Der schönste Platz in der alten Mühle findet sich im Gartenflügel, letztes Zimmer unterm Giebel. Es ist ihr Badezimmer. Dort steht mittig ein Podest aus Schiefer, darauf mit kralligen Pfoten eine Badewanne. Ihr Fußende ist auf das Fenster ausgerichtet. Man lässt sich in das heiße Wasser gleiten, man schließt dabei unwillkürlich die Augen. Und wenn man sie wieder öffnet, hat man diesen Blick. Man blickt durch das Fenster über die Wiesen auf die Pferde, einen Schimmel, zwei Falben. Die Schweife der Pferde wehen im Wind, sie wehen wie die Tressen der Trauerweiden am Rand der Koppel. Rechter Hand zieht sich ein Berghügel, dunkel von Wald. Einen Moment lang könnte man glauben, alles sei ganz still, aber das stimmt nicht, unter dem Fenster strudelt ja der Mühlbach. Ab und zu fährt der Wind durch den Wald am Hügel, dass es braust. Etwas knarzt im Haus, eine Tür knallt. Ein Fenster? Hat jemand gerufen? »Darling! Darling one!«

Sie liebkosten einander unentwegt, mit Gesten und Blicken und Worten, Edward und Wallis, vereint zum WE, wie sie sich in ihrer Kosesprache nannten, verschmolzen in einer der glühendsten Liebesgeschichten des 20. Jahrhunderts. Edward VIII., der zehn Monate lang König von England war, und Wallis Simpson, die Gattin eines amerikanischen Geschäftsmanns und die Englands bestgehasste Frau wurde, als der König 1936 den Thron für sie aufgab. Die dann ins Exil gingen und fast ein ganzes Leben lang nicht mehr nach England zurückkamen, sie flatterten hin und her zwischen Paris und New York, der Côte d’Azur und Palm Beach, The Duke and Duchess of Windsor, in einer nicht enden wollenden Inszenierung einer Amour fou, letzte Version: dieser Film von Madonna. Aber hier, im Tal von Chevreuse, in der Moulin de la Tuilerie, kamen sie zur Ruhe, ab und an. Für ein Wochenende. Auf ihrem Landsitz am Rande des hübschen Städtchens Gif-sur-Yvette, nur eine kleine Autofahrt von ihrer Residenz am Pariser Bois de Bologne entfernt. Heute nimmt man natürlich den RERB, Vorstadtzug, Gare du Nord, 40 Minuten.

Die Moulin de la Tuilerie liegt am Ende eines schmalen Weges, der an versteckter Stelle von der Ausfallstraße Châteaufort abzweigt. Der Weg führt zu einem mächtigen Tor aus Eiche. Man stelle sich vor, wie es damals aufschwang, wenn die Wagen heranschnurrten, sein dunkler Daimler, im Gefolge ihr himmelblauer Cadillac, das Personal war ja schon im alten Citroën vorausgefahren. Kräftige Burschen in Fantasielivrees standen rechts und links wie Säulen, während die Wagen in den mit groben Felssteinen gepflasterten Hof rollten.

Es handelt sich um ein Ensemble aus kleinen und größeren Häusern. Die erste Getreidemühle stand hier vor 1500, Le Moulin Aubert, der royale Namen de la Tuilerie war natürlich eine Erfindung von Wallis, nachdem sie das Haus 1952 gekauft hatten, Nähe Versailles!, und daraus eine der exklusivsten Adressen der Pariser Society machten. Heute ist es ein Ferienhaus. Zwölf Betten, Apartments in den Nebengebäuden.

An der Stirnseite des Hofes liegt das Haupthaus, es ist ein breit gezogenes Gebäude von überwältigender Schlichtheit. Zwei Reihen hoher Fenster mit grauen Läden, umspielt vom Gefieder einer Glyzinie. Vor der hellgrauen Tür ein Portikus auf Holzsäulen, darüber eine Sonnenuhr: »Lex His Horis Una Tibi«. Dies ist das einzige Gesetz, das deine Stunden brauchen. Welch ein Versprechen. Buchskugeln rechts und links der Tür.

In der E-Mail des Vermieters Landmark Trust hatte etwas vom Schlüssel in einer versteckten Box gestanden, die mit Geheimcode zu öffnen sei. Für den Notfall eine Telefonnummer in London. Die Notfallstimme in London sagt, man müsse sich eben gegen die Tür werfen. Wumm und krach, so fliegt man in einen schummrigen niedrigen Raum.

Auf dem Steinboden lassen sich die Umrisse alter Grabsteine ausmachen, tatsächlich aus der Zeit der Revolution! Darauf tiefe Sessel und Sofas, und zwischen ihnen, zum Couchtisch degradiert, eine Trommel der Welsh Guards, seines Regiments. Hier also wurden die Gäste empfangen, zwischen Kübeln mit lachsfarbenen Rosen, inmitten von den Lanzen des weißen Rittersporns, umglüht von dunkelroten Dahlien und Chrysanthemen, der ganzen Blütenpracht, die der Duke auf Geheiß von Wallis im Garten zu züchten hatte. Champagner und Cocktails, übrigens nie vor 20 Uhr.