Seit Monaten wird spekuliert: Werden die Chinesen Europa retten ? Zumindest ein bisschen? Und wenn ja, welchen politischen Preis werden die Europäer dafür zu zahlen haben? Sollen sie China als moderne Marktwirtschaft anerkennen, wie Premier Wen Jiabao kürzlich wenig verhohlen zu verstehen gab?

Im Prinzip würden sie sich ja fantastisch ergänzen: Die Europäer brauchen derzeit viel Geld, und die Chinesen haben es. Währungsreserven im Wert von 3,2 Billionen Dollar, angelegt bisher zum großen Teil bei den Amerikanern.

Am Dienstag berichtete die parteinahe Global Times, dass China der EU »ein geheimes Angebot« gemacht habe. Sie stützte sich dabei auf einen Bericht der Sunday Times, die sich wiederum auf eine »Quelle im Umkreis der G20 Gespräche, die am Samstag in Paris stattfanden« stützte – mediale Flüsterpost also. Chinesische Offizielle sollen erklärt haben, dass Peking willens sei, in die Infrastruktur krisengeschüttelter Länder zu investieren. Auch stünden chinesische Banken bereit, mehr europäische Staatsschulden zu kaufen. Zuvor wolle Peking allerdings erst weitere Budgetkürzungen und Strukturreformen sehen.

Deutlicher machte es am Montag Jin Liqun, Aufsichtsratsvorsitzender der China Investment Corporation, des mächtigen chinesischen Staatsfonds. »Die Wurzel des ganzen Ärgers sind der überbordende Sozialstaat ... und die faul und träge machenden Arbeitsgesetze. Die Menschen müssen härter und länger arbeiten«, sagte er laut der australischen Nachrichtenwebsite news.com.au.

So dreht sich die Welt. Einst erfand Europa die Stechuhr und den Calvinismus, während ein chinesischer Schriftsteller wie Lin Yutang noch in den zwanziger Jahren die westliche Hektik verabscheute und stattdessen eine asiatische »Philosophie des Faulenzens, die aus einem faulen Leben geboren wurde« feierte. Und nun werfen Chinesen den Europäern Trägheit vor.

Der chinesische Staatsfonds werde einen »marktorientierten« Ansatz in Europa verfolgen, kündigte Jin an. »Ich hasse es, die Wörter Rettung und Hilfe zu gebrauchen. Die Euro-Zone ist eine der wenigen politischen und ökonomischen Einrichtungen, die Wohltätigkeit von China verlangen. Wir respektieren euch, bitte respektiert euch selbst!« Europäische Führer müssten den »Schneid« haben, Reformen anzupacken, so wie es die Asiaten auch getan hätten, als sie mit der Asienkrise zu kämpfen hatten.

Im chinesischen Außenministerium spricht man eine andere Sprache. China wolle Europa nicht bevormunden, man werde ein Engagement nicht an spezifische Bedingungen knüpfen, verlautet es aus hohen Diplomatenkreisen kurz vor dem Gipfel zwischen China und der EU am 25. Oktober in Tianjin. Auch wenn man selbstverständlich weiterhin sehr an der Anerkennung als Marktwirtschaft und der Aufhebung des Waffenembargos interessiert sei. Die Ursachen der Probleme sieht man hier ähnlich wie beim Staatsfonds: Europa habe sich zu sehr auf den Konsum konzentriert und zu wenig investiert, um Wohlstand zu erzeugen. China werde Europa beistehen, aber keiner könne Europa retten, solange die Europäer ihre Probleme nicht selbst anpackten. Interessant sei sowieso die Frage: Können die Europäer akzeptieren, dass Geld nicht mehr nur von den Industrieländern zu Entwicklungsländern fließe, sondern auch umgekehrt?

Doch wie viel Geld ist denn bisher nun eigentlich – jenseits der ganzen medialen Aufregung – von China nach Europa geflossen? Exakt bestimmen lässt sich das nicht. Die chinesische Seite äußert sich nicht, und viele europäische Länder haben ein ähnliches System wie Deutschland: Sie wissen gar nicht so genau, wer ihre Staatsschulden kauft. Laut Li Changan, Universitätsprofessor in Peking, hält China europäische Schulden im Wert von umgerechnet etwa 900 Milliarden Dollar. Nur 10 Milliarden, maximal 20 Milliarden davon sollen nach Informationen ausländischer Diplomaten aber Staatsschulden krisengeplagter Euro-Länder betreffen. Peking habe vor allem in relativ sichere deutsche Staatsanleihen investiert.

China will die EU unterstützen – schon allein, weil sie der wichtigste Handelspartner ist und unter einem Einbruch der europäischen Nachfrage die chinesische Exportindustrie leiden würde. Das Land hat auch kein Interesse daran, dass der Euro kollabiert. Ein rein vom Dollar dominiertes Finanzsystem wäre der Albtraum Pekings. Und doch: Man will keine Risiken eingehen. Peking will seine Währungsreserven sicher anlegen und sich nicht zu Investitionsabenteuern hinreißen lassen. Deshalb sind all jene Szenarien heillos übertrieben, die unterstellen, Peking baue derzeit ein ähnliches Verhältnis zur EU auf, wie es bereits zu Afrika bestehe. Davon ist man sehr weit entfernt. Das chinesische Investment in der EU ist, wenngleich es schnell gewachsen ist, noch immer sehr gering. Und auch wenn Länder wie Griechenland versuchen, Häfen, Bahn und weiteres Tafelsilber an die Chinesen zu verkaufen – diese überlegen sich sehr genau, für was sie wie viel Geld ausgeben.

Was hingegen den politischen Preis anbelangt, so kommen einige Länder den Chinesen von sich aus sehr weit entgegen. Das krisengeplagte Ungarn zum Beispiel, das nicht zur Euro-Zone gehört und derzeit vom Rechtspopulisten Viktor Orbán regiert wird. Noch als Oppositionspolitiker trat der für die Sache Tibets ein, was sich schnell änderte, als Ungarn Geld brauchte. Als im Sommer der Besuch Wen Jiabaos anstand, hatten Exiltibeter eine Demo geplant. Daraus wurde nichts: Sie alle hatten plötzlich Samstagvormittag einen Termin. Beim Ausländeramt.