Verhaltensforschung Die Simulation des Sonntagsfahrers

Ein theoretischer Physiker entdeckt typische Muster im wuseligen Verhalten von Verkehrsteilnehmern.

Die Probanden sitzen vor dem Bildschirm und fahren Auto. Gas- und Bremspedal, Lenkrad, eine Autobahnumgebung wie aus einem Videogame, so spulen sie ihre Kilometer ab, beobachtet von Kameras, überwacht vom Institutsrechner. Wenn sie nach Hause gehen, haben sie wieder ein Mosaiksteinchen beigetragen zum großen Ganzen: zu einer mit echten Verhaltensdaten realer Menschen durchwirkten Verkehrssimulation. Das Ziel ist ein Computermodell des Geschehens auf der Straße, das nicht nur Kurvenradien, Geschwindigkeiten, Reibungsbeiwerte und Sicherheitsabstände rechnerisch erfasst, sondern auch das eigentlich unkalkulierbare Verhalten der Fahrer – der Verpennten, der Pappnasen, der Träumer, der sportlich Ambitionierten und der Sonntagsfahrer.

»Die unterschiedlichen Fahrertypen zeigen sich sofort«, sagt der Neuroinformatiker Ioannis Iossifidis, der seit einem Jahr an der Hochschule Ruhr West in Bottrop Theoretische Informatik und Kognitive Systemtechnik lehrt. »Ich selber bin zum Beispiel einer, der auf dem Hinweg immer schneller fährt als zurück.« Varianz im menschlichen Verhalten, ob aufgrund von abweichenden Typen oder als Folge menschlicher Intelligenz und Flexibilität, ist einer der Tatbestände, welche die Menschmodellierung bislang zum aussichtslosen Unterfangen macht und die Künstliche Intelligenz (KI) überfordert. Doch das Interesse an wirklichkeitsnaher Verhaltenssimulation ist groß. Zum Beispiel ist die Automobilindustrie scharf auf Software, die menschliches Verhalten im Straßenverkehr abbilden und prognostizieren kann.

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Die Schleichfahrt des Träumers als Algorithmus im Rechenspeicher

Iossifidis, der früher am Bochumer Institut für Neuroinformatik die Arbeitsgruppe Autonome Robotik leitete, kennt sich mit dem wechselseitigen Verhältnis von Menschen und Programmen aus. Er beteiligt sich am Nationalen Bernstein Netzwerk Computational Neuroscience, in dem Mathematiker, Physiker, Biologen, Psychologen, Mediziner und Ingenieure die Prinzipien der Hirnfunktion erforschen und sie in eine mathematische Sprache zu übersetzen versuchen. Dabei schreckt er auch vor der scheinbar paradoxen Aufgabe nicht zurück, dem unkalkulierbaren Menschenverhalten mit Differenzialgleichungen auf die Schliche zu kommen.

Simulation ist gerade in der Automobilindustrie nichts Neues, sondern Alltag. Crashtests werden hundertmal am Computer simuliert, bevor zur Sicherheit auch mal ein Neuwagen dran glauben muss. Geräuschentwicklung, Aerodynamik, Materialermüdung, Verbrauch: Alles lässt sich mit Algorithmen berechnen und in Modellen erfassen. Doch die eigentliche Dynamik in der aktuellen Automobilentwicklung – sieht man einmal vom Elektromotor ab – findet man im Bereich der Teilautonomie oder gar Autonomie der Fahrzeuge. Anders gesagt: dort, wo sich immer machtvollere Assistenzsysteme breitmachen. Hier unterscheidet sich teuer von billig und Avantgarde von Mittelmaß.

Abstandsassistenten achten auf den korrekten Sicherheitsabstand zum Vorausfahrenden. Spurhalteassistenten halten durch Lenkeingriff selbstständig Kurs. Bremsassistenten erkennen kritische Verkehrssituationen, warnen den Fahrer und leiten selbsttätig eine Bremsung ein. Wenn die Haftungsfragen geklärt sind, wird in Bälde das Auto sogar eine automatische Vollbremsung durchführen. Über kurz oder lang werden sich Autos untereinander über Verkehrshindernisse austauschen und daraus Konsequenzen ziehen. Und alle großen Hersteller arbeiten an einer autonomen Fußgängererkennung. Videosysteme erfassen Menschen, die sich dem Auto gefährlich nähern, Bilderkennungsprogramme liefern die richtige Interpretation, Ausweichassistenten schauen in den Rückspiegel, kalkulieren die Geschwindigkeit entgegenkommender Fahrzeuge und fahren ein Ausweichmanöver, statt den Fußgänger umzufahren.

Leser-Kommentare
  1. Sehr wichtige Aufgabe und ein großartiges Programm. Da eine Vielzahl (aber natürlich nicht alle) Probleme in Verkehrssystemen der Interaktion von Menschen entstammen, die darüber hinaus zur Lösung der Probleme mit einem ungewohnt geringen Zeichensystem (hupen, blinken...) auskommen müssen, lohnt es sich stark, zunächst das Verhalten interagierender Menschen in diesem System zu beobachten bevor man die technischen Aspekte hineinmodelliert. Viel Glück und Erfolg!

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    • iboo
    • 21.10.2011 um 10:10 Uhr

    und muss sich nicht groß auf den blöden Verkehr konzentrieren. Allerdings müsste dann das Lenkrad noch weg, damit genug Platz für den Laptop ist (das kann man ja wie in modernen Kampfflugzeugen durch einen Joystick ersetzen für die Fälle, dass der Autopilot mal abgeschaltet ist).

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    dass sie hier an den Einsatz eines PC denken. Ist es nicht so, dass in der IT-Welt jemand, der die Bedienung nicht beherrscht und sich mit den Spezialitäten von Einstellungen und Konfigurationsdaten nicht beschäftigen kann oder will als DAU (dümmster anzunehmender User) abgekanzelt wird? Was würde wohl geschehen, wenn ein Autohersteller oder ein Autoexperte vom DAA (dümmsten anzunehmenden Autofahrer) sprechen würde?
    Daran sollte jedermann, insbesondere den sogen. IT-Experten klar werden, wie hoffnungslos rückständig ihre Denkweise noch ist. Bedienung wird immer noch überwiegend vom Standpunkt der Funktionen eines Systems konzipiert, nicht von Standpunkt des Nutzers.
    Wer heute einen Fernseher kauft und dazu eine Fernbedienung mit ca. 50 Tasten erhält, bei deren Betätigung man zumeist auch noch die Meldung "Funktion z.Zt. nicht erlaubt" erhält, sollte nachvollziehen können, wie weit die Autoindustrie voran geht.

    dass sie hier an den Einsatz eines PC denken. Ist es nicht so, dass in der IT-Welt jemand, der die Bedienung nicht beherrscht und sich mit den Spezialitäten von Einstellungen und Konfigurationsdaten nicht beschäftigen kann oder will als DAU (dümmster anzunehmender User) abgekanzelt wird? Was würde wohl geschehen, wenn ein Autohersteller oder ein Autoexperte vom DAA (dümmsten anzunehmenden Autofahrer) sprechen würde?
    Daran sollte jedermann, insbesondere den sogen. IT-Experten klar werden, wie hoffnungslos rückständig ihre Denkweise noch ist. Bedienung wird immer noch überwiegend vom Standpunkt der Funktionen eines Systems konzipiert, nicht von Standpunkt des Nutzers.
    Wer heute einen Fernseher kauft und dazu eine Fernbedienung mit ca. 50 Tasten erhält, bei deren Betätigung man zumeist auch noch die Meldung "Funktion z.Zt. nicht erlaubt" erhält, sollte nachvollziehen können, wie weit die Autoindustrie voran geht.

  2. So kann man Autos noch um ein paar zehntausend Euro verteuern und baut auch direkt wieder tausende neue potentielle Fehlerquellen in die Autoelektronik ein.

    Dann fährt man hundert Meter und plötzlich gehen alle Lämpchen an. Die Werstatt kann einem, wie gehabt, auch nicht sagen woran das liegt.

    "Ist ein Blinkerbirnchen kaputt, liegts vielleicht an der Motorsteuerung? Vielleicht sinds ja auch die beheizten Sitze oder das Relais für den Wischerintervall ... ach, wissen Sie was? Wir müssen die gesamte Elektrik austauschen!"

  3. dass sie hier an den Einsatz eines PC denken. Ist es nicht so, dass in der IT-Welt jemand, der die Bedienung nicht beherrscht und sich mit den Spezialitäten von Einstellungen und Konfigurationsdaten nicht beschäftigen kann oder will als DAU (dümmster anzunehmender User) abgekanzelt wird? Was würde wohl geschehen, wenn ein Autohersteller oder ein Autoexperte vom DAA (dümmsten anzunehmenden Autofahrer) sprechen würde?
    Daran sollte jedermann, insbesondere den sogen. IT-Experten klar werden, wie hoffnungslos rückständig ihre Denkweise noch ist. Bedienung wird immer noch überwiegend vom Standpunkt der Funktionen eines Systems konzipiert, nicht von Standpunkt des Nutzers.
    Wer heute einen Fernseher kauft und dazu eine Fernbedienung mit ca. 50 Tasten erhält, bei deren Betätigung man zumeist auch noch die Meldung "Funktion z.Zt. nicht erlaubt" erhält, sollte nachvollziehen können, wie weit die Autoindustrie voran geht.

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  4. Fährt wie auf Schienen,
    geht Gefahren aus dem Weg,
    ich kann auf dem Weg andere Dinge machen,
    ich gebe ein Ziel an und kümmere mich nicht mehr,
    das Tempo regelt sich selbst,
    ....
    ist also fast so komfortabel wie die Eisenbahn :-)
    .
    Dann nehm ich die auch :-)
    .
    Der X-te Versuch, Individualverkehr massentauglich zu machen. Wenn die Industrie nur einen Schritt weiter geht, 40 kleine Autos zu einem großen zusammenschraubt, dann haben solche Hilfssysteme mit einmal einen Sinn. Sie machen den ÖPNV/ÖPV mit einmal komfortabeler und sicher.
    .
    Gruss
    Sikasuu

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  5. Die modernen Autos - ob man will oder nicht - werden immer klüger. Doch solange der Mensch hinterm Steuer doof beziehungsweise unberechenbar ist und bleibt, tendiert der Nutzwert dessen gen Null. Außer für die Autoindustrie natürlich, die damit riesen Gewinne einfährt.

    [...]

    Gute Fahrt!

    Bitte diskutieren Sie sachlich. Danke, die Redaktion/mk

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    • Mint
    • 21.10.2011 um 12:52 Uhr

    Zitat "Videosysteme erfassen Menschen, die sich dem Auto gefährlich nähern, ..."

    Sollte es nicht heißen, "... denen das Auto sich gefährlich nähert"? Man sollte nicht vergessen, von wem eigentlich die Gefahr ausgeht.

    Ansonsten, schön geschriebener Artikel, auch wenn es *eigentlich* wenig überraschend ist, dass auch theoretische Physik praktische Relevanz besitzt.

  6. "Wenn die Haftungsfragen geklärt sind, wird in Bälde das Auto sogar eine automatische Vollbremsung durchführen."

    Im Zweifel einfach mal drauflatschen! Merkt man dann schon, wenn's rutscht!

    ;-)

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