VerbraucherschutzWas es bedeutet, nano zu sein

Mit einer umstrittenen Definition will die EU kleinste Teilchen bändigen. von Christian Meier

T-Shirts, die Bakterien abtöten und damit Schweißgeruch verhindern, Fassadenfarben, die mit Stickoxiden belastete Stadtluft reinigen, oder Beton, der besonders schnell aushärtet – diese profanen Produkte eint eine besondere Eigenschaft: In ihnen stecken Nanopartikel. In den genannten Fällen werben die Hersteller mit den kleinsten Teilchen. Andere Firmen verschweigen die winzige Zutat lieber, weil Nanopartikel nicht ganz unumstritten sind. Niemand ist verpflichtet, darauf hinzuweisen.

Etwa 500 Nanoprodukte sind bereits auf dem Markt, aber mangels einer europäischen Deklaration weiß der Verbraucher nicht, wo nano drinsteckt. Doch die Geheimniskrämerei könnte bald ein Ende haben. Denn nun definierte die EU-Kommission erstmals offiziell , was unter einem »Nanomaterial« zu verstehen ist, und schuf damit die Grundlage für eine Kennzeichnungspflicht und ein Nano-Produktregister. Ist das ein erster Schritt zu mehr Transparenz und Sicherheit für den Verbraucher?

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Die Definition der Kommission ist denkbar einfach: Nanomaterialien bestehen aus Partikeln, die mindestens entlang einer der drei Raumrichtungen nur zwischen 1 und 100 Nanometer messen (ein Nanometer ist ein millionstel Millimeter). Damit sei »ein wichtiger Schritt im Hinblick auf den Umgang mit etwaigen Umwelt- und Gesundheitsrisiken« getan, sagt der EU-Umweltschutzkommissar Janez Potocnik. Grundlage für die Definition seien Vorarbeiten des Wissenschaftlichen Ausschusses » Neu auftretende und neu identifizierte Gesundheitsrisiken« ( Scenihr ) und der Gemeinsamen Forschungsstelle ( JRC ) im italienischen Ispra.

Die Kommission reagierte damit auf den Druck von verschiedenen Seiten. Verbraucher- und Umweltschützer, Politiker und EU-Mitgliedsstaaten hatten sie gedrängt, endlich festzulegen, was nano sei. Auch der deutsche Sachverständigenrat für Umweltfragen (SRU) beklagte, es kämen immer mehr Produkte auf den Markt, die bedenkliche Nanomaterialien enthielten. Dazu gehören etwa Kohlenstoff-Nanoröhrchen, die Tennisschläger oder Surfbretter bruchfester machen. Im Tierversuch wirken sie ähnlich wie Asbest. Der SRU rät deshalb, die neuen Nanoprodukte zu registrieren und zu kennzeichnen – aber dazu braucht man in Europa als Erstes eine Definition.

Ein US-Institut erklärte Nanopartikel aus Titandioxid für potenziell krebserregend

Andere Behörden haben bereits gehandelt. Vor wenigen Monaten hat das in den USA für Arbeitsschutz zuständige National Institute for Occupational Safety and Health ( Niosh ) Nanopartikel aus Titandioxid, wie sie etwa in Sonnencremes vorkommen, für potenziell krebserregend erklärt – wenn auch nur für Fabrikarbeiter, die in der Produktion solche Teilchen einatmen. Das Niosh hat für Titandioxid-Nanopartikel mit weniger als 100 Nanometer Durchmesser einen eigenen Grenzwert für das Einatmen entwickelt, der nur etwa ein Zehntel des Werts für größere Teilchen dieser Substanz beträgt.

Nano-Welt in Bildern
Nanopartikel Nanoforschung

Klicken Sie auf das Bild, um die Fotostrecke mit faszinierenden Nano-Aufnahmen zu sehen.

Doch mit der 100-Nanometer-Definition sind nicht alle Wissenschaftler zufrieden. Manche raten sogar, auf eine starre Festlegung ganz zu verzichten. Zu ihnen gehört Andrew Maynard, Direktor des Risk Science Center der University of Michigan. »Die Definition der EU-Kommission erfasst die Risiken nicht, die von neuartigen Materialien ausgehen könnten«, sagt der Risikoforscher. Maynard kritisiert, dass die Größe von Partikeln allein nichts über deren Sicherheit aussage. »Das ist etwa so, als würden Sie Kohlenstoff-Nanoröhrchen für toxisch erklären, weil sie schwarz sind, und damit alle schwarzen Materialien unter Generalverdacht stellen«, spottet Maynard.

Neben der Größe gebe es eine ganze Reihe von Eigenschaften, die ein Nanomaterial riskant werden lassen können, etwa die Form der Partikel. So tritt die asbestähnliche Wirkung nur bei besonders langen Kohlenstoff-Nanoröhrchen auf. Wichtig ist auch die Frage, ob ein Material im menschlichen Körper überhaupt dauerhaft existieren kann oder ob es sich schnell zersetzt.

Leserkommentare
  1. medizinische Tretminen der Zukunft.

    • eluutz
    • 22. Oktober 2011 9:23 Uhr

    Momentan entsteht ein seltsames und für mich erstmal undurchschaubares Regelungs- und Empfehlungskonglomerat was die Verwendung von Nano-Partikeln betrifft. Das fängt mit der Definition von "Nano" an, mal ist von 30, mal von 50, von 100 (EU), von 300 (DE) oder von 500 (CH) mm die Rede. Ergo: Die Größengrenze ist komplett willkürlich gewählt.

    Über die Gefahren gibt es auch wenig Informationen. Bei Kohlenstoff-Nano-Röhrchen scheint es Hinweise auf krebsauslösende Effekte zu geben, aber auch nur unter sehr engen Voraussetzungen, von denen Viele meinen, dass sie im Körper gar nicht vorliegen.

    Nun also eine EU-Definition, die in Folge wahrscheinlich Prüf- und Nachweispflichten nach sich zieht. Erst im September hat der SRU sein Gutachten vorgelegt (dem Link im Artikel folgen, unter Publikationen, "Sondergutachten"). Dort wird der derzeitige Wissensstand gewürdigt, was durchaus lesenswert ist. In der Kurzfassung für "Entscheidungsträger" liest man: "Bisher gibt es keine wissenschaftlichen Beweise dahin gehend, dass Nanomaterialien – wie sie heute hergestellt und verwendet werden – zu Schädigungen von Umwelt und Gesundheit führen."

    Es besteht also eine diffuse Besorgnis; aufgrund Erfahrungen mit Materialien wie Asbest fordern die Gutachter - wie in der EU - zahlreiche Prüfungen (zum Teil Doppelprüfungen).

    Nanomaterialien werden ständig auch toxikologisch untersucht, aus dem Nicht-Befund einer Schädigung werden jetzt Forderungen zum Materialsicherheit abgeleitet - seltsam.

    • PaulPtr
    • 22. Oktober 2011 10:14 Uhr

    Viele naturprodukte haben eine partikelgrössenverteilung die einen sehr grossen anteil an teilchen im nano-bereich haben. Konsequenterweise müsste man dann z.b. auch normales mehl als "nano" und potenziell gefährlich deklarieren.
    Mir ist die forderung in dieser form zu pauschalierend und wenig differenzierend.

    • _Sven_
    • 22. Oktober 2011 14:08 Uhr

    Nanowerkstoffen sind ein Breites Gebiet und die Gefahren die von Nanotubes für Faserverbundwerkstoffe ausgehen sind sicherlich andere als Partikel die irgendwo beigemischt werden, um bestimme Reaktionen zu katalysieren. Eine Grenzmarke, willkürlich von Politikern gesetzt, kann der Sache nicht gerecht werden und ist offensichtlich reiner Aktionismus. Ich würde es begrüßen, wenn diese Hampelmänner statt dessen ein paar Köpfe damit beauftragen würden, die einzelnen Gefahrenquellen von Nanomaterialien zu erfassen und geeignete Prüfverfahren entwickeln, die sich normieren lassen.

    @2 ich bezweifel, dass irgendwo auf der Welt 3-50cm große "Partikel" als nano Teilchen bezeichnet werden.
    @3 die Korngröße von Mehl befindet sich meines Wissens im 2-3 stelligem mikrometer Bereich. Dennoch ist Mehl nicht unbedenklich - Bäcker ist einer der gesundheitsschädlichsten Berufe in Deutschland. Hier ein Link zu dem Thema: http://www.pressebox.de/pressemeldungen/dustcontrol-gmbh/boxid/27158

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • eluutz
    • 22. Oktober 2011 16:44 Uhr

    gemeint sind natürlich Nanometer...

    • eluutz
    • 22. Oktober 2011 16:44 Uhr

    gemeint sind natürlich Nanometer...

    Antwort auf "Politiker packen's an!"
    • adept
    • 23. Oktober 2011 6:25 Uhr

    Die furcht, dass nanopartikel krebserregend sein könnten, ähnlich wie asbestfasern, ist nicht ganz von der Hand zu weisen. Allerdings ist hier mehr die form als die größe entscheidend.

    Eine asbestfaser ist ein dauerhafter entzündungsherd, da alle beseitigungsversuche jenseits der abwehr immer wieder scheitern. Im laufe von jahrzehnten kann daraus zell-entartung und krebs entstehen.

    Kommt eine asbestfaser in die lunge versuchen die makrophagen sie zu beseitigen. Da die zellen nicht sehen sondern nur fühlen können, verschätzen sie sich regelmäßig hinsichtlich der größe der faser, da sie den freßvorgang vom stark gekrümmten ende einer faser her beginnen und dann eine kleine kugel mit dieser krümmung erwarten. Die programmierung der zelle ist nicht auf eine lange faser vorbereitet die zigmal länger ist als breit. Hingegen hätte die fresszelle kein problem mit einer kugel von der größe einer asbestfaser.

  2. ich habe schlicht kein gutes Gefühl bei dieser neuen "Technik". Sie erscheint mir eine zu tiefgehender Eingriff in die Stofflichkeit, wenn man dies so sagen kann.

    Eigentlich sollte ein solche Neuerung erst nach eingehender Prüfung mit Hilfe adäquater Messinstrumente und Verfahren - die es noch nicht gibt - genehmigt werden.

    Mir kommt es vor als ob wir alle unfreiwillige Probanden eines Feldforschungsversuches sind. Die wirtschaftliche Rentibilität ist einmal wieder stärker als Schutz des Individuums.

    Vor einem halben Jahr habe ich in per email der Verbraucherschutzzentrale die Frage gestellt: "Weshalb etwas so umstrittenes wie "Nanotechnologie" überhaupt zugelassen worden ist"; bis heute habe ich keine Antwort auf diese Frage erhalten.

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