Götz AlsmannIch hab dich lieb? Das geht!

Französische Chansons, auf Deutsch gesungen – wie klingt denn so was? Ein Interview mit dem Musiker Götz Alsmann über falsche Scham, seine Liebe zur Weltflucht und die neue CD, die er in Paris aufgenommen hat. von 

Götz Alsmann, bislang vor allem für seine Schlager-Interpretationen bekannt

Götz Alsmann, bislang vor allem für seine Schlager-Interpretationen bekannt  |  © Jérome Bonnet

DIE ZEIT: Ihre neue Platte In Paris und die neue Tour widmen Sie dem französischen Chanson. Haben Sie genug deutsche Schlager reanimiert?

Götz Alsmann: Das Wort Chanson bedeutet ja einfach nur »Lied«. Das Chanson ist also der französische Schlager. Die Grundidee der Platte war aber, etwas am Originalschauplatz zu machen. Diese Lust hatte ich immer. Ich habe ja in jungen Jahren auch in Amerika musiziert, in New Orleans, in Memphis. Die Arrangements hätten wir auch in der Mongolei spielen können, aber das Gefühl ist anders. Es geht nicht nur darum, französische Lieder zu singen, sondern wir haben im Studio Ferber aufgenommen, wo alle großen Stars angetreten sind. Wir haben einen Produzenten und einen Tonmeister aus Frankreich. Und das Ergebnis klingt anders.

ZEIT: Wie?

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Alsmann: In der französischen Tradition ist der Sänger immer der Überbringer der Geschichte, selbst wenn gar keine da ist. Die Stimme ist ganz weit vorne, sie wird nicht ertränkt im Gnadenhall, der aus kleinen Stimmen große machen soll. Frankreich hat die Bewegung des nouvelle chanson française, die sich wegwendet von der Imitation angloamerikanischer Pop-Muster, weil man sich sagt: Wir haben doch unsere eigene Pop-Tradition – Aznavour, Jacques Brel! Wir können das doch nicht verludern lassen. Die Franzosen gehen ohnehin ganz anders mit ihren Stars um. Als Charles Trenet 2001 starb, druckte Paris Match eine Sonderausgabe, die man auf der ganzen Welt bekommen konnte. Ich habe die hier in Münster am Hauptbahnhof gekauft! Absolut unvorstellbar, dass der stern für einen deutschen Schlagersänger eine Sondernummer drucken würde.

ZEIT: Was war Ihr Erweckungserlebnis mit französischen Chansons?

Alsmann: Gilbert Bécaud bei Einer wird gewinnen. Mit seinem eigenen Ensemble, alles Männer in schwarzen Helanca-Rollkragenpullovern, dazu ein Hammondorgelspieler mit Sonnenbrille. Bécaud klimperte ein bisschen rum, tätschelte den Musikern auf die Schulter, zog noch mal an der Fluppe und sang Nathalie. Das fand ich großartig.

ZEIT: Wie sind Sie zu Ihrer Liedauswahl gekommen? Einen Klassiker wie La Mer gibt es in 10.000 Varianten – da ist doch die Absturzgefahr für den 10.001. Aufguss gewaltig.

Alsmann: Aber wir schaffen auch erst mal die Chance für eine Fallhöhe. Für meine Platten mit alten deutschen Schlagern habe ich obskures Repertoire ausgegraben. Wenn ich damit spiele, nach Paris zu gehen, um großes französisches Liedgut aufzunehmen, müssen es auch Lieder sein, die sofort mit Frankreich identifiziert werden. Ich habe zum Tonmeister gesagt: Das muss dir doch verrückt vorkommen, dass fünf Deutsche kommen und Stücke spielen, die dir schon zu den Ohren herauskommen. Er schaute mich nur verständnislos an und sagte: Jeder liebt La Mer.

ZEIT: Was ist das Geheimnis dieses Lieds?

Alsmann: Das ist eine Jahrhundertmelodie. Zudem ist es – wie viele Lieder von Trenet – leichtfüßig in den internationalen Jazz- und Swingkanon eingegangen: »Somewhere beyond the sea« – das kennt auch in Amerika jeder. In Frankreich wächst jedes Kind mit La Mer auf. Und dort gibt es nicht das Bedürfnis, die alten Sänger in die Pfanne zu hauen.

ZEIT: Ganz bierernst nehmen Sie die Sache aber auch nicht, wenn etwa bei Boum so eine kleine Orgel loswimmert...

Alsmann: Jetzt aber mal Vorsicht! Das ist meine 1a japanische Jazzorgel aus den Fünfzigern!

ZEIT: Sie erzeugen eine ironische Halbdistanz zum Stoff durch gnadenlose Übertreibung der Stilmittel.

Alsmann: Das ist mir schon zu viel. Ich meine das ernst, nehme es aber nicht so ernst. In jungen Jahren stand mal über mich in einem Programmheft: Der Beste unter den Schlagerparodisten. Ich weiß, dass das nett gemeint ist, aber ich bin definitiv kein Parodist. Am Schluss des neuen Programms singe ich zur Ukulele: »Bei einer kleinen Tasse Tee / saß einst ein armer Chansonnier. / Und das Chanson, an dem er gerade schrieb / das hieß: Ich hab dich lieb.« Es wäre schlimm, wenn ich mich dabei in die Brust schmeißen würde wie der Spatz in die Pferdekacke.

Leserkommentare
  1. Götz Alsmann lässt sich in keine Schublade pressen. Ich bin gespannt auf die CD.

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    Der Mann heißt GöTZ AlSmann. Abschreiben sollte man schon können. Ansonsten finde ich es sehr lobenswert, dass Sie zu Ihrer Ignoranz stehen.

    Um Ihre Frage zu beantworten: http://lmgtfy.com/?q=G%C3...

  3. Der Mann heißt GöTZ AlSmann. Abschreiben sollte man schon können. Ansonsten finde ich es sehr lobenswert, dass Sie zu Ihrer Ignoranz stehen.

    Um Ihre Frage zu beantworten: http://lmgtfy.com/?q=G%C3...

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    Antwort auf "Wer ist Gös Altzmann?"
  4. Hat er nicht Werbung für die Bild-Zeitung gemacht? Ich dachte ich hätte ihn mal auf so einem Plakat gesehen. Dann isser eh verloren...

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    Nö, hat er nicht. Auch Sie hätten das innerhalb einer halben Minute herausfinden können, statt Gerüchte à la "Ich dachte, ich hätte..." in die Welt zu setzen bzw. zu verbreiten.

  5. Nö, hat er nicht. Auch Sie hätten das innerhalb einer halben Minute herausfinden können, statt Gerüchte à la "Ich dachte, ich hätte..." in die Welt zu setzen bzw. zu verbreiten.

    Antwort auf "Hat er?"
  6. "Ich halte den amüsementfreien Konsum von Musik für totalen Quatsch. Den gibt es nicht."
    So etwas hat auch niemand ernsthaft behauptet.

    "Und wenn es nur das Amüsement der Eitelkeit ist: Ah, ich fühle mich total wohl in diesem Stockhausen-Konzert! Und hoffentlich sieht mich jeder dabei..."
    Diese Aussage zielt völlig unter die Gürtellinie.
    Das hätte Alsmann besser nicht gesagt.

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    Mit wem oder was wird Stockhausen denn verglichen? Und was ist daran "geschmacklos"?
    Haben Sie überhaupt bemerkt, wen Alsmann mit seiner Bemerkung kritisieren möchte? Ich gebe Ihnen einen Tipp: Stockhausen ist es nicht.

    Was für Sie "unter der Gürtellinie" war, sollten Sie auch noch einmal erläutern. Ich glaube, ich bin nicht der einzige, der Ihre Kritik in diesem Punkt nicht nachvollziehen kann.

  7. Mit wem oder was wird Stockhausen denn verglichen? Und was ist daran "geschmacklos"?
    Haben Sie überhaupt bemerkt, wen Alsmann mit seiner Bemerkung kritisieren möchte? Ich gebe Ihnen einen Tipp: Stockhausen ist es nicht.

  8. Was für Sie "unter der Gürtellinie" war, sollten Sie auch noch einmal erläutern. Ich glaube, ich bin nicht der einzige, der Ihre Kritik in diesem Punkt nicht nachvollziehen kann.

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