irgendwo muss es zwischen Wahrhaftigkeit und Handeln eine Bruchstelle geben.
Geld? Gier? Geilheit? oder zunehmende Gleichgültigkeit?
Irgendwie nur die mentale Variante desjenigen, den seine finanzielle Not dazu bringt gedankenlos bei Aldi, Lidl oder Kick, etc. einzukaufen.
Moralischer und menschlicher Bankerott eben.
An welchem leider auch ich Anteil habe. Die Kraft zu Widerstehen schwindet einfach.
Und dann rettet man sich in diesen unsäglichen Spruch:
wer mit achtzehn kein Revolutionär ist hat kein Herz und wer mit 40 immer noch einer ist keinen Verstand...
oder so ähnlich.
Das ist, als trüge die Seele Inkontinenz-Windeln und behauptet alles wäre in trockenen Tüchern.
gerade bei Springer sind alle Journalisten verpflichtet z.B. eine unhinterfragte pro-Israel Berichterstattung abzuliefern.
Unabhängig von Wahrheit und Recherche.
Ähnlich wie bei Murdoch.
Ernsthafte und bedeutende Journalisten wie z.B. Robert Fisk machen so etwas nicht mit.
http://en.wikipedia.org/w...
Es reicht eben nicht ein "Pazifist im Herzen" zu sein und derweil in der Welt zu hetzen und zu lügen.
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