Frieze Art LondonFlexible Porträts

Auf der Messe Frieze und den Auktionen in London zeigt sich der Kunstmarkt unbeeindruckt von der Finanzkrise. von Tobias Timm

Manches Kunstwerk funktioniert wie ein Spiegel, und zwar im wörtlichen Sinne. Man stellt sich vor das Kunstwerk und sieht sich selbst. Viele Sammler scheinen diesen Effekt zu schätzen, Spiegel, sagt der Galerist Johann König, »gehen immer gut«. Und so konnte man sich vergangene Woche in London wieder viel in der Kunst spiegeln. Zur Kunstmesse Frieze waren 170 Galerien angereist, zudem veranstalteten die Auktionshäuser Sotheby’s, Christie’s, Phillips de Pury und Bonhams gleichzeitig ihre großen Auktionen für zeitgenössische Kunst. Auf der Frieze, da waren sich die Beobachter einig, gab es dieses Jahr wenig Neues zu sehen, dafür hatten die Galeristen in den Zeiten der Krise auffallend viel Flachware im Angebot, Gemälde also, Fotografien – und eben Spiegel.

Gagosian, die wirtschaftlich wohl erfolgreichste Galerie der Welt, zeigte einen Spiegel von Douglas Gordon (Aufschrift It’s not about you und spiegelverkehrt It’s all about you ) für 150.000 Dollar, Sadie Coles bot einen fragmentierten Spiegel von Jim Lambie für 95.000 Pfund an und die Londoner Lisson Gallery zwei Spiegelskulpturen des Londoner Künstlers Anish Kapoor. Die größere der beiden Skulpturen, dem Zerrspiegel eines Jahrmarktes nicht unähnlich, sollte 1,8 Millionen Pfund kosten. Auch in den Auktionshäusern fanden die Sammler Material für ganze Spiegelsäle: Eine zerknitterte Spiegelfolie von Anselm Reyle verkaufte sich bei Philipps de Pury für knapp 100.000 Pfund (alle Preise inklusive Aufpreis), ein Silberbild von Jacob Kassay, in dem sich der Betrachter immerhin verschwommen sieht, kostete im gleichen Haus gut 160.000 Pfund.

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Mit Bangen hatte der internationale Kunstmarkt die Messe- und Auktionswoche in London erwartet, war sie doch der erste große Test für den Kunstmarkt seit der Verschärfung der Euro-Krise und den Börsenabstürzen im Sommer. Würden sich die vielen Werke – auf insgesamt eine halbe Milliarde Dollar geschätzt – verkaufen lassen?

Die Antwort lautet: Überwiegend ja. Ein Absturz des Kunstmarkts wie nach dem Fall von Lehman Brothers blieb aus . Bei Christie’s konnte ein neuer Rekordpreis für ein Gemälde von Gerhard Richter aufgestellt werden: Eines seiner über zwanzig Kerzenbilder kostete den Meistbietenden knapp 10,5 Millionen Pfund. Unverständlich und absurd wie die Bankenkrise seien die Preise, die für seine Kunst gezahlt werden, hatte Gerhard Richter wenige Tage vor der Auktion bei der Eröffnung seiner großen Retrospektive in der Tate Modern gesagt.

Für Christie’s war die Auktion auch sonst recht erfolgreich verlaufen, bei Sotheby’s und vor allem bei Philipps de Pury lief es weniger gut, da gab es Werke, die konnten gar nicht oder nur unter dem Schätzwert versteigert werden. Eine Ausnahme waren selbstverständlich die Spiegelbilder von Jacob Kassay, von dem eines auch bei Sotheby’s für gut 145.000 Pfund wegging (Schätzpreis: 50.000 bis 70.000 Pfund). Ein weiteres Spiegelbild des 1984 in New York geborenen Kassay hing übrigens in der Eröffnungsausstellung der neuen Filiale der Galerie White Cube – mit knapp 6.000 Quadratmeter Fläche gilt diese dritte Dependance des Londoner Galeristen von Künstlern wie Damien Hirst und Tracey Emin nun als Europas größte kommerzielle Ausstellungshalle.

Allein die private rooms, in denen nur die besonders potenten Sammler ausgewählte Kunst gezeigt bekommen, haben bei White Cube die Anmutung einer ausgewachsenen Kunsthalle. Die Gelder für öffentliche Kunstinstitutionen hat die rechtsliberale Regierung übrigens drastisch gekürzt.

Leserkommentare
    • Azenion
    • 20. Oktober 2011 17:01 Uhr

    Die Anzahl der Superreichen steigt -- irgendwo muß das Geld ja bleiben, für das die arbeitende Bevölkerung den Gürtel enger schnallen soll.

    Also ist es keine Überraschung, daß im völlig abgehobenen Luxussegment des Marktes beste Kauflaune herrscht.

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  1. 2. Krise

    Die Krise betrifft auch kaum das Klientel der Auktionen, ich würde eher raten, dass die dort beheimateten von der Krise profitiert haben.

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