Martin Mosebach bleibt auf seinen Reisen immun gegen jeden Wunsch, in die Haut der anderen zu schlüpfen. Die kulturelle Verwandlung berühmter Reisender (exemplarisch der Ethnologe Frank H. Cushing, der sich einst tänzelnd im Gewand eines Zuñi-Priesters zeigte) ist ihm fremd – und jedes Foto, das ihn mit seinem von Eleganz und Distanziertheit geprägten Habitus zeigt, bestätigt dies.

Die von ihm in seinem neuen Essayband Als das Reisen noch geholfen hat gewählte Position der Distanz ist eine Stärke, vermeidet sie doch die Illusion, man könne die fremde Kultur von innen heraus, mit den Augen der anderen, sehen und sich deren Kleider anziehen. Sie trägt aber auch die Spur einer Schwäche in sich, weil sie sich nicht mit vollem Risiko auf die Brüche, auch auf die mögliche Schönheit des Verfalls, des Niedergangs von Kultur und geschichtlich gewachsener Größe einlässt.

Wählt Mosebach also zu schnell den Rückzug auf die Position des Diagnostikers und unterwirft die wahrgenommenen Phänomene seiner kulturkritischen Position? Kommen deswegen die Absurdität, das Burleske und Theatralische in seinen Reiseerzählungen nur ungenügend zur Darstellung? Keineswegs. Denn es ist von wunderbarer Komik, wenn ein Heiliger in einer indischen Höhle stolz sein Telefon vorzeigt. Und die Parabolschüsseln im marokkanischen Fes beschreibt Mosebach selbst als ein »Meer von weißen Ohren ... dem Himmel zugewandt«, dem man doch auch »Poesie« abgewinnen kann. In dem für diese Thematik wichtigsten Text, Das epische Haus, unterläuft Mosebach subtil die künstlerische Fantasie, in heterogenen Ensembles gleich Kunst und Poesie sehen zu wollen, eine zudem doch sehr zeitgebundene Poesie.

Der Titel seines neuen Reiseessaybandes ist eine Variation des Titels von Peter Handkes Buch Als das Wünschen noch geholfen hat . Er spielt darauf an, dass Reisen und Wünschen identisch sind: Der Reisende folgt im geografisch fixierten Raum immer auch der Spur des Imaginären. Jetzt soll aber, auch das suggeriert der Titel, die Zeit vorbei sein, da das Reisen noch dabei geholfen hat, uns mit einer Schönheit und Größe bekannt zu machen, die in unserer Kultur verloren gegangen ist. Was Mosebach vorfindet, sind Kulturen im Niedergang. Mit einem am Verfall vor der eigenen Haustür – in Frankfurt und im Rheingau – geschulten Blick fällt es ihm leicht, die Erwartungen destruktiver Entwicklungen erfüllt zu sehen.

Aber eigentlich geht er mit eigenen Schreibprojekten auf Reisen, die zunächst nichts zu tun haben mit dem Ort, zu dem er aufbricht. In innerer Freiheit zu der selbst gewählten Umgebung bewegt er sich eher wie ein Flaneur auf die Kultur, die Musik, die Architektur, Religion und Literatur zu.

Martin Mosebach erprobt sich auf seinen Reisen als ein die Vergangenheit immer wieder aus einem anderen Blickwinkel überdenkender Forscher und bleibt dabei doch Schriftsteller, Essayist und Romancier, einer, der Geschichtsschreibung in unauflösbarer Nähe zum eigenen Leben und dem Wunsch, das Versunkene wieder zu verlebendigen, betreibt. Gleichgültig, ob er ein Porträt von Havanna, Shanghai, Sarajevo, Frankfurt oder Kairo, vom Rheingau oder von Süditalien und Sizilien, von Indien oder Georgien mit Worten malt, man hat den Eindruck, als sähe man gleichzeitig die Oberfläche und, durch sie hindurchscheinend, die früheren Schichten. Die Kunst, die das ermöglicht, besteht in dem Zusammenwirken der Erzählung, der poetischen Verknappung und der schrittweisen Erschließung des Tiefengrunds. Darin gleicht Mosebach dem Archäologen und dem Psychoanalytiker, der verborgene seelische Ebenen freilegt. Er folgt aber auch dem Ethnologen, der in den verstreuten kulturellen und sozialen Phänomenen Gesetzmäßigkeiten und Strukturen erkennt. Und wie die Psychoanalytiker, die Ethnologen, Archäologen und Historiker weiß er, dass wir von der nie im »Original« zugänglichen Wirklichkeit immer nur durch das Erzählen von Geschichten erfahren, die uns sagen: So könnte es gewesen sein...