"Die Erinnerung an Torre di Venere ist atmosphärisch unangenehm", beginnt Thomas Mann seine Erzählung Mario und der Zauberer. Ein merkwürdiger Widerstand war es, den der Erzähler bei einem außergewöhnlich peinlichen Spektakel, der Aufführung des dämonischen Zauberers Cipolla, verspürte und der es ihm unmöglich machte, die Veranstaltung zu verlassen. »Zu entschuldigen ist es nicht, dass wir blieben, und es zu erklären fast ebenso schwer«, hadert er mit sich selber, als der Magiker unter dem Johlen des Publikums seine hypnotisierten Opfer auf unerträgliche Weise vorführt. Verlegen ist schließlich das Eingeständnis: Der schaurig-schöne Bann, den das peinliche Spiel auf der Bühne ausübte, war einfach zu stark gewesen, um zu gehen. Eine unangenehme Selbsterkenntnis – damals noch bei Thomas Mann.

Denn heute ist es mit der Verlegenheit vorbei. Die Lust am Peinlichen, das bewusste Zelebrieren der »Fremdscham«, dieses selbstquälerischen Genusses der Lächerlichkeit anderer, hat einen festen Platz im Gesellschaftlichen gefunden. Der Fremdscham werden Hymnen gewidmet – »Halli, hallo Herr Onkel Doktor, ich habe da ein riesiges Problem / Ja Mann, es ist echt der absolute Horror, kein Tag vergeht wo ich mich nicht für jemand schäm‹«, so der Soul- und Hip-Hop-Sänger Jan Delay in seinem Hit Überdosis Fremdscham –, und ganze Freundeskreise finden sich allein zu ihrem Zweck wöchentlich vor ihren Fernsehgeräten zusammen. Pünktlich um 20.15 Uhr formieren sich die Abiturienten, Studenten, Doktoranden oder vielversprechenden Berufseinsteiger zu einem vergnügten Publikum, das bei Chips und Süßigkeiten nichts anderes tut, als sich der lustvollen Konträrfaszination des Schlimmen hinzugeben. »Wie peinlich ist das denn?!«, kreischt der Chor, den Zeigefinger kollektiv auf den Fernseher gerichtet.

Gemeint sind die talentfreien Kandidaten von Bohlen bis Klum, die, sich ihrer eigenen Peinlichkeit nicht bewusst, ein bisschen singen und tanzen dürfen, bevor die Selektionsmaschinerie sie gnadenlos aussortiert. Gemeint sind die mageren Sechzehnjährigen, die kindlich-unbeholfen mit der Kamera flirten, die bemitleidenswert tölpischen Bauern, die inmitten ihrer Schafe eine Frau suchen. Wie einst bei Thomas Manns Zaubershow johlt das Publikum, als würde es von allen Seiten gekitzelt, wenn sich die meist übergewichtigen Singles von Schwiegertochter gesucht zu neuen Paaren zusammenfinden. In sadomasochistischer Freude krallt man sich in den Sofakissen fest, wenn sich die Paare, untermalt von kitschiger Musik und höhnischen Kommentaren aus dem Off, zum ersten Mal über einem »Malen nach Zahlen«-Bild küssen. Unter begeistertem Lamento vergleicht man, wenn sich die Frischverliebten gegenseitig unter die billigen Fleecepullis mit Huskeymotiv vortasten, das Ausmaß der »Ekelgänsehaut«, das einem die Haare zu Berge stehen lässt. Denn peinlicher geht es nicht.

Zwischen Understatement und Selbstvermarktung

Genau deshalb gehören die geplanten Fremdscham-Events für viele junge Leute mittlerweile zum humoristischen Highlight der Woche, zu einer der schönsten Beschäftigungen mit den besten Freunden. »So sind wir nicht«, bedeuten nämlich die gemeinsam ausgestreckten Zeigefinger auf den Fernseher. Und bündeln damit die gemeinschaftsgenerierende Erfahrung, sich in Sachen Peinlichkeit wieder einmal kollektiv nach unten abgegrenzt zu haben. Beruhigt geht man nach diesen Abenden nach Hause und verlängert die fröhliche Dosis Fremdscham noch Tage später dadurch, sich die besten, also peinlichsten Clips in Endlosschleife bei YouTube anzuschauen. Als gemeinsames Ritual wirkt die Fremdscham wie eine Kompensation der individuellen Angst, die ansonsten überall lauert. Denn wie schwer ist es, diesem allgegenwärtigen Adjektiv »peinlich«, das unsere Zeit bestimmt, zu entrinnen! Nahezu unmöglich und vor allem furchtbar anstrengend ist es geworden, im weit und subtil verästelten analog-virtuellen Netzwerk stets die Balance aus lässigem Understatement, hübscher Ironie und gleichzeitiger Selbstvermarktung zu pflegen. Die Codes sind unendlich: Mit dem neuesten Smartphone prahlen? Peinlich! Immer noch keines haben? Peinlich! Zuckersüße Pärchenfotos auf Facebook veröffentlichen? Peinlich! Das eigene Mittagessen abfotografieren, den Stolz über den neuen Job allzu offensichtlich zeigen? Zu viele Freunde haben? Zu wenige? Peinlich, peinlich! Musik hochladen, die alle schon kennen? Musik hochladen, die nie irgendwer kennt? PEINLICH!