Krankenstand : Hilfe von Doc Holiday

Jetzt, im Herbst, wollen sich 200.000 Gesunde von ihrem Arzt krankschreiben lassen. Eine gefährliche Schummelei

Die 41-jährige IT-Beraterin fühlte sich unwohl, überlastet, psychisch angeschlagen. Also meldete sie sich bei ihrem Arbeitgeber krank und ließ sich von ihrem Hausarzt einen gelben Schein ausstellen. So weit, so üblich.

Doch dann erfuhr ihr Arbeitgeber, dass die gestresste Mitarbeiterin in der Rekonvaleszenz den Baden-Marathon in Karlsruhe in fünf Stunden und zehn Minuten bewältigen konnte. Die Firma behielt den Lohn ein, die IT-Beraterin zog vor das Mannheimer Arbeitsgericht – und verlor im Februar dieses Jahres den Prozess . Begründung: Auch ein Marathon ist erheblicher psychischer Stress.

Ohne den gelben Schein, korrekter: die Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung, hätte sich die IT-Beraterin gar nicht erst von der Arbeit abmelden können. Der Schein ist das Ticket in die kleine Auszeit – und der Arzt der Wächter über dieses begehrte Dokument. Statistisch gesehen, schreiben Ärzte an jedem Werktag allein 55.000 AOK-Mitglieder krank. In den meisten Fällen ist die Sache eindeutig, der schniefende Patient braucht einfach ein paar Tage Ruhe. Anders sieht die Sache aus, wenn er mit rosigen Wangen auf das Attest besteht. Laut einer Umfrage und Hochrechnung des Marktforschungsinstituts TNS-Emid im Auftrag von börsennews.de wollen sich allein in diesem Herbst 200.000 gesunde Arbeitnehmer krankschreiben lassen. Im Herbst, weil es wegen der grassierenden Erkältungskrankheiten weniger auffällt.

Plötzlich sieht sich der Mediziner im Spannungsfeld unterschiedlicher Interessen. Der Patient will den Entschuldigungszettel für den Sonderurlaub; der Arbeitgeber möglichst bald seinen Mitarbeiter zurück, denn jeder Tag, den dieser fehlt, kostet. Oft entscheiden sich die Ärzte im Sinne ihrer Patienten.

Offizielle Statistiken darüber, wie oft Ärzte aus Gefälligkeit jemanden krankschreiben, gibt es nicht. Es ist ein heikles Thema, über das niemand gerne spricht. Personalabteilungen großer Unternehmen wimmeln freundlich ab, die Diskussion um Blaumacher könnte den Betriebsfrieden stören. Die Kassenärztliche Bundesvereinigung lässt per E-Mail wissen: »Dazu haben wir keine Angaben.«

Und die Krankenkassen, denen Daten über besonders häufige Krankschreiber vorliegen müssten, geben sich ebenfalls zugeknöpft. Dass sie nicht ganz ahnungslos sind, zeigte ein Zwischenfall vor acht Jahren. Damals informierte die City BKK, als sie noch BKK Hamburg hieß, 2.000 Hamburger Arbeitgeber über zehn Ärzte mit auffälligen Krankschreibegewohnheiten. Es war ein Tabubruch, der nicht lange währte. Die Krankenkassenaufsicht der Gesundheitsbehörde verbot die Liste.

So bleibt das Geheimnis, ob eine Krankschreibung rechtens ist, für gewöhnlich im Sprechzimmer. Aber es gibt Hinweise darauf, dass willfährige Hausärzte nicht selten sind. Ende vergangenen Jahres schickten Reporter des ZDF gesunde Test-Kranke zu Hausärzten, Anfang des Jahres war es Bild und Anfang März das TV-Magazin Plusminus . Fast alle Mediziner waren sofort – und ohne Untersuchung – bereit, die gesunden Tester krankzuschreiben. Manche zückten selbst auf den plumpen Zuruf: »Ich habe keine Lust zum Arbeiten«, willig ihren Kugelschreiber für das Attest.

Dem Arzt, der falsche Atteste ausstellt, drohen zwei Jahre Haft

Die Vizepräsidentin der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin , Erika Baum, nimmt die sorglose Praxis ihrer Kollegen gelassen. »Es gibt ein paar schwarze Schafe«, räumt sie ein. Ansonsten sehe sie keinen Grund zur Aufregung. Es sei eben gerade bei kurzen Krankschreibungen schwierig, die Richtigkeit der Patienten-Angaben zu überprüfen. Für Kopfschmerzen gibt es kein Messverfahren. »Und im Zweifelsfall nehmen die Ärzte eben Partei für ihre Patienten«, sagt Baum.

So harmlos wie die Allgemeinmedizinerin die Sache darstellt, ist sie indes nicht. Was selbst viele Mediziner nicht wissen: Dem Arzt, der »unrichtige Gesundheitszeugnisse« ausstellt, drohen nach Paragraf 278 Strafgesetzbuch zwei Jahre Gefängnis oder eine Geldstrafe. Doch verurteilt werden Ärzte für diese Straftat höchst selten, und das, obwohl ihre Atteste regelmäßig auch vor Gericht landen. Wenn, wie im Fall der IT-Beraterin, die Diskrepanz zwischen Diagnose und Lebensführung zu auffällig ist, geht es häufig vor das Arbeitsgericht.

Die Hamburger Arbeitsrichterin Birgit Voßkühler schätzt, dass im Stadtstaat auf diese Weise mehr als 250 solcher Verfahren jährlich zusammenkommen. Das zentrale Beweisstück ist jedes Mal die Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung. »Wenn der Arzt mit dem gelben Schein bestätigt, dass der Arbeitnehmer krank ist«, sagt Voßkühler, »dann ist er das für den Richter auch.« Der Arbeitnehmer bekommt recht, auch wenn der Arbeitsrichterin die Atteste manchmal zweifelhaft erscheinen. Das Arbeitsgericht sei nun mal ein Zivilgericht, sagt Voßkühler, »es wird nicht wie Strafgerichte von sich aus ermittelnd tätig«. Ihr sei kein Fall bekannt, in dem das Arbeitsgericht ein solches Verfahren zur Strafverfolgung an die Staatsanwaltschaft weitergeleitet habe.

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Kommentare

48 Kommentare Seite 1 von 8 Kommentieren

Hahnebüchenes Rechtschaffenheitsempfinden der Ärzte

"Plötzlich sieht sich der Mediziner im Spannungsfeld UNTERSCHIEDLICHER INTERESSEN. Der Patient will den Entschuldigungszettel für den SONDERURLAUB; der Arbeitgeber möglichst bald seinen Mitarbeiter zurück, denn jeder Tag, den dieser fehlt, kostet. Oft entscheiden sich die Ärzte im Sinne ihrer Patienten."

Geht's noch: ein Medizinier sollte eigentlich nur EIN Interesse haben: die Krankheit richtig zu diagnostizieren und dementsprechend krank zu schreiben.

Wo nichts zu diagnostizieren ist, sollte auch nicht krank geschrieben werden.

Einfacher geht's doch im Grunde genommen gar nicht!

ist natürlich auch Unsinn

"Wo nichts zu diagnostizieren ist, sollte auch nicht krank geschrieben werden."
Sie machen es sich da ein bißchen einfach.

Zu viele Krankheiten bleiben unentdeckt, weil der Arzt im Trott ist und nicht nach rechts und links guckt. Das Hausarztprinzip unterstützt das auch noch. Oft hilft da, einen anderen Arzt mal schauen zu lassen.

Um auf das Problem des Artikels zu kommen, ich denke das gleicht sich aus mit den vielen Menschen, die noch krank zur Arbeit gehen, dabei riskieren Mitarbeiter anzustecken und gefährliche Nacherkrankungen zu entwickeln. Ich sehe das deutlich mehr als Angestellte, die sich locker einen gelben Schein ausstellen lassen. Selbst kranke Menschen, die eine Krankschreibung bekommen haben geben sie oft nicht ab und gehen weiterarbeiten. Die Unternehmen haben ihre Mitarbeiter dermaßen reduziert, dass oft die Arbeit nicht mehr von den anderen übernommen werden kann, sie bleibt dann liegen.

Oh wie einfach...

Schwarz ist schwarz und weiß ist weiß. Alle psychischen Störungen sind nur über die Glaubwürdigkeit des Patienten in der Darstellung seiner Symptome zu diagnostizieren. Gleiches gilt für Schmerzerkrakungen.

Wenn Sie so klug sind, dann machen Sie doch einfach den Job. Fangen Sie doch am besten am Montag an. Da geht es dann gleich um 800h in den Allgeminarztpraxen mit dem blauen Montag los. Viel Spaß.

Diagnosen sind nie objektiv

Ein Mensch ist halt keine Maschine die sich analysieren lässt a lá "Ja ich seh schon, das Teil muss repariert werden..."

Was erwarten Sie von den Ärzten? Lügendetektoren im Sprechzimmer, Verhörerfahrung? Ich nehme es Ärzten nicht übel dass sie IM ZWEIFEL lieber einen Patienten zuviel wegen einer Kurzerkältung ("Magen-Darm-Grippe" mit Durchfall als Klassiker) krankschreibt als einen zu wenig. Nicht nur um des Patienten Wohl willen - die Arbeitgeber sind die ersten die "Skandal" schreien und mit Regressansprüchen auf der Matte stehen wenn zB ein Arbeitnehmer mit einer Magen-Darm-Grippe und Durchfall dann doch zum Dienst in einem Restaurant, Kiosk, Metzgerei, Bäckerei etc. antritt weil er nicht krankgeschrieben wurde - nach dem Urteil des Arztes also seiner normalen Tätigkeit nachgehen kann - und dabei die Waren verunreinigt und Kunden reihenweise ebenfalls erkranken.

Man muss sich das doch nur mal praktisch überlegen.

Im Übrigen gibt es durchaus Diagnosen a lá Erschöpfungszustand, ich bin kein Mediziner aber die Zeiten in denen man sagt "der soll sich nicht so haben" sind hoffentlich vorbei! Erschöpfung oder gar Depression sind äußerst ernstzunehmende Probleme, die freilich nicht mit Laborwerten meßbar sind aber wo die Betroffenen einfach Ruhe und Erholung sind - und ARBEITSUNFÄHIG sind, wie es auch auf der entsprechenden Bescheinigung steht! Übrigens: beim stetig steigenden Arbeitsdruck und Stress in den Firmen haben die Arbeitgeber eine gehörige Mitschuld daran.

Ansteckungsrisiko

"ich denke das gleicht sich aus mit den vielen Menschen, die noch krank zur Arbeit gehen, dabei riskieren Mitarbeiter anzustecken und gefährliche Nacherkrankungen zu entwickeln."

Alles Quatsch: mit dieser Haltung gäbe es keine Gesundheitsversorgung, hat es ein Arzt doch bei der Arbeit ständig mit Menschen zu tun, die ihn anstecken könnten - und dann werden später auch noch gefährliche Nacherkrankungen entwickelt.
Ich habe als Arzt in 17 Jahre in der Praxis 7 Tage wegen Krankheit gefehlt - weils einfach nicht mehr ging. Ohne Krankschreibung, da selbstständig. Daß ich dazwischen häufig angekränkelt gearbeitet habe, hat NIE einen Patienten interessiert.

Wenn krank dann krankschreiben

Das finde ich aber auch! Ein Arzt muss doch wissen, ob jemand krank ist oder nicht. Schließlich hat er eine jahrelange Ausbildung genossen und wird dafür fürstlich entlohnt. Schließlich sollte auch jahrelange Berufserfahrung dazu führen, arbeitsunwillige Simmulanten von wirklich arbeitsunfähigen Kranken zu unterscheiden. Wenn der Arzt eine Krankheit nicht 100 prozentig diagnostizieren kann, tja dann sollte man sich schon fragen, wer sonst, wenn nicht der Arzt. Also für mich ist auch klar, wenn krank, krankschreiben, wenn nicht krank, dann zurück an die Arbeit.

So leicht ist das nicht

Der Arzt kann definitiv sagen, ob jemand Krank ist, wenn er die Symptome hat. Er ist aber auch oft auf die Beschreibung der Symptome angewiesen. Kommt jemand mit Symptomen daher, die der Arzt nur schwer oder nicht überprüfen kann, wird der Arzt ihn oder sie idR Krank schreiben.

Nehmen wir mal an ein Staplerfahrer geht zum Arzt wegen Mattigkeit und Unwohlsein und will sich 2 Tage krank schreiben lassen. Danach ist Wochenende und am Mo wird er wohl wieder Fit sein. Der Arzt kann ihn krankschreiben (und wird in dem Falle wohl sagen wenn es nicht besser wird soll er nochmal kommen). Oder er kann ihn nicht krank schreiben. Was ist, wenn er nicht krank geschrieben wird und auf der Arbeit einen Unfall baut und Jemand dabei zu Schaden kommt?
Zudem ist der Arzt in erster Linie an der Gesundheit des Patienten interessiert.

Was ist schlimmer? x Leute in den unverdienten Urlaub zu schicken oder die Gesundheit von y Patienten zu gefährden?
selbst wenn y deutlich kleiner als x sein sollte, wiegt das körperliche Wohlergehen einer Person mehr als die wirtschaftlichen Interessen mehrerer Unternehmer.

Der Arzt mit dem Röntgenblick

oder der Arzt der Gedanken lesen kann oder der Arzt, der bei jeder Person, der seine Praxis betritt gleich ablesen kann, ob sie krank ist oder nur die Krankheit simuliert, scheint im Volksglauben noch zu existieren.

Daher würde die Behauptung, dass ein Arzt relativ oft es einfach nicht weiß, was der Patient, der vor ihm steht, wirklich hat und vor allem welche Ursachen die Beschwerden haben, Mythen und Weltbilder von den Fähigkeiten dieses hochgeschätzten Berufes zerstören.

Ärzte sind weder Propheten, Gedankenleser noch Wunderheiler und können sich einfach nur dem eigenen Wissen und Erfahrung, diagnostischen Befunden (Labor, Röntgen, usw) und den Aussagen der Patienten stützen, wenn sie eine Diagnose stellen oder eine Therapie verordnen. In vielen Fällen können sie die Beschwerden eines Simulanten nicht von denen eines „echten“ Kranken unterscheiden, besonders dann wenn die Symptome durch psycho-somatische oder psychische Belastungen oder Störungen verursacht werden. Und davon gibt es in der heutigen Arbeitswelt jede Menge!

Es wäre fatal dem Patienten nicht zu glauben und das würde kein Arzt riskieren, denn schließlich sollten sowohl der Arzt als auch der Arbeitgeber sich um die Gesundheit und das Wohlbefinden des Arbeiters sorgen, was in der heutigen Zeit, bei einem so starken Interesse-Spannungsfeld nicht mehr zu einer Selbstverständlichkeit gehört.

naja...

Naja es gibt da die einen, die einfach nen Tag Sonderurlaub wollen und andere die es benötigen, da sie sonst wirklich kaputt gehen.
Den Unterschied wird ein Arzt aber nicht in 5-10min erkennen. (länger geht doch eine Untersuchung heute kaum)
Die Ärzte müssten sich Zeit nehmen und den Patienten mal zuhören und nicht nur Pillen hinterherwerfen.

my two cents

Chris

Und die ganzen Arbeitnehmer die krank zur Arbeit gehen?

Wenn ein Arzt jemanden krank schreibt, dann ist diese Person per Definition krank.
Ich habe das bei meiner Frau erleben dürfen. Sie wurde als Krankenschwester intensiv gemobbt (sie war zu alt!). Das Ergebnis war, daß sie schwere Herzrhythmusstörungen bekam, die auch heute noch nicht wieder behoben sind (sie ist inzwischen Rentnerin). Zum Glück hatte sie damals einen Arzt, der sie krank schrieb. Das Krankenhaus schickte sie grundsätzlich alle 2 Wochen zum arbeitsmedizinischen Dienst! Aber auch dort hatte sie wieder Glück, denn bis auf eine durchgeknallte Psychologin bestätigten alle, daß sie wirklich krank war.
Gerade bei älteren Arbeitnehmern ist es häufig, daß sie unter Druck gesetzt werden - man nennt das auch Mobbing. Und wenn diese dann krank werden, so wird das oft mit ihrem Alter und der mangelnden Leistungsfähigkeit begründet. Und dann kann man dieser Person schon mal betriebsbedingt kündigen.

Ich bin der Meinung, daß Ärzte noch viel mehr krank schreiben sollten. Nur damit die Arbeitgeber endlich einmal lernen, daß sie keine Sklaven sondern Menschen beschäftigen. Und daß zur Fürsorgepflicht eines Arbeitergebers auch die Gesunderhaltung der Mitarbeiter gehört.

Ein wichtiger und richtiger

Beitrag gquell. Man sollte vielleicht auch noch die derzeit etwa eine millionen Leiharbeiter berücksichtigen, für die zumindest in den ersten Jahren ein Krankeschein einer Kündigung gleichkommt. Die gehen schon aus Angst vor dem Arbeitsplatzverlust malochen, auch wenn der Verdienst eines Facharbeiters zumeist zum Leben nicht reicht. Den meisten anderen Arbeitnehmern geht es nicht viel besser. Die regelmäßigen gelben Scheine können sich nur noch Angestellte im öffentlichen Dienst wirklich leisten. Und wenn es nicht übertrieben wird, ist es auch gut so.

Der Artikel findet sicherlich die Billigung der INSM.