Zum Tod Friedrich Kittlers Medien sind die Kinder des Krieges
Friedrich Kittler war das, was man landläufig als Genie bezeichnet. Der Kulturwissenschaftler beschrieb die Technik als Weltgeist und die Menschen als Diener der Medien.

Der Freiburger Philosoph Friedrich Kittler
In der deutschen Geisteslandschaft gab es einen Namen, der wie kein zweiter sich eignete, geraunt statt einfach dahingesprochen zu werden: Friedrich Kittler. Der Literaturwissenschaftler und Medientheoretiker war der Prototyp des Professors, den die Fachwissenschaft fürchtet und verfolgt, das große Publikum aber umso mehr liebt. Leichtfüßig überschritt er die Grenzen seines Faches und breitete dabei ein stupendes Wissen aus, das über die Antike, die Musik, Mathematik, Literatur bis hin zu konkreten Gegenständen wie E-Gitarren, Plattenrillen, Projektoren und Papier reichte. Für seine berühmte Habilitation Aufschreibesysteme 1800–1900, so lautet ein beliebter Kittler-Mythos, hatte die Freiburger Germanistik 1984 dreizehn statt der üblichen drei Gutachter zur Bewertung benötigt. Ein anderer Mythos berichtet davon, wie Kittler im Christusalter von 33 Jahren in seinen Zettelkasten blickte und realisierte, dass er die angesammelten Materialien und Themen in einem Leben niemals bewältigen könne. Kurz: Kittler war das, was landläufig als Genie bezeichnet wird.
Allerdings täte man mit dieser Bezeichnung Kittler grobes Unrecht an und missachtete seinen durch und durch materialistischen Kerngedanken. Der lautet, dass die Aufschreibesysteme einer Epoche, also all jene Techniken und Systeme, die einer Kultur zur Speicherung, Verbreitung und Verarbeitung von Informationen zur Verfügung stehen, bestimmen, was der Mensch ist, denkt und von sich hält. »Was Mensch heißt«, fasst er später bündig zusammen, »bestimmen keine Attribute, die Philosophen den Leuten zur Selbstverständigung bei- oder nahelegen, sondern technische Standards.« Das schaffende Genie, das selbstbestimmte Individuum, die sich ihrer Fesseln entledigende Menschheit: Für Kittler sind das nicht Ideen, die kluge Köpfe wie Schiller, Goethe oder Kant entwickelt haben, sondern umgekehrt Auswüchse bestimmter medialer Voraussetzungen um 1800.
Die Pointe des Gedankens ist nun aber, dass Veränderungen der medialen Voraussetzungen auch die alten Ideen außer Kurs setzen. Das machte Kittler an der Epochenschwelle 1900 mit dem Aufkommen von Film, Phonograph und Grammofon fest. Gründete das Weltbild des Idealismus noch auf dem Monopol der Schrift, so kommt nun eine Medienpluralität ins Spiel, an der die humanistischen Ideen der Kohärenz und Einheitlichkeit unwiederbringlich zerschellen. Damit aber sei »der Mensch überhaupt gestorben«, schreibt Kittler und fügt noch süffisant hinzu: »Ein Tod, demgegenüber der vielberedete Tod Gottes eine Episode ist«.
Das erinnert an den Antihumanismus von Foucault, dem Kittler in der Tat auch viel verdankt. Und es erinnert in seiner theoretischen Prämisse stark an den Heidegger der sogenannten »Kehre«, mit der der Freiburger Philosoph unsere intuitiven Annahmen auf den Kopf stellte: dass nicht der Mensch das Haus hervorbringt, sondern das Haus den Menschen, wie auch der Mensch nicht etwa spricht, sondern die Sprache selbst es tut und damit den Menschen erst hervorbringt. In Kittlers nach den Aufschreibesystemen veröffentlichtem Buch Grammophon Film Typewriter wird mit diesem Schema das »Phantasma vom Mensch als Medienerfinder« aufs Korn genommen, wenn er schreibt, »dass Menschen die Informationsmaschinen nicht erfunden haben können, sondern sehr umgekehrt ihre Subjekte sind«.
- Datum 19.10.2011 - 10:48 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 20.10.2011 Nr. 43
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"»Was Mensch heißt«, fasst er später bündig zusammen, »bestimmen keine Attribute, die Philosophen den Leuten zur Selbstverständigung bei- oder nahelegen, sondern technische Standards.« "
Das ist nicht Ausfluss einer angeblichen Genialität des Herrn Kittler, sondern geschickt bei Marx geklaut, variiert und operationalisiert: Das Sein bestimmt das Bewußtsein.
Guttyplag ist überall unter den sich für besser haltenden Ständen (Eliten).
Ich würde das nicht gleich als Plagiat bezeichnen, aber den Einfluss von Marx und vieler anderer hier zu unterschlagen erlaubt natürlich dem Autor u.a., Kittler außerhalb des historischen Denkens zu stellen, dem er entstammt und bei dem er sich - auch, und ja nicht per se zu Unrecht - bedient hat.
Der Aufsatz hier entspricht offenbar einem nicht auszurottenden Bedürfnis nach intellekturellen Helden, die die immer gleichen Klischees bestätigen:
Wildes Genie gegen normale Universtitätsangehörige - wo Kittler nun wirklich in und von und mit dieser Universität lebte; erbauliche Nacherzählungen der Anekdoten von Transgression, beglaubigt in Anfeindung und Ausschlussversuchen von Seiten der Anti-Helden - wo herzliche Feindschaften und die Verkündung von ganz "neuen" Singularkausalitäten (sowie deren empörte Zurückweisung) in seinem (auch zeitlichen) Mileu nun wirklich zur Tagesordnung gehörten; Stil statt Genauigkeit; der davoneilende Meister und die irgendwie dümmlich nachhastenden Jünger ...
Zwei, drei Nummern bescheidener und es wäre dem Autor vielleicht der innere Raum für Nachdenkliches und Überraschendes geblieben...
Ich würde das nicht gleich als Plagiat bezeichnen, aber den Einfluss von Marx und vieler anderer hier zu unterschlagen erlaubt natürlich dem Autor u.a., Kittler außerhalb des historischen Denkens zu stellen, dem er entstammt und bei dem er sich - auch, und ja nicht per se zu Unrecht - bedient hat.
Der Aufsatz hier entspricht offenbar einem nicht auszurottenden Bedürfnis nach intellekturellen Helden, die die immer gleichen Klischees bestätigen:
Wildes Genie gegen normale Universtitätsangehörige - wo Kittler nun wirklich in und von und mit dieser Universität lebte; erbauliche Nacherzählungen der Anekdoten von Transgression, beglaubigt in Anfeindung und Ausschlussversuchen von Seiten der Anti-Helden - wo herzliche Feindschaften und die Verkündung von ganz "neuen" Singularkausalitäten (sowie deren empörte Zurückweisung) in seinem (auch zeitlichen) Mileu nun wirklich zur Tagesordnung gehörten; Stil statt Genauigkeit; der davoneilende Meister und die irgendwie dümmlich nachhastenden Jünger ...
Zwei, drei Nummern bescheidener und es wäre dem Autor vielleicht der innere Raum für Nachdenkliches und Überraschendes geblieben...
"Ein anderer Mythos berichtet davon, wie Kittler im Christusalter von 33 Jahren in seinen Zettelkasten blickte und realisierte, dass er die angesammelten Materialien und Themen in einem Leben niemals bewältigen könne."
Als ich mit nicht einmal dreißig in meinen nicht vorhandenen Zettelkasten blickte, musste ich auch realisieren, dass ich all die Dinge, die sich da so angesammelt hatten, auch nie würde abbarbeiten können. Bin ich deshalb ein Genie?
Wohl kaum.
Ich hatte nur das gemacht, was anderen StudentInnen auch passiert: kurz mal ein wenig die Orientierung verloren.
Ich würde das nicht gleich als Plagiat bezeichnen, aber den Einfluss von Marx und vieler anderer hier zu unterschlagen erlaubt natürlich dem Autor u.a., Kittler außerhalb des historischen Denkens zu stellen, dem er entstammt und bei dem er sich - auch, und ja nicht per se zu Unrecht - bedient hat.
Der Aufsatz hier entspricht offenbar einem nicht auszurottenden Bedürfnis nach intellekturellen Helden, die die immer gleichen Klischees bestätigen:
Wildes Genie gegen normale Universtitätsangehörige - wo Kittler nun wirklich in und von und mit dieser Universität lebte; erbauliche Nacherzählungen der Anekdoten von Transgression, beglaubigt in Anfeindung und Ausschlussversuchen von Seiten der Anti-Helden - wo herzliche Feindschaften und die Verkündung von ganz "neuen" Singularkausalitäten (sowie deren empörte Zurückweisung) in seinem (auch zeitlichen) Mileu nun wirklich zur Tagesordnung gehörten; Stil statt Genauigkeit; der davoneilende Meister und die irgendwie dümmlich nachhastenden Jünger ...
Zwei, drei Nummern bescheidener und es wäre dem Autor vielleicht der innere Raum für Nachdenkliches und Überraschendes geblieben...
Die Zeit veredelt alles, oder: was lange währt, wird endlich gut
Ich habe eine unpietätische, ganz konträre Meinung.
Aphoristisch gesagt:
aus Büchern werden Werke,
aus Dozenten werden Denker,
schiere Pointen hält man für Ideen,
und Wahnsinn heißt zuletzt Methode.
Es ändert nichts, dass er tot ist.
Seitdem ich von seinem schlimmen Zustand wusste ging mir immer nur ein paar Worte durch den Kopf, die ein enorm trauriges Gefühl und zugleich eine seltsamen Trotz auslösten: "der König stirbt". Nun ist es also wirklich passiert. Für mich war er vor allem ein weiser Gelehrter aus dem 19. Jahrhundert. Dieser Habitus versteckt sich schon im Titel seiner Habilitation, die unter dem Namen Aufschreibesysteme 1800/1900 als Buch veröffentlicht wurde. Irgendwie musste ich bei ihm immer an den zielstrebigen Professor Abronsius aus Roman Polankis "Dance of the Vampires"(1967)denken, der wegen seiner abstrusen Forschungen über Fledermäuse von der Universität in Königsberg geflogen war. Mit einem Schlitten durch die Karpaten wäre ich verdammt gerne mit ihm gefahren. Doch wie Professor Abronsius hatte auch Kittler so seine charakterlichen Besonderheiten, die so eine Reise ziemlich unmöglich machten. Das nervende waren seine militanten Denkoperationen, das große Interesse an Waffen, in einem Wort das scheinbar übermächtige Interesse am irrealen Komplex des ödipalen Widerstreits. Auf die bessere Seite fiel sein interessanter gefühlsschwangerer Sinn für die Romantik, sein wahrlich sehr beeindruckender enormer Wissensspeicher, sein ehrlicher Humor und seine vielen, vielen unverhohlenen, ermutigenden Zugeständnisse an die Liebe. Was fehlte war nicht das Verständnis, sondern die Anerkennung des weiblichen Denkens. Da flüchtete er immer in den Schutzwahl der Erotik, so wie ein typischer 68er.
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