Peinlichkeit Oh, wie peinlich!

Über die Wiederkehr eines scheinbar verschwundenen Gefühls

Erinnert sich noch jemand an die Lewinsky-Affäre von 1998? Als die halbe Welt konsterniert über Spermaflecken auf dem Kleid einer Praktikantin im Weißen Haus diskutierte? Seitdem reißt das öffentliche Gespräch über die sexuellen Vorlieben prominenter Männer nicht ab. Und was Frau Nachbarin treibt oder umtreibt, lässt sie uns in den Magazinen oder im Internet von Fall zu Fall sowieso gerne wissen. Fernsehsendungen, in denen unbelehrte Zeitgenossen sich aufs Peinlichste bloßstellen, erfreuen sich allgemeiner Beliebtheit. Wohin man auch blickt: Das einst schamhaft Verborgene sucht sich seinen Weg auf den Marktplatz. Die alten Zeiten, da man »Schäm dich!« sagte, sind vorüber. Wir sind so frei.

Und doch ist die Grenze zwischen Intimität und Öffentlichkeit keineswegs verschwunden. Schamgefühle beherrschen uns nicht in derselben Weise wie früher, aber zuweilen kehren sie unerwartet und mit Macht zurück, wie der 5. Februar 2011 vor aller Augen geführt hat. Es war der Tag, an dem Monica Lierhaus den Ehrenpreis der Goldenen Kamera erhielt. Die langjährige Moderatorin der ARD-Sportschau hatte sich im Januar 2009 einer Hirnoperation unterziehen müssen, war erst vier Monate später aus dem Koma erwacht und kämpfte seitdem heldenhaft um die Wiedergewinnung ihrer Gesundheit.

Anzeige

An diesem Ehrentag hielt der Fußballveteran Günter Netzer die Laudatio. Der medienversierte Mann war so nervös, dass er stotterte und sich mehrmals versprach. Er nannte die Preisträgerin das »Kronjuwel der ARD«, fand sie »unglaublich attraktiv« und rekapitulierte die weithin bekannte Leidensgeschichte: »Ein Schicksalsschlag, der uns alle erschüttert hat, ganz Deutschland fühlt seither mit.« Und er schloss mit den Worten: »Noch nie in meinem Leben habe ich einen Satz lieber gesagt, einen Satz, der uns alle, glaube ich, sehr glücklich macht: Willkommen zurück, Monica Lierhaus!«

Und jetzt erschien sie auf der Bühne, umrauscht vom Beifall, gekleidet in eine silbrig blaue, tief ausgeschnittene Abendrobe. Der Beifall erstarb, als sie nach vorne kam. Sie ging wie ein Roboter, in gespenstisch abgehackten Bewegungen, sie sprach mit einer seltsam leiernden Intonation, und sie wirkte wie die geisterhafte Erscheinung aus einer jenseitigen Welt, gerade noch dem Tod entronnen. Nach den Dankesworten bat sie ihren Lebensgefährten Rolf Hellgardt zu sich. Sie habe noch etwas auf dem Herzen, sagte sie, und sie würde, wenn sie es könnte, vor ihm auf die Knie gehen: »Ich möchte dich fragen, ob du mich heiraten willst.«

Die Kamera, die unterdessen ins Publikum blickte, zeigte äußerst betroffene Reaktionen. Entgeisterung, Mitleid, peinliches Berührtsein spiegelten sich in den Mienen der Zuschauer. Einige hatten Tränen in den Augen, andere schlugen entsetzt die Hände vors Gesicht. Niemanden, der sich den Mitschnitt der Szene auf YouTube ansieht, wird sie gleichgültig lassen. Wohl niemals zuvor ist Peinlichkeit derart zu einem kollektiven Medienereignis geworden.

Kaum jemandem ist das Gefühl der Peinlichkeit fremd. Es ist unangenehm, man ist froh, wenn es vorübergeht. Selten ist es ein Gefühl, das verschiedenste Menschen miteinander verbindet. Hier aber, beim Auftritt von Monica Lierhaus, haben es Millionen gleichzeitig verspürt. Ihn peinlich zu nennen enthält, und das sei ausdrücklich gesagt, keinen moralischen Vorwurf. Das Wort geht auf »Pein« zurück und hat mit Schmerz zu tun. Wenn wir die Szene anschauen, empfinden wir eine Art Mitschmerz über das Schicksal dieser einstmals strahlenden und jetzt bedauernswert beeinträchtigten Frau. Es wird uns klar, was Hartmann von Aue in seinem Armen Heinrich sagt: Media vita in morte sumus, mitten im Leben sind wir vom Tod umgeben.

Leser-Kommentare
  1. Zufällig habe ich diesen Artikel gelesen und mich fremdgeschämt. Der Auftritt von Monica Lierhaus war sicherlich keine Glanzstunde des deutschen Fernsehens. Man fragte sich in der Tat: "Warum hat kein Mensch rechtzeitig eingegriffen?"

    Peinlickeit und Fremdschämen hat allerdings nichts damit zu tun, dass man sich nach einem Schicksalsschlag verstecken muss. Vielmehr fragt man sich, warum ist der Mensch nicht in der Lage seine Blossstellung zu erkennen. In so einem Fall fällt die Antwort leichter, als bei einem Journalisten, Herr Greiner, bei dem man sich fragt, wie arm muss man dran sein, seine Ideenlosigkeit durch einen solchen Artikel zu kaschieren oder aber um Geld zu verdienen. Ansonsten kann man die Situation von Frau Lierhaus durchaus privat diskutieren, aber nicht ernsthaft einen eventuell begangen Fehler von Frau Lierhaus in der Zeit "offenlegen". Dort stellt sich dann doch die Frage: "Wie kann der Herr Greiner nicht erkennen, dass ihm dies peinlich sein sollte?"

  2. Ich verstehe den Artikel nicht. Worum geht es jetzt eigentlich genau? Ulrich Greiner stellt Thesen auf (Bsp.: "Wir leben in einer weitgehend entformalisierten Gesellschaft, der die alten Verhaltensregeln nicht mehr viel sagen."), sieht sich aber nicht gezwungen, zu argumentieren. Das ist schade, aber in der ZEIT oft zu beobachten.
    Anstatt auf die Buddenbrooks oder Anton Reiser zu verweisen, sollte er besser erklären, wovon er gerade eigentlich spricht und warum es mit dem Gefühl der PEinlichkeit zu tun hat. Oder ist das alles selbstverständlich - welche Verhaltensregeln gemeint sind, warum die Gesellschaft entformalisiert ist...oder was mit "den wechselnden Geboten der beruflichen Laufbahn" gemeint ist? Helft mir!

  3. Erst mal vielen Dank für diesen interessanten Artikel.

    Der Autor spricht die Verschiebung der Schamgrenzen an, die auch durch die Überflutung mit Fersehbildern aufkam.

    Weniger für amoralische und gemeine Taten schämt sich der westliche Mensch, sondern für Falten oder die falschen Leggins, für's Rauchen oder den Speck am Körper.

    Der Lack ist entscheidend.
    So wie beim Auto und dem Kontostand.

    "Stände und Klassen in der alten Weise
    gibt es nicht mehr, aber man täusche sich nicht:

    Die Systeme der Ausgrenzung sind feiner geworden,
    die Merkmale der Zugehörigkeit subtiler.
    Meine Identität ist multifunktional:

    Als Steuerzahler, Radfahrer, Katholik, Tourist, Arbeitnehmer

    muss ich jeweils anderen Erwartungen, anderen ungeschriebenen Regeln folgen,

    und sie variieren nochmals mit
    meinem Alter und meinem Geschlecht.

    Nirgends mehr kann ich mich vollkommen sicher fühlen."

    Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch!

    Wenn die in der Mittelschicht erkennen, dass sie selbst bald zur 50 % Unterschicht gehören können
    - dann besteht auch Hoffnung.

    Mut wird gebraucht. Nur leider: Warum denke ich an eine Autowerbung bei diesem Spruch:

    * Jede Revolution war zuerst ein Gedanke
    im Kopf eines Menschen *

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service