ZEITmagazin: Herr Nitsch, Sie deuten das Leben als Passion: Leidenschaft und Leidensweg zugleich. Welches war der große Schmerz in Ihrem Leben?

Hermann Nitsch: Das war der Tod meiner Frau Beate. Fast zehn Jahre waren wir verheiratet, sie war nur einen Tag jünger als ich, bei ihr habe ich mich geborgen gefühlt. 1977 ist sie bei einem Verkehrsunfall gestorben, plötzlich war ich nur noch eine Hälfte.

ZEITmagazin: Was hat Sie aus diesem Schmerz gerettet?

Nitsch: Ich bin Wiener, noch dazu aus dem Weinviertel, und habe immer gerne getrunken. Nach dem Unfall noch viel mehr, aber ich hatte nie Kater – mein Körper, mein psychophysischer Organismus, hat das zum Überleben gebraucht. Es hat mich gerettet.

ZEITmagazin: War Ihnen der Alkohol auch in anderen Nöten eine Hilfe?

Nitsch: Schon in meiner Jugend. Durch die sehr bürgerliche, liebevolle Erziehung meiner Mutter quälte mich schon als 15-Jähriger eine Herzneurose, also die Angst, dass mein Herz versagt. Ich war ein ruhiges, verweigerndes Kind, habe tiefenpsychologische Literatur studiert. Und mit einer selbst entworfenen Alkoholtherapie konnte ich mich vom ärgsten Zwang dieser Neurose befreien.

ZEITmagazin: Sie haben gezielt Ihren Geist beeinflusst?

Nitsch: Mit 15 habe ich zum ersten Mal empfunden, was mir der Alkohol vermitteln kann: Unterhalb der Schule war ein Gasthaus, da tranken wir immer einen halben Liter dunkles Bier mit einem Achtel Stroh-Rum. Im Regal sah ich schöne Flaschen – und plötzlich habe ich die Existenz dieser Flaschen gespürt. Ich spürte, es gibt sie, es gibt überhaupt Dinge. Etwas ist. Durch diesen Rausch habe ich mein Sein erfahren. Das ist mir bis heute die große Faszination, dass etwas ist und nicht nichts ist.

ZEITmagazin: Sind Sie durch diesen Rausch auch zur Kunst gelangt?

Nitsch: Das nicht, aber zu dieser Zeit habe ich im Oberen Belvedere zum ersten Mal Schiele-Bilder gesehen. Mich faszinierte, dass es Bereiche der Liebe und der Sexualität gibt, von denen ich keine Ahnung hatte. Als mich dann die Graphische Lehr- und Versuchsanstalt in Wien aufnahm, hat das mein ganzes Leben verändert. Ich habe die alten Meister gesehen, Tizian, Rembrandt, El Greco, für mich ist durch die Kunst ein Tor aufgegangen. Nach dem Tod meiner Frau half mir die Kunst, langsam wieder zu mir zu kommen, und später der Beistand meiner jetzigen Frau. Mich hat aufgebaut, dass meine Arbeit permanent Widerstände auslöste: Das zeigte mir, ich habe einen Nerv getroffen.