RechtsgeschichteAlles Recht geht vom Volksgeist aus

Friedrich Carl von Savigny hat die moderne deutsche Rechtsgeschichte geprägt wie kein anderer. Ein Porträt des Juristen zu seinem 150. Todestag von Benjamin Lahusen

Wenn er im Ornate stehet / Und kreieret die Doktoren, / Fließet ihm die stolze Rede / Gleich dem zweiten Cicerone.« So erdachte sich Clemens Brentano 1812 in seinen Romanzen vom Rosenkranz den berühmten Juristen Jacopone, der die größten Fürsten mit Rechtssprüchen versorgte und Tausende Schüler an seiner Weisheit teilhaben ließ. Und obwohl Juristen im echten Leben nur selten Gegenstand lyrischer Gesänge sind, hatte Brentanos Jacopone ein reales Vorbild: Friedrich Carl von Savigny, den Schwager des Dichters – und bedeutendsten Rechtsgelehrten der deutschen Geistesgeschichte.

Seine adligen Vorfahren waren im 17. Jahrhundert aus Frankreich nach Deutschland gekommen und hatten es hier zu beträchtlichem Wohlstand, ja Reichtum gebracht. Doch dem jungen Savigny ist das Schicksal zunächst nicht nur wohlgesinnt. Geboren am 21. Februar 1779 in Frankfurt am Main, verwaist er früh. 1791 stirbt der Vater, im Jahr darauf die Mutter. Auch von seinen zwölf Geschwistern überlebt keines die Kindheit. Der Junge wächst in der Obhut eines Familienfreundes auf, Constantin von Neurath, Richter am Wetzlarer Reichskammergericht, der dem jungen Savigny ersten Rechtsunterricht erteilt.

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Benjamin Lahusen

Der Autor lehrt Rechtsgeschichte an der Universität Rostock. Gerade erschien im Velbrück Verlag sein Buch Rechtspositivismus und juristische Methode (238 S., 24,– €).

1795 immatrikuliert sich der 16-Jährige an der Universität Marburg. Er studiert mit Fleiß und echter Leidenschaft. Mitreißende Persönlichkeiten hat die hessische Provinz indes nicht zu bieten. Er geht für ein Semester nach Göttingen. Die Stadt bekommt ihm nicht, und er kränkelt. Trotz seines jugendlichen Alters macht Savigny erste Erfahrungen mit körperlichen Gebresten, die ihn immer wieder zu längerem Rückzug auf das Familiengut Trages bei Hanau zwingen. Dazu gesellt sich zuweilen eine Art von Depression, der er weder durch besonderen Studieneifer noch durch ausgedehnte Ausflüge in die romantische Literatur dauerhaft entfliehen kann.

1799 schließt er sein Studium ab und bricht zu einer Kavaliersreise auf, die neuerliche Unordnung in sein Leben zu bringen droht. Gleich zu Beginn trifft Savigny bei einer Bekannten die um ein Jahr jüngere Karoline von Günderrode. Sie ist wie er früh verwaist und einzelgängerisch veranlagt – und sie schreibt: leidenschaftliche, träumerische Gedichte. Die junge Poetin ist beeindruckt von Savignys »zauberischen« Augen, seinem »wunderbaren Kopf«, von »dem sanften Schmerz, den sein ganzes Wesen ausdrückt«.

Savigny scheint die Liebe der romantischen Frau zu erwidern; man tauscht einen flüchtigen Kuss. Doch als es Zeit ist, sich zu erklären, schweigt der junge Gelehrte lange, dann erkundigt er sich verlegen nach dem Wohlergehen von Karolines Bruder. Es ist, als müsste er sich selbst ermahnen, zu den Abgründen der Welt sichere Distanz zu bewahren. »Es ist ja das Einzige, was ich von ihm haben kann: der Schatten eines Traumes«, muss die tief enttäuschte Karoline erkennen.

Statt Vorlesungen gibt es Schießübungen mit dem Landsturm

Savigny reist weiter nach Oßmannstedt bei Weimar zu Christoph Martin Wieland und Sophie von La Roche. Kurz darauf begegnet er den Enkeln der Dichterin: Clemens und Christian Brentano. Er besucht Leipzig, Halle und Jena, die bekannten Universitäten, trifft in Eisenach Jean Paul und sammelt wie nebenbei das Material für eine Dissertation, die im Sommer 1800 fertig ist. Sein wissenschaftliches Feuer ist nun endgültig entfacht; von den höchsten Staatsämtern, die ihm Herkunft und Begabung nahelegen, treibt ihn die innere Neigung fort. Ein »Reformator der Jurisprudenz, ein Kant in der Rechtswissenschaft zu werden« sei sein Plan, verkündet er begeistert den Freunden.

Zurück in Marburg, hält Savigny erste Vorlesungen. Seine Hörer sind gefesselt von seiner Erscheinung: groß gewachsen, schulterlanges dunkles Haar, frei im Denken und klar im Sprechen, mit einem immer wieder hervorblitzenden Sinn für Humor. Zu seinen Schülern zählen Jacob und Wilhelm Grimm, die rasch eine grenzenlose Verehrung für Savigny entwickeln. »Ich werde Sie immerfort lieb haben«, schreibt Jacob dem kaum älteren Lehrer.

Auch Bettine Brentano gehört zum Freundeskreis, genau wie ihr späterer Mann Achim von Arnim. Das Band zwischen dieser Familie und Savigny wird sogar noch enger: 1804 heiratet er Gunda Brentano, vermutlich die Bodenständigste unter den Geschwistern. Und obwohl so geradezu familiär einbezogen in den Zirkel der Romantiker, bleiben ihm deren Träume und Fantasien merkwürdig fremd. Clemens Brentano klagt früh, Savigny schenke ihm häufig nur aus Höflichkeit Gehör; sobald er ihm den Rücken kehre, rumpele »die Studiermaschine wieder im alten Gleis«.

Leserkommentare
    • k2
    • 25. Oktober 2011 12:26 Uhr

    http://books.google.com/b...

    Savigny ist der Ansicht - es gibt andere
    Ansichten -, dass "de falsa causa" einen
    Vertrag in seiner Geltung belassen.

    Die meisten Top-Juristen heute haben
    höchstens 1-2 Semester "historisches
    Recht" und nicht wie klassisch 12-13
    Semester Juristik studiert.

    Solchen oberflächlichen Rechtsgelehrten
    werden die obligatorischen Grundlagen des Rechts ein Buch mit sieben Siegeln bleiben.

    Das klassische Recht setzt einen vertrauten Umgang mit der römischen Geschichte selbstverständlich voraus.

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    Immerhin gab es damals deutlich weniger komplexe Rechtsgebiete, sodass dafür eben auch mehr Zeit blieb.Zudem waren die Studenten ohnehin weitgehend reich, sodass man nicht studierte, um später überhaupt überleben zu können, wie es heute der Fall ist. Zudem haben sich die Prioritäten einfach verschoben... kein Mandat will etwas Rechtsgeschichte wissen.

  1. Immerhin gab es damals deutlich weniger komplexe Rechtsgebiete, sodass dafür eben auch mehr Zeit blieb.Zudem waren die Studenten ohnehin weitgehend reich, sodass man nicht studierte, um später überhaupt überleben zu können, wie es heute der Fall ist. Zudem haben sich die Prioritäten einfach verschoben... kein Mandat will etwas Rechtsgeschichte wissen.

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    • Gaius
    • 06. November 2011 14:16 Uhr

    Wer sich mit Savigny, insbesondere seiner Rechtsquellenlehre und Hermeneutik etwas näher beschäftigt hat, der wird nicht dem Vorurteil unterliegen, Rechtsgeschichte hätte keinen Nutzen für die Richter- oder Anwaltstätigkeit!

    Im Gegensatz zu dem in der Aufklärungszeit herrschenden etatistischen Modell der Rechtsetzung haben Savigny und seine Schüler die Entstehung von Recht aus dem 'Volksgeist' heraus verstanden. Nun ist der Begriff 'Volksgeist' mitnichten im Sinne eines romantischen Idealismus zu verklären, sondern aktueller denn je. Denn Recht entsteht nicht durch Bundestagstagsbeschlüsse. Nicht die Positivierung von Regeln und Normen, sondern deren Applikation lässt Buchstaben ins Leben treten.

    Erst wenn der Richter, der Anwalt, die Rechtswissenschaft, die wirtschaftlichen Teilsysteme, wie etwa der Handelsstand, eine Norm auslegt, d.h. in einem bestimmten Sinne VERSTEHT und danach handelt,

    Erst durch und mit Savigny konnte es uns überhaupt gelingen, die reziproken Beziehungen zwischen Recht, Staat und Wirtschaft und Gesellschaft sichtbar zu machen.

    Auch das Phänomen der zunehmenden Transnationalisierung des Privatrechts sowie die Macht privater Rechtsetzung durch einige Großkonzerne, wäre ohne Savignys Rechtstheorie im wahrsten Sinne des Wortes 'un-denkbar'.

    Anstatt also Alles, was alt ist, als überholt anzusehen, sollte man sich vorher Gedanken machen, worin denn das Neue seinen Ursprung hat. Dies gilt umso mehr für das Recht!

    • Gaius
    • 06. November 2011 14:16 Uhr

    Wer sich mit Savigny, insbesondere seiner Rechtsquellenlehre und Hermeneutik etwas näher beschäftigt hat, der wird nicht dem Vorurteil unterliegen, Rechtsgeschichte hätte keinen Nutzen für die Richter- oder Anwaltstätigkeit!

    Im Gegensatz zu dem in der Aufklärungszeit herrschenden etatistischen Modell der Rechtsetzung haben Savigny und seine Schüler die Entstehung von Recht aus dem 'Volksgeist' heraus verstanden. Nun ist der Begriff 'Volksgeist' mitnichten im Sinne eines romantischen Idealismus zu verklären, sondern aktueller denn je. Denn Recht entsteht nicht durch Bundestagstagsbeschlüsse. Nicht die Positivierung von Regeln und Normen, sondern deren Applikation lässt Buchstaben ins Leben treten.

    Erst wenn der Richter, der Anwalt, die Rechtswissenschaft, die wirtschaftlichen Teilsysteme, wie etwa der Handelsstand, eine Norm auslegt, d.h. in einem bestimmten Sinne VERSTEHT und danach handelt,

    Erst durch und mit Savigny konnte es uns überhaupt gelingen, die reziproken Beziehungen zwischen Recht, Staat und Wirtschaft und Gesellschaft sichtbar zu machen.

    Auch das Phänomen der zunehmenden Transnationalisierung des Privatrechts sowie die Macht privater Rechtsetzung durch einige Großkonzerne, wäre ohne Savignys Rechtstheorie im wahrsten Sinne des Wortes 'un-denkbar'.

    Anstatt also Alles, was alt ist, als überholt anzusehen, sollte man sich vorher Gedanken machen, worin denn das Neue seinen Ursprung hat. Dies gilt umso mehr für das Recht!

    Antwort auf "Na klar"

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