ComputergenealogieStammbaum der Erkenntnis

Ahnenforschung war ein etwas spleeniges Hobby – seitdem das Internet floriert, ist sie für Zehntausende zur Obsession geworden. von Frank Keil

Ahnenforschung Familienalbum

Ein Sammelsurium alter Familienfotos  |  © mal/Photocase

Am 24. September dieses Jahres um 10.43 Uhr loggt sich die Userin "britta 70" auf der Forumsseite der Website www.genealogy.net ein und postet den folgenden Kommentar: »Hallo, erst mal muss ich hier ein großes Kompliment abgeben. Bin gerade durch Zufall auf dieses Forum gestoßen. *echt klasse hier*« Dann rückt sie mit ihrer Frage raus: »Ich suche einen Frederi(c)ksen Alexander Thorwald, *23.11.1873 in Kopenhagen, er war Farmer, die Frau Ida Marie Christiansen, *3.2.1876. Er hat einen Sohn gehabt: mein Großvater Hans Iwer Frederi(c)k- sen, *28.6.1904 in Flensburg. Kann mir jemand helfen?«

Es dauert knappe sieben Stunden, und Hina – eine der Moderatorinnen des Forums, wohnhaft in Skive, Dänemark – meldet sich und gibt ihr den Tipp, zunächst auf die Website der dänischen Kirchenbücher zu schauen. Nur sechs Minuten später schaltet sich einer der Administratoren namens Bonzhonzlefonz ein (ausgewiesen als Mitglied der Genealogischen Gesellschaft Hamburg) und schlägt ihr vor, sich bei der Kopenhagener Kirche Sankt Petri zu erkundigen, der Gemeinde für die deutschstämmigen Dänen. Außerdem verrät er britta 70 einen wichtigen praktischen Trick, um auf dänischen Internetseiten zurechtzukommen: Mittels der Tastenkombinationen »alt + 0248« und »alt + 0216« ließen sich das kleine und das große durchgestrichene O herstellen, ohne die man in den Suchmasken dänischsprachiger Datenbanken nun mal rettungslos verloren sei.

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Wie viele Menschen mehr oder weniger ausdauernd und ernsthaft quer durch die Jahrzehnte und dann Jahrhunderte nach Verwandten und Vorfahren suchen, lässt sich schwer beziffern. Unmittelbar nach den wahnwitzigen Verirrungen der Nazizeit war die Ahnenforschung in Deutschland anrüchig geworden. Noch bis vor Kurzem galt sie bestenfalls als ein etwas spleeniges Hobby.

Doch spätestens seitdem das Internet Volksmedium ist, erlebt sie einen neuem Boom. Genealogen selbst schätzen, dass es hierzulande hunderttausend, aber auch zweihunderttausend Menschen sein könnten, die sich mit der Geschichte ihrer Familie beschäftigen. Solide belegen lässt sich nur, dass in knapp 70 genealogischen Vereinen gut 25.000 Privatforscher organisiert sind – wobei der Verein für Computergenealogie, der die Seite www.genealogy.net betreibt, mit über 3.300 Mitgliedern der weitaus größte Verband ist. Zugleich stellt er so etwas wie die technische Avantgarde der Genealogenszene dar mit allein 10 Millionen personenbezogenen Datensätzen in einer offenen Datenbank, die sich in Sekundenschnelle und vor allem kostenlos durchsuchen lassen.

Langsam, aber unaufhaltsam vollzieht sich ein Wandel: Genealogen sind nicht mehr die älteren Herren mit schütterem Haar, die nimmermüde von Archiv zu Archiv reisen und in unförmigen Aktentaschen Abschriften von Urkunden mit sich schleppen. Der Genealoge von heute trägt seine Forschungsergebnisse auf einer externen Festplatte in der Jackettinnentasche mit sich; seine Forschungsergebnisse veröffentlicht er auf der Homepage.

»Die Leute schreiben immer dann eine E-Mail, wenn sie an einem toten Punkt angelangt sind«, sagt Helga Scabell, Schatzmeisterin des Vereins für Computergenealogie. »Ich selbst habe mit Gefrieretiketten angefangen«, erzählt sie. Die habe sie zu einem Stammbaum zusammengeklebt. Ihr Interesse war durch die Geburt ihres ersten Kindes geweckt worden – es sollte einmal wissen, woher die Vorfahren stammen, zumal die Familie auch brasilianische Wurzeln hat. Erste Befragungen von Verwandten konnten ihren Wissensdurst nicht wirklich stillen, so wandte sie sich an den örtlichen Genealogenverein. Aber der vermochte ihr nicht weiterzuhelfen. Jahr um Jahr verstrich, ohne dass sie ihre begonnene Familienchronik mit Namen und Daten und Familiengeschichten auffüllen konnte.

Und was ist mit dem unehelichen Kind von Tante Adele?

Erst seit dem Jahr 2000, mit dem rasanten Ausbau des Internets, ging es weiter. Helga Scabell fand in Brasilien tatsächlich eine Cousine, die ihr den Weg in diesen Familienzweig öffnete: »Und erst gestern haben wir hier in München die goldene Hochzeit dieser Cousine feiern können – zusammen mit 21 brasilianischen Verwandten.«

Trotzdem, das weiß auch Scabell, kann die Computergenealogie die Arbeit im Archiv nie ganz ersetzen. »Wenn ich Ihnen jetzt die Daten meines Großvaters Ludwig Scabell nenne, der Brandmeister war und in Berlin die Berufsfeuerwehr gegründet hat, können Sie die Daten falsch aufschreiben, oder ich gebe sie Ihnen falsch durch. Erst die Urkunde im Berliner Archiv ist der eindeutige Beleg.«

Leserkommentare
  1. Damit Leute die es im Leben zu nichts gebracht haben auch was vorweisen koennen? Das fuehrt dann dazu das selbst eine Buergerliche welche in das englische Koenigshaus einheiratet doch irgendwie nicht ganz so Buergerlich ist (so wie der Nachbar von nebenan).

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    Kommentar der heutigen Zeit: was bringt mir das ?
    Geldwerten Vorteil sicher nicht, aber vielleicht ein wenig Wissen über Geschichte, über die eigene Geschichte, und vielleicht die Erkenntnis, dass man als heutiger Mensch nur existiert, weil eine ungeheure Menge Menschen vor einem gelebt und gelitten haben und dass man selbst, wenn auch nur ein einziger dieser Menschen zu früh gestorben wäre, heute nicht hier Kommentare schreiben könnte.

    • Infamia
    • 23. Oktober 2011 20:27 Uhr

    Was ist bei Ihnen im Leben bloß alles schief gelaufen, dass Sie so denken?

  2. Man stelle sich vor, in naher Zukunft werden alle Archive weltweit digitalisiert und man kann seine Vorfahren ohne grosse Muehe sehr weit in die Vergangenheit zurueck vefolgen.

    Dann wuerde vielleicht vielen Europaern klar werden, wie eng verwoben unsere Gesellschaften doch in Wirklichkeit sind, wenn man nur mehrere Jahrhunderte betrachtet. Grundsaetzlich kann uns die Genealogie helfen, eine ganz urspruengliche Verbindung zu anderen Kulturen herzustellen.

    Vielleicht wird das ja auch ein wenig mehr Solidaritaet in der Welt erzeugen koennen.

  3. Kommentar der heutigen Zeit: was bringt mir das ?
    Geldwerten Vorteil sicher nicht, aber vielleicht ein wenig Wissen über Geschichte, über die eigene Geschichte, und vielleicht die Erkenntnis, dass man als heutiger Mensch nur existiert, weil eine ungeheure Menge Menschen vor einem gelebt und gelitten haben und dass man selbst, wenn auch nur ein einziger dieser Menschen zu früh gestorben wäre, heute nicht hier Kommentare schreiben könnte.

    • Infamia
    • 23. Oktober 2011 20:27 Uhr

    Was ist bei Ihnen im Leben bloß alles schief gelaufen, dass Sie so denken?

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    Vermutlich ist sehr viel schief gelaufen.Das "Eintauchen"in die Vergangenheit,die Bewältigung der Gegenwart und das Befassen mit der Zukunft:Das ist der Unterschied zwischen Tier und Mensch!Ich liebe Tiere sehr und empfinde großen Respekt vor ihnen - um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen - aber einen Unterschied gibt es halt doch.
    Povero illuso!

  4. Ahnenforschung ist extrem spannend und kann viel Spaß machen. Ich empfinde es oft wie ein riesiges Puzzle dessen Steine zur Steigerung der Schwierigkeit versteckt sind. Mein Interesse wurde auf Grund der Erzählungen von Urgroßmutter und Großmutter geweckt. Ich hab irgendwann vieles aufgeschrieben und einige Verwandte haben mir alte Fotos und Dokumente zukommen lassen. Meine Familie ist recht klein, viele uneheliche Geburten und alles Einzelkinder. Ich habe schon mit Verwandten in Amerika und einem verschollenen Onkel in Kanada Kontakt bekommen. Ausserdem habe ich sehr viele sehr nette AhnenforscherInnen jeden Alters kennengelernt. Aus purem Eigennutz sind AhnenforscherInnen auch sehr hilfsbereit und man findet immer jemandem der Antwort auf eine Frage hat und manchmal guckt auch jemand in einem fernen Archiv nach.
    Recherche am Computer hat das Hobby vielseitiger gemcht. Man kann Archive zum Teil online durchsuchen, Kontakte zu anderen Forschern aufnehmen. Die Mormonen haben ein riesiges Archiv mit Familienstammbäumen aufgebaut. Leider sind darin auch viele Fehler und man muss Namen und Daten in den Archiven verifizieren. Es hilft aber an toten Punkten gelegentlich mal durchzusuchen
    Am allerschönsten ist jedoch wenn man über Ahnen mehr erfährt als nur Name und Geburtsdatum.

  5. Auch für mich hat Genealogie eine faszinierende Welt geöffnet. Das Internet bietet viele Einstiege, was auch mit dem amerikanischen Faible (nicht nur der Mormonen) für Ahnenforschung zu tun hat. Google, FamilySearch und andere, manchmal mit Originaldokumenten, die im Original unerreichbar sind. Man korrespondiert mit Archiven, Bibliotheken, Kirchen, Schulen, Grundbuchämtern, Heimatforschern. Ärgerlich, dass zunehmend finanzielle Interessen hineinspielen. 6,99 $ zahlbar an eine US-Bank für die vage Aussicht, dass der nächste Klick Neues bringt.
    Man spürt auch einen Auftrag: die erlebte, von Eltern, Großeltern usw. erzählte Familiengeschichte notieren, Fotos beschriften, Dokumente ordnen und sichern, besonders in einer Zeit, in der Ehen später geschlossen, Kinder später geboren, mehr Ehen geschieden werden, Kinder immer weniger im Kontakt mit der weiteren Familie aufwachsen, so dass sie auch immer weniger Information „aus erster Hand“ erhalten. So viel hat sich geändert, seit wir Kind waren.
    Meint man, das eigene Leben sei zu banal, mag der Aufwand für die Weitergabe der eigenen Geschichte übertrieben erscheinen. Aber seien wir über die Banalität froh. Sie bedeutet, dass wir keinen Krieg im eigenen Lande, keine Flucht oder Vertreibung erleben mussten, kein Nachbar wegen seines Glaubens oder seiner „Rasse“ ermordet wurde, dass wir von Katastrophen anderer Art verschont geblieben sind. Dann stellt sich vielleicht auch Dankbarkeit ein - vor dem Schicksal oder vor wem auch immer.

  6. Wer nun gar keinen Spaß an Familiengeschichte hat, dem sei die Lektüre der Antwort von Ernst von Salomon auf Frage 18 im (Entnazifizierungs-) „Fragebogen“ (rororo 419-422, S. 53 ff.) empfohlen. Da kann er sich – trotz des traurigen Hintergrundes der Ahnenforschung als Beitrag zur Erhaltung der „Rasse-Reinheit“ - über die genealogischen „Trüffelschweine“ lustig machen.

  7. Vermutlich ist sehr viel schief gelaufen.Das "Eintauchen"in die Vergangenheit,die Bewältigung der Gegenwart und das Befassen mit der Zukunft:Das ist der Unterschied zwischen Tier und Mensch!Ich liebe Tiere sehr und empfinde großen Respekt vor ihnen - um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen - aber einen Unterschied gibt es halt doch.
    Povero illuso!

    Antwort auf "@pu_king81"

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