Seuchenfilm "Contagion" Jetzt drehen wir alle durch

Steven Soderberghs Seuchenfilm "Contagion"

Nach dem Besuch dieses Films wird der Zuschauer öffentliche Verkehrsmittel nur mit einem leichten Gefühl von Paranoia betreten. Er wird einen kleinen Vorrat an Konserven anlegen, seine Liebsten vor jedem Kuss mit Desinfektionsmittel einsprühen und sich fragen, wo man eigentlich diese luftdichten Laboranzüge mit tragbarem Sauerstoffgerät und reißfesten Gummihandschuhen bekommen kann.

Tatsächlich ist Steven Soderberghs Seuchenfilm Contagion wunderbares Panik-Kino, was im Wesentlichen daran liegt, dass Soderbergh sein Szenario vollkommen unpanisch entfaltet. Im ruhigen, aber zwingend voranschreitenden Rhythmus und mit dokumentarisch anmutenden Bildern schildert er die Ausbreitung einer tödlichen Grippeinfektion, die von Macao ausgehend die gesamte Welt erfasst.

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Gwyneth Paltrow spielt das erste Opfer, eine amerikanische Geschäftsreisende, die das Virus erst bei einer ehebrecherischen Zwischenlandung auf der Reise von Asien nach Chicago absetzt und dann noch ihren kleinen Sohn infiziert, bevor sie am nächsten Morgen unter Krämpfen und mit Schaum vor dem Mund in ihrer Küche zusammenbricht. Dass Soderbergh eine Schauspielerin wie Paltrow schon nach zehn Minuten sang- und klanglos »entsorgt«, spricht für seine Coolness und für eine gewisse erzählerische Identifikation mit dem Virus, das die Menschheit ja tatsächlich unaufhaltsam und demokratisch, ohne Rücksicht auf Geld, Status oder Ruhm dezimiert.

Die Verunsicherung, die durch dieses Staropfer entsteht, setzt sich mit einer Fülle von Angstbildern fort, die sich zu einer gigantischen Bedrohungswolke verdichten: das Schälchen Erdnüsse an der Flughafenbar, in dem sich ein paar Dutzend Neuinfektionen verbergen. Die Metallstangen im Bus, ein Geldschein im Kasino, all die Küsse, Berührungen, kleinen Niesanfälle und großen Huster. In wenigen Minuten hat Soderbergh die Welt in einen einzigen großen Ansteckungsherd verwandelt. Zum schaurig-schönen Schaubild wird die Pandemie durch die digitale Weltkarte der amerikanischen Gesundheitsbehörde, auf der sich die roten Flächen mit rasender Geschwindigkeit ausbreiten.

Angesichts der Konsequenz, mit der Soderbergh das Zettelkästchen des Katastrophenfilms hinter sich lässt – all die geschiedenen Eheleute, die angesichts des Ausnahmezustands wieder zusammenkommen, all die verdrucksten Männer, die plötzlich über sich hinauswachsen –, könnte man seinen Film als eine Art Anti-Emmerich bezeichnen. Matt Damon etwa, in der Rolle von Paltrows Ehemann, der gegen die Seuche immun ist, bleibt den ganzen Film über nichts weiter zu tun, als sich mit seiner überlebenden Tochter im Einfamilienhäuschen einzusperren und dumpf brütend auf die Entdeckung eines Impfmittels zu hoffen.

Natürlich wird hektisch an der Rettungsfront gearbeitet. Aber auch hier verzichtet der Film auf jede Form von heroischer Überwölbung. Laurence Fishburne als Chef der US-Seuchenbehörde agiert mit melancholischem Pragmatismus. Seine Kollegin Ally Haskell (Jennifer Ehle) forscht dem mutierenden Virus unter Einsatz des eigenen Lebens im Labor hinterher. Kate Winslet spielt die berührendste Figur des Films, eine Regierungsmitarbeiterin, die die Infektionen detektivisch verfolgt. Verzweifelt und selbstverzehrend versucht sie, behördliche Organisation in das von der Seuche ausgelöste Chaos zu bringen. Blass, dünn, übermüdet wirkt sie wie der zivilisatorische Rest, wie ein kleines Bollwerk gegen den moralischen Zusammenbruch, der mit der viralen Attacke einher geht.

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Fast beiläufig werden in Contagion auch die ethisch-politischen Fragen behandelt, denen die Regierung gegenübersteht: Soll man die Bevölkerung umfassend informieren oder wegen der Gefahr einer Massenpanik nur selektive Informationen verbreiten? Ist es verwerflich, wenn ein Beamter gegen die Schweigepflicht verstößt, um eigene Familienmitglieder zu retten? Und wie geht man mit einem narzisstischen Blogger (Jude Law) um, der das Leben seiner Mitbürger mit Fehlinformationen aufs Spiel setzt??

Steven Soderberghs Contagion hat keine Moral, keine Botschaft, keine Quintessenz, bietet aber dann doch eine kleine Katharsis. Am Ende wird Matt Damon die letzten Aufnahmen seiner toten Frau auf ihrem Fotoapparat finden. Und es ist einfach erleichternd, dass die Tränen, die man sich im Angesicht der Katastrophe nicht leisten kann, auf diese Weise doch noch ins Bild gesetzt werden.

 
Leser-Kommentare
  1. Dieser Film ist das Unsinnigste was derzeit im Kino läuft, er schürt Panik und das ist sein einziger Zweck!!!
    Als wenn wir nicht schon genug von Seuchen, Unwettern etc. lesen...dann kommt noch dieser Film daher und beschäftigt sich "fast beiläufig mit ethisch-politische Fragen" lächerlich!

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    • hacksn
    • 21.10.2011 um 10:09 Uhr

    also vor gerade etwas mehr als 24 Stunden angelaufen ist: haben Sie ihn denn gesehen?

    • hacksn
    • 21.10.2011 um 10:09 Uhr

    also vor gerade etwas mehr als 24 Stunden angelaufen ist: haben Sie ihn denn gesehen?

    • hacksn
    • 21.10.2011 um 10:09 Uhr

    also vor gerade etwas mehr als 24 Stunden angelaufen ist: haben Sie ihn denn gesehen?

    Antwort auf "Unsinnig!!!"
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    in Estland läuft er schon seit 3 Wochen!

    in Estland läuft er schon seit 3 Wochen!

  2. Dieser kleine düstere in der amerikanischen Provinz spielende und von der FSK mittlerweile mit einem "ab 16" freigegebene Seuchenschocker nimmt das alles schon vorneweg. Zugleich ist er in Ermangelung von Geld auch komplett ohne Stars gedreht worden. Dieser Film ist auch viel brutaler und konsequenter als auch ein größer budgetiertes Filmchen sein könnte, da immer Erwartungen von Produzenten erfüllt werden müssen, die sehen Familieninkompatibilität nicht gerne. In Crazies schießt das Militär irgendwann auf die Bevölkerung ohne Rücksicht darauf ob es Infizierte oder "Gesunde" sind. Ein kleiner dreckiger düsterer Film, der wieder entdeckt werden sollte, von dem miesen Remake ist Abstand zu nehmen und von dem noch mieseren Remake, das unter den Namen "Outbreak" mit einer ganzen Batterie von Hollywoodstars von Wolfgang Petersen inszeniert wurde, sollte man tunlichst auch sollte man seinem DVD-Player auch keine Kopie zumuten.

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    Auch Romeros Zombie-Trilogie Night of the Living Dead, Dawn of the Dead und Day of the Dead übt öfters derartige Kritik. Aber ich fand sein Frühwerk Crazies fast noch besser als die Zombiefilme, eben weil es hier etwas "realistischer" war. Schade, das seine Arbeit heute nur noch enttäuschend ist.

    Auch Romeros Zombie-Trilogie Night of the Living Dead, Dawn of the Dead und Day of the Dead übt öfters derartige Kritik. Aber ich fand sein Frühwerk Crazies fast noch besser als die Zombiefilme, eben weil es hier etwas "realistischer" war. Schade, das seine Arbeit heute nur noch enttäuschend ist.

  3. Auch Romeros Zombie-Trilogie Night of the Living Dead, Dawn of the Dead und Day of the Dead übt öfters derartige Kritik. Aber ich fand sein Frühwerk Crazies fast noch besser als die Zombiefilme, eben weil es hier etwas "realistischer" war. Schade, das seine Arbeit heute nur noch enttäuschend ist.

    • Timo K
    • 21.10.2011 um 12:38 Uhr

    hapert's bei dem Film vor allem an der Ausgangslage.
    Man hat es mit einem Virus zu tun, der sich besonders leicht ausbreitet, eine passende Inkubationszeit und spektakuläre Symptome hat und dem gegenüber stellt der Regisseur Institutionen, denen es gelingt den neuen Erreger sofort zu isolieren und klassifizieren, angeblich träumen Virologen davon.
    Also eine mögliche, aber dennoch etwas abstruse Ausgangslage.

  4. Wenn man alle diese Filmchen, Veröffentlichungen, die meistens aus Amerika kommen, mit Abstand betrachtet, haben sie alle das gleiche Strickmuster. Zu 90% an den Haaren herbeigezogene Handlungen. Im Vordergrund immer Angst erzeugen, wenn es eine Lösung gibt, dann bringen diese die ehemaligen Cowboys, fast immer allwissend. Wenn man dann noch weiss, wie einfältig der Durchschnittsamerikaner ist, dann ist es für diese Population das richtige Futter. Aber wem nützt es? Der Pharmaindustrie für neue Impfkampagnen, der Rüstungsindustrie, vertretend für die Allmacht Amerikas, letztendlich der Politik, die ja den Bürger davor bewahren kann. Letztendlich passt es in das Verdummungsmuster, was sicher gewünscht ist. Schlimm nur für diejenigen, die ihren kritischen Geist noch bewahrt haben. Denen stehen die Haare zu Berge.

    Eine Leser-Empfehlung
  5. 7. Ja...

    in Estland läuft er schon seit 3 Wochen!

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