Von Woody Allen gibt es eine großartige Kurzgeschichte, bei der zwei Männer, die an verschiedenen Orten wohnen, miteinander Schach spielen. Ihre Spielzüge übermitteln die beiden Spieler per Brief. Doch irgendwann kommen einzelne Briefe nicht mehr an, jeder spielt sein eigenes Spiel, und am Ende »gewinnen« beide, indem sie mit ihrem jeweils letzten Zug den Gegner schachmatt setzen.

An diese Geschichte der Schachspieler Gossage und Vardebedian fühlt man sich erinnert, wenn man die Forschung über den Zusammenhang zwischen Zufriedenheit und Einkommen betrachtet. Im Zentrum steht die Frage: Macht Wirtschaftswachstum die Menschen in einem Land im Durchschnitt zufriedener oder gar glücklicher?

Die Literatur zu diesem Thema hat eine fast vierzigjährige Geschichte. Sie beginnt 1973 mit einem Artikel des amerikanische Ökonomen Richard Easterlin von der University of Southern California. Seine wichtigste Erkenntnis ist unter dem Begriff Easterlin-Paradox bekannt geworden: Es besagt, dass in einem Land zu einem bestimmten Zeitpunkt die Zufriedenheit der Menschen zwar tendenziell umso größer ist, je mehr Einkommen sie haben – ihre durchschnittliche Zufriedenheit längerfristig mit dem Wirtschaftswachstum aber nicht zunimmt. Mit anderen Worten: Die Reichen sind zufriedener als die Armen, aber insgesamt tritt die Gesellschaft trotz Wachstums glücksmäßig auf der Stelle. In meinem 2006 erschienenen Buch »Die Tretmühlen des Glücks« habe ich verschiedene Erklärungen für diesen empirischen Befund geliefert.

Easterlins Erkenntnis blieb aber nicht unwidersprochen. Justin Wolfers und Betsey Stevenson von der Wharton School an der University of Pennsylvania stellen seit einigen Jahren ebenso regelmäßig in ihren Arbeiten das Gegenteil fest: Menschen werden im Durchschnitt zufriedener, wenn es Wirtschaftswachstum gibt. Wie bei der Schachgeschichte von Woody Allen triumphieren am Schluss beide Seiten, indem sie endgültig »beweisen«, dass mehr Einkommen zufriedener beziehungsweise nicht zufriedener macht.

Dass sich aus denselben Daten vollkommen widersprechende Ergebnisse destillieren lassen, ist in der ökonomischen Forschung keineswegs ungewöhnlich. Empirische Datenanalysen mithilfe statistischer Verfahren – Ökonometrie – tragen selten dazu bei, Behauptungen als richtig oder falsch zu entlarven. Durch »geeignete« Auswahl der Daten und des Zeitraums, durch »geeignete« Manipulation der Daten, durch die Auswahl »geeigneter« statistischer Verfahren und durch die Nichtpublikation von Resultaten, die der eigenen Position widersprechen, lassen sich fast alle postulierten Zusammenhänge bestätigen oder falsifizieren.

Das gilt auch in der Glücksforschung. Easterlin »beweist« mit schöner Regelmäßigkeit die zufriedenheitsmäßige Neutralität des Einkommens, und Stevenson und Wolfers »beweisen« immer das Gegenteil. Würden Forscher tatsächlich unvoreingenommen an die Daten herangehen, dann müsste man davon ausgehen, dass dieselben Wissenschaftler immer wieder zu anderen Ergebnissen kommen. Das ist aber praktisch nie der Fall. Statistische Verfahren dienen in der Praxis vor allem dazu, bereits vorgefasste Meinungen beziehungsweise Ideologien zu untermauern.

Betrachten wir den Zusammenhang zwischen Einkommen und Zufriedenheit etwas detaillierter. Zu Beginn der siebziger Jahre stellte Easterlin fest, dass seit den fünfziger Jahren in den USA durchgeführte Umfragen trotz starker Zunahme des materiellen Wohlstands keine Zunahme der durchschnittlichen Lebenszufriedenheit zeigten. Dieses Ergebnis bestätigt sich auch mit neueren Daten. Die seit mehr als 60 Jahren dokumentierte Stagnation der Zufriedenheit in den USA bildet somit die empirisch wichtigste Grundlage für das Easterlin-Paradox.