In der deutschen Geisteslandschaft gab es einen Namen, der wie kein zweiter sich eignete, geraunt statt einfach dahingesprochen zu werden: Friedrich Kittler. Der Literaturwissenschaftler und Medientheoretiker war der Prototyp des Professors, den die Fachwissenschaft fürchtet und verfolgt, das große Publikum aber umso mehr liebt. Leichtfüßig überschritt er die Grenzen seines Faches und breitete dabei ein stupendes Wissen aus, das über die Antike, die Musik, Mathematik , Literatur bis hin zu konkreten Gegenständen wie E-Gitarren, Plattenrillen, Projektoren und Papier reichte. Für seine berühmte Habilitation Aufschreibesysteme 1800–1900 , so lautet ein beliebter Kittler-Mythos, hatte die Freiburger Germanistik 1984 dreizehn statt der üblichen drei Gutachter zur Bewertung benötigt. Ein anderer Mythos berichtet davon, wie Kittler im Christusalter von 33 Jahren in seinen Zettelkasten blickte und realisierte, dass er die angesammelten Materialien und Themen in einem Leben niemals bewältigen könne. Kurz: Kittler war das, was landläufig als Genie bezeichnet wird.

Allerdings täte man mit dieser Bezeichnung Kittler grobes Unrecht an und missachtete seinen durch und durch materialistischen Kerngedanken. Der lautet, dass die Aufschreibesysteme einer Epoche, also all jene Techniken und Systeme, die einer Kultur zur Speicherung, Verbreitung und Verarbeitung von Informationen zur Verfügung stehen, bestimmen, was der Mensch ist, denkt und von sich hält. »Was Mensch heißt«, fasst er später bündig zusammen, »bestimmen keine Attribute, die Philosophen den Leuten zur Selbstverständigung bei- oder nahelegen, sondern technische Standards.« Das schaffende Genie, das selbstbestimmte Individuum, die sich ihrer Fesseln entledigende Menschheit: Für Kittler sind das nicht Ideen, die kluge Köpfe wie Schiller, Goethe oder Kant entwickelt haben, sondern umgekehrt Auswüchse bestimmter medialer Voraussetzungen um 1800.

Die Pointe des Gedankens ist nun aber, dass Veränderungen der medialen Voraussetzungen auch die alten Ideen außer Kurs setzen. Das machte Kittler an der Epochenschwelle 1900 mit dem Aufkommen von Film, Phonograph und Grammofon fest. Gründete das Weltbild des Idealismus noch auf dem Monopol der Schrift, so kommt nun eine Medienpluralität ins Spiel, an der die humanistischen Ideen der Kohärenz und Einheitlichkeit unwiederbringlich zerschellen. Damit aber sei »der Mensch überhaupt gestorben«, schreibt Kittler und fügt noch süffisant hinzu: »Ein Tod, demgegenüber der vielberedete Tod Gottes eine Episode ist«.

Das erinnert an den Antihumanismus von Foucault, dem Kittler in der Tat auch viel verdankt. Und es erinnert in seiner theoretischen Prämisse stark an den Heidegger der sogenannten »Kehre«, mit der der Freiburger Philosoph unsere intuitiven Annahmen auf den Kopf stellte: dass nicht der Mensch das Haus hervorbringt, sondern das Haus den Menschen, wie auch der Mensch nicht etwa spricht, sondern die Sprache selbst es tut und damit den Menschen erst hervorbringt. In Kittlers nach den Aufschreibesystemen veröffentlichtem Buch Grammophon Film Typewriter wird mit diesem Schema das »Phantasma vom Mensch als Medienerfinder« aufs Korn genommen, wenn er schreibt, »dass Menschen die Informationsmaschinen nicht erfunden haben können, sondern sehr umgekehrt ihre Subjekte sind«.

Der Computer wird alle anderen Medien schlucken

Das klingt für den Menschen nicht sehr schmeichelhaft – es kommt bei Kittler aber noch dicker. Denn die Medien, die wir, oder besser gesagt, die uns nutzen, richten uns auch noch zu einem üblen Zweck zu. In Grammophon Film Typewriter heißt es, dass die Medien meist Kinder des Krieges sind. Ursprünglich militärisch verwendet, werden sie irgendwann in entschärfter Form für Amüsement und Kommunikation unters Volk gebracht. Damit aber wird der Krieg in den Alltag getragen und der Mensch auf den nächsten vorbereitet. Der Medienphilosoph Paul Virilio hat das ähnlich gesehen, und mit seinem französischen Kollegen teilt Kittler auch die Lust an der Polemik: »Radio, dieser erste Missbrauch«, habe vom Ersten zum Zweiten Weltkrieg geführt, und Rockmusik werde vom Zweiten zum Dritten Weltkrieg führen.

Auch die Computertechnologie ist nach Kittler alles andere als harmlos. Schon 1986 ist er sich vollkommen darüber im Klaren, dass der Computer alle anderen Medien schlucken wird. Problematisch erscheint ihm vor allem, dass der Computer alles in den binären Code von Nullen und Einsen umsetzt, in die Formel eines Ja/Nein. Das aber sei genau die Form des Kommandos, »die Sprache der oberen Führung«.

Nun ja, ein wenig paranoid klingt das schon. Vieles davon kann man aber auch der von Kittler oft gehandhabten Methode der kalkulierten Übertreibung zurechnen, die manchmal nötig ist, um ein Gran Wahrheit aufleuchten zu lassen. Was aber immer wieder zu Irritationen führte, war vor allem Kittlers abgeklärte, ironisch-distanzierte Haltung zu alledem, was er da so grell überzeichnete. Kein Warnruf verband sich damit, kein kulturkritisches Lamento, keine Sorge und kein Rat, was zu tun sei. Das Einzige, was er in Aussicht stellte, war vielleicht die Freude, die Technik zwar nicht beherrschen, aber durchschauen zu können. Die Software von Computern verachtete er deshalb als eine Schranke, die einen hindere, den Computer selbst zu programmieren. Und im Lasergewitter der Diskotheken fand er das einzige Glück darin, ihren Schaltplan zu verstehen.

Als Professor an der Ruhr-Universität Bochum und später der Humboldt-Universität Berlin gewann Kittler mit diesem wilden Denken eine Schar von Anhängern. Das Wort der »Kittler-Jugend« machte in akademischen Kreisen die Runde, und es zielte auf Kulturwissenschaftler, die alle möglichen kulturellen Erzeugnisse und diskursiven Verfahren auf ihre medialen Bedingungen abklopfen. Während in diesem Zuge Kittlers Methode bis in die Proseminar-Arbeiten von Studenten der Kulturwissenschaft durchgesickert war, hatte sich der Meister schon andere Bereiche erschlossen: die Antike vor allem, Mathematik und Musik, über die er dicke Schmöker schrieb. Bei den Rezensenten lösten diese Spätwerke mit ihrer halb poetischen Diktion oft ein Kopfschütteln aus: »Was sollte es bedeuten?«

Friedrich Kittler kann es uns nicht mehr sagen, er ist am Dienstag 68-jährig in Berlin gestorben. Klar aber ist, dass er als großer Gelehrter mit all seinen Werken Lust auf ein Schreiben, Denken und Erzählen gemacht hat, das die normierte Verständlichkeit und abgezirkelte Fachwissenschaft hinter sich lässt. Das ist heute, in Zeiten universitärer Schmalspurstudien, wichtiger denn je.