Die Schriftstellerin Daniela Krien © Gerald von Foris/Graf Verlag

Daniela Krien lebt zwar in Leipzig, kommt aber nicht aus der Leipziger Schreibschmiede. Und so hat sie ihren ersten Roman nicht unter professoraler Obhut geschrieben, sondern ihn in einem wohl fast rauschhaften Zustand hingefegt. In zwei Wochen und fünf Tagen, wie sie selber sagt. Dann hat sie lange an der Rohfassung gearbeitet. Herausgekommen ist ein erstaunliches Debüt, weil die 1975 geborene Krien über eine fast archaisch anmutende Leidenschaft in wundersam altmodischer Ernsthaftigkeit schreibt.

Dabei beginnt alles ganz gemächlich. Wir schreiben das Jahr 1990. Ein heißer Sommer. Die DDR gibt es nicht mehr, die Vereinigung hat noch nicht stattgefunden. Es ist Heuwendezeit. Maria ist fast 17 und lebt mit ihrem Freund Johannes auf dem Hof seiner Eltern. Die Familie hat sie liebenswürdig aufgenommen. Obgleich das Mädchen die Schule schwänzt und am liebsten rauchend Die Brüder Karamasow verschlingt. Doch dann kocht sie ihre erste Suppe, backt einen Kuchen, fegt den Hof. Und wird rot vor Glück, wenn man sie lobt.

Eine ländliche Idylle mit Pausbackencharme? Wahrlich nicht. Schon allemal nicht, wenn die schiere Lust ihren Schlangenkopf reckt. Maria nämlich verstrickt sich in eine so berauschende wie gefährliche erotische Obsession. Mit dem Henner vom Nachbarhof. Er ist 40, lebt allein, trinkt und gilt als wild und schwierig. Sie hat schon gehört von ihm, bevor sie ihn zum ersten Mal sieht. Er hat keinen guten Ruf im Dorf. Aber er will sie. Und sie ihn. Mit jeder Faser ihres Körpers und vielleicht auch ihrer Seele, wer will das unterscheiden in dem unentrinnbaren Verlangen, das sie immer wieder zu ihm gehen heißt. Sie lügt und schämt sich und schleicht, wie von Seilen gezogen, zu seinem Hof. Sie kann nicht anders. Nein, das ist keine Beziehung, wie man heute so gern sagt, wenn Mann und Frau sich zusammentun, das ist eine Passion, in all ihrer Herrlichkeit und in ihrem Leiden.

Und Daniela Krien fürchtet sich nicht vor der Wucht der Leidenschaft. Lässt sich nicht einschüchtern von Liebe, Sex und Lüge – und nicht einmal von Gewalt. Sie umtänzelt nicht wortscheu die Macht des Begehrens und des Schmerzes, sondern schreibt sich verwegen hinein in seine glühende Mitte. Mit Lakonie und auch mit Pathos. Das nicht hineintölpelt in den Text, sondern gesetzt wird. Kontrolliert bleibt. Auch und gerade in den unkontrollierten Stunden und Nächten, in denen Maria bei dem Henner ist. Der alles mit ihr machen darf. Und es nutzt. Das ist keine romantische Liebe, sondern Liebesgewalt. So voller Sinnenlust, aber auch so grob bisweilen, dass Maria wimmert und fiebert. Und es am nächsten Tag kaum abwarten kann, zurückzukehren zu dem Mann.

Das könnte man jetzt alles ganz fragwürdig finden, könnte dieses ungleiche Paar in seinem Verhältnis als prä- oder postfeministische Entgleisung bemäkeln, die Geschichte als nicht politisch korrekt denunzieren. Doch sie besticht in ihrer unverstellten Aufrichtigkeit. Man glaubt ihr. Es gibt die Obsession – also wird sie beschrieben. Es gibt Gewalt, Freude, Scham und Betrug – also werden sie benannt.

Der Roman fliegt und bleibt geerdet. Im Leben auf dem Bauernhof. In der Familie. Mit Großmutter und Großknecht, die wohl mal ein Paar waren, vielleicht sogar ein Kind hatten zusammen. Mit Johannes. Diesem liebenswerten Abiturienten, der Maria mit keiner Berührung so erbeben lassen kann wie Henner mit einem Blick. Mit Johannes’ Eltern, die das Leben so herzlich und pragmatisch anpacken und so verunsichert sind ob der neuen Zeiten. Wie muss man den Hof umstrukturieren, um überleben zu können? Was tun, wenn der älteste Sohn Fotograf werden will, statt sein Erbe anzutreten? Wie dem verführerischen Westen und den eigenen auch unsinnigen Konsumgelüsten widerstehen? Ins Bad der Bäuerin schleichen sich Parfums und Hautcremes.