Rechtsextremismus Beste Regie

Stanislaw Tillichs neuer "Bürgerpreis" soll aufrechte Demokraten ehren. Stattdessen ist blamiert, wer ihn erhält

Vom neuen Sächsischen Bürgerpreis hat Anetta Kahane aus der Zeitung erfahren. Maßlos enttäuscht und frustriert sei sie, sagt die 57-Jährige. Kahane – rothaarig, streitbar – ist Vorsitzende der Amadeu-Antonio-Stiftung für Zivilcourage. Und bundesweit eine der markantesten Stimmen im Kampf gegen Rechtsextremismus.

Kahanes Stiftung vergibt jährlich den renommierten Sächsischen Förderpreis für Demokratie. Er ist als Ermutigung gedacht. Ermutigen will man jene, die sich Neonazis in den Städten und auf dem Land entgegenstellen. Denn der Freistaat, sagt Kahane, sei noch immer rechtsextremer Brennpunkt: »Die NPD sitzt weiterhin im Landtag, die gewaltbereite Neonazi-Szene hat sich vielerorts festgefressen.« Die Stiftung war stolz, ihren Preis jahrelang gemeinsam mit der Staatsregierung vergeben zu können. Denn dieser Akt hatte Symbolkraft – Bürgerinitiativen und Regierung, Seite an Seite gegen Neonazis.

Anzeige

Damit ist jetzt Schluss. Die Staatskanzlei ist vor wenigen Monaten aus dem Projekt ausgestiegen und hat einen neuen, eigenen Preis ausgelobt. In dieser Woche wird der Sächsische Bürgerpreis erstmals vergeben – ohne Kahane und ihre Stiftung; und nunmehr nur noch an Initiativen, die der CDU-geführten Regierung genehm sind. Die Preisträger werden damit eher blamiert als geehrt. Sie wissen, dass sie auf der Siegerliste stehen, weil Premier Stanislaw Tillich glaubt, sie seien für seine PR nützlich. Schon heißt es: Beim Bürgerpreis werde geballte Harmlosigkeit ausgezeichnet. »Der Freistaat«, sagt Anetta Kahane, »stellt das geschlossene Signal gegen Rechtsextremismus in Frage.«

Künftig gibt es zwei Trophäen für vorbildliche Sachsen – von Kahane und von Tillich. Bei dem Streit um die Preise geht es vor allem um Deutungshoheit. Darüber, wer und was eigentlich die Demokratie im Freistaat bedroht.

Die Geschichte der Entfremdung zwischen Amadeu-Antonio-Stiftung und Sachsens Staatsregierung begann ausgerechnet mit einem Festakt. 2010 endete die Verleihung des Demokratiepreises im Eklat. Der Verein Akubiz aus Pirna, seit Jahren Gegenspieler der militanten Kameradschaftsszene in der Sächsischen Schweiz, verzichtete auf seine Ehrung – aus Protest: Ehe die Staatskanzlei Akubiz die Urkunde überreichen wollte, verlangte sie die Unterzeichnung einer »Demokratie-Erklärung« – jenes Papiers, das später als »Extremismusklausel« bekannt wurde. Wer es signierte, verpflichtete sich, alle Partner und freien Mitarbeiter auf Verfassungstreue zu überprüfen. Die Männer und Frauen, die geehrt werden sollten, weil sie für die Demokratie kämpfen, fühlten sich gegängelt. Landesweit protestierten Mitglieder von Vereinen gegen den »Generalverdacht des Extremismus« und die eingeforderte »Schnüffelei«. Am Ende stand Stanislaw Tillich ohne den eigentlichen Preisträger da – dafür hatte er eine wütende Debatte darüber entfacht, warum preiswürdige Demokraten Verfassungstreue bekennen müssen.

Vom Kampf gegen Rechtsextreme steht in der neuen Ausschreibung nichts

Heute kommentiert die Staatskanzlei das lapidar: »Das vergangene Jahr hat uns gezeigt, dass eine Neuausrichtung notwendig ist.« Diese Neuausrichtung heißt: Bürgerpreis. Im Gegensatz zum Demokratiepreis fehlt in der Ausschreibung nun das Ziel, Engagement gegen Rechtsextremismus und Rassismus honorieren zu wollen. Stattdessen sollen jene belohnt werden, die »einen wichtigen Beitrag für die Gesellschaft und die demokratische Kultur leisten und für Toleranz und Frieden einstehen«. Den Zugang zum Preis hat die Staatskanzlei klar geregelt. Nur noch Oberbürgermeister kreisfreier Städte und Landräte dürfen Kandidaten vorschlagen. Dazu muss man wissen: Alle zehn sächsischen Landkreise werden von der CDU regiert, nur in zwei der drei kreisfreien Städte, in Chemnitz und Leipzig, amtieren Oberbürgermeister der SPD. 11zu2, das ist das Verhältnis, nach dem beim Bürgerpreis Kandidaten ausgewählt werden. Ministerpräsident Tillich hat darüber hinaus jene Jury, die letztlich über die Preisträger entscheidet, im Alleingang berufen.

Leser-Kommentare
  1. Hier in Sachsen existiert meines Erachtens gar kein Bürgertum im Sinne der Freiheitlich-demokratischen Grundordnung.
    Wir leben hier in einer Puppenstuben- bzw. Nachtwächterdemokratie, wo die Mehrheit der Menschen das Denken ganz gerne der Staatskanzlei und dort vornehmlich den Vertretern der CDU überlässt. Warum ist Sachsen so anders? Biedenkopf haben wir es zu Verdanken, dass es in Sachsen 1990 keinen wirklichen Aufbruch gab - dass staatdessen sehr schnell der Mythos geschaffen wurde, Sachsen und seine Menschen seien besonders weltoffen und modern - quasi ein `Land von Welt´.
    Das Gegenteil ist der Fall: Auf der Arbeitsebene sitzen in Behörden und Ämtern diejenigen, die schon 19989 da gesessen haben, als sogenannte Aufbauhelfer kamen aus dem Westen oft eher devote Parteikader der CDU in Führungspositionen, die diese fachlich und menschlich gar nicht ausfüllen konnten. Die Medien - allen voran der mdr und die ehemaligen Bezirkszeitungen haben sich immer nur als Propagandisten der Staatskanzlei-Linie verstanden und die Justiz hat die vielen Korruptionsfälle und Betrügereien im öffentlichen Sektor des Freistaates immer wieder protegiert.
    In Folge existieren zwei Sachsen: Zum einen das Puppenstuben-Sachsen mit den besten Abiturienten, dem Dresdener Grünen Gewölbe, der erfolgreichen Wirtschaft etc. ... und zum anderen das reale Sachsen - mit rechtem Gedankengut - tief in der Gesellschaft verwurzelt, Verödung des ländlichen Raums und der schleichenden Machterosion der CDU .

  2. Jeder Kritik, jeder Veränderungswunsch von kleinen privaten Intiativen - sei es auf kommunaler Ebene oder im Kontext von landesweiten Themen, wird als politischer Defätismus verstanden und mit allen machtpolitischen Mitteln bekämpft.
    Jüngstes Beispiel war die gescheiterte Inthronisierung Bernd Hilders als neuer mdr-Intendant. Statt aus dieser Schlappe zu lernen und ein offenes Bewerbungs- und Berufungsverfahren anzustreben, wird einer qualitativ noch schlechteren Personalie der Vorzug gegeben. Und eigentlich nur, weil die Sächsische CDU die panische Angst hat, die bis heute absolute Kontrolle (u. a. über die Medien) zu verlieren.
    Es brennt hier an allen Ecken und Enden im Freistaat und die mächtigen Strippenzieher in Dresden ziehen daraus die Konsequenz, wer nicht für uns ist, ist gegen uns.
    Die Abstimmung gegen den Linken-Fraktionsführer Hahn endete somit letzte Woche im Debakel: Gemeinsam mit der NPD hob die CDU seine Immunität auf. Ein Fanal gegen Demokratie in Sachsen und für die Stärkung der Rechten!

    Der oder die PreisträgerInnen des ersten Sächsischen Bürgerpreises können einem jetzt schon leid tun:
    Sie sind Staffage in einem politischen Stück mit dem Titel: Sachsen spielt Demokratie.

    Und wenn wir nach der Preisverleihung aus dieser Inszenierung heraustreten, sind wir wieder in der Sächsischen Realität angekommen ... mit Hausdurchsuchungen bei Pfarrern, Massen-Handy-Ortung und struktrueller Ausländerfeindlicheit im Alltag des Freistaates Sachsen.

  3. In Sonntagsreden fabulieren die Entscheidungsträger aus Politik und Verwaltung in Sachsen von der Freiheit, in ihrer eigenen Praxis jedoch fehlt ihnen der Mut dazu.

    Demokratie ist für sie, wenn das rauskommt, was sie sich wünschen. Und so kungeln und schieben, manipulieren und verdrehen, diffamieren und drohen, drangsalieren und schikanieren sie bis weit über die in einem Rechtsstaat zulässige Grenze hinaus. Für die Öffentlichkeit aber werden Potemkinsche Dörfer gebaut, während den wirklichen Problemen gegenüber eine an Arroganz grenzende Gleichgültigkeit an den Tag gelegt wird.

    Gefährlich ist damit das politische Klima in Sachsen für die unbedarften Naiven und die engagierten Demokraten. Die einen geraten in Teufels Küche dadurch, dass sie wie das Kind im Märchen vom Kaiser ohne Kleider das Offensichtliche offen aussprechen. Und die anderen geraten in das Fadenkreuz der Entscheidungsträger, weil sie die in der Verfassung verankerten Grundwerte nicht nur als Bekenntnis auf ihren Lippen tragen, sondern in dem Alltag leben wollen.

    Wenn dann aber demnächst wieder Demokraten vom im Land grassierenden rechten Mob brutal zusammengeschlagen werden, dann heißt es beim Staatssekretär nur lapidar: „Da hätten die Demokraten eben schneller laufen müssen!“

  4. Entfernt. Bitte beteiligen Sie sich mit sachlichen Kommentaren an der Debatte. Die Redaktion/ew

    Eine Leser-Empfehlung
  5. Das Bürgertum, das sich über die Freiheitlich Demokratisch Grundordnung definiert, gibt es auch in den alten Bundesländern nicht.

    Eine freiheitlich liberale Kultur hat es in Deutschland nie gegeben. In Deutschland schrecken nur die Biedermänner auf wenn ihnen die Brandstifter all zu nahe kommen.

    Deutschland ist zu seiner FDGO gekommen, weil die Alliierten nach dem totalitären Staat eine Minderheit vernünftiger Menschen zusammen getrommelt haben, die ein System schaffen sollten, das dem widerstehen können sollte.

    Leider wurde sehr schnell der Kampf gegen die Roten wichtiger und zwar wurde das Dritte Reich zum dominanten Thema des Geschichtsunterrichts, jedoch ohne die Fakten in irgend einen Kontext zu stellen.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service