Tom Waits Taumelndes Zahnfleisch
Unspektakulär gut: eine neue Platte von Tom Waits.
© Jesse Dylan

Tom Waits: Sänger, Komponist, Schauspieler und Autor
Bad As Me. Eine neue Tom-Waits-Platte. Die eins, zwei, drei ... zwanzigste, wobei ich mich zwischen all den Bootlegs und Soundtracks bestimmt verzählt habe. Ich habe 1985 mit Tom Waits angefangen. Zwei Jahre später habe ich schon wieder mit ihm aufgehört. Eine kurze Liebesgeschichte aus den Achtzigern.
Rain Dogs war ja unumgänglich gewesen 1985, die Zeitungen waren voll davon. Ich erinnere mich gut, wie es für mich war, dieses Album ziemlich voraussetzungslos zu hören, Captain Beefheart zum Beispiel nur dem Namen nach zu kennen oder Screaming Jay Hawkins seit Kurzem erst aus Stranger than Paradise, dem ersten Jim-Jarmusch-Film, den ich zu sehen bekam. Diese Rain Dogs waren Geklöppel und Gebrüll, erstmalig dazu Marc Ribots unvirtuose Gitarre, alles anstrengend cool, zum Glück immer nur bis zur nächsten, ergreifenden Ballade.
Markus Berges ist Autor (Ein langer Brief an September Nowak, Rowohlt), Songschreiber und Sänger der Band Erdmöbel, von der Ende September das neue Album Retrospektive (Edel) erschien.
Wilder, guter Groove – und die Whiskey-Stimme ist fast vergessen
Überhaupt erscheinen mir jetzt plötzlich meine ersten Studienjahre in Münster/Westfalen als Jim-Jarmusch-Zeiten, voller Sehnsucht nach dieser ganz anderen New Yorker Langeweile, als hätte ich Monate davon im Kino verbracht, ganze Tage vor Jim Jarmuschs endlosen schwarzen Szenenpausen. Natürlich tauchte jemand Unvermeidliches in seinem nächsten Film auf: Down by Law. Wer könnte vergessen, wie darin drei Insassen loslegen, und ein ganzes Gefängnis stimmt ein: »I scream, you scream, we all scream for ice cream« – die Insassen: Roberto Benigni, John Lurie und Tom Waits. Es kamen auch zwei seiner Songs vor. In diesem Jahr hörte ich Swordfishtrombones von 83 rauf und runter. Aber als Frank’s Wildest Years erschien, ein Jahr darauf, war Schluss. Ach, Tom Waits nervte. Und er hat nie damit aufgehört. Deshalb, bevor ich ein neues Album dieser kurzen Liebe entdecken will, muss das noch ein Mal raus:
Was an Tom Waits nervt:
– die ewige Whiskey-Stimmverstellerei, die Kritiker schwärmen lässt, das Ergebnis klinge »wie getränkt in einem Fass Bourbon, für ein paar Monate geräuchert und schließlich nach draußen geholt und von einem Auto überfahren« (Durchholz)
– der nighthawk: die ewige Darstellung des Lebens in Bars und Diners und Tankstellen, gerne mit Stripteasetänzerinnen und leichten Mädchen verkaufsfördernd im Hintergrund
– der Gaukler: Jahrmarkt-/Zirkus-/Varieté-Elemente in Musik, Artwork und Performance: das Klischee vom bunten Leben am Rand der Gesellschaft
– linkisch von Beruf: die ewige Hand am Hinterkopf (im Netz fand ich sie schon auf dem Cover von The Heart of Saturday Night, 1973, und ich hab reingehört: Stimme weder geräuchert noch überfahren)
– dass man seine Songs erfolgreich einkölschen kann
Dem sei – aus Gründen – nachgestellt, was ich bei der Arbeit an diesem Text Bewundernswertes an Tom Waits entdeckte. Er schickte Bob Dylan für dessen Radiosendung Theme Time Radio Hour (2006 bis 2009) Kassetten zu. Dylans Sendung zum Thema »Vögel« bereichert er zum Beispiel um einen Vortrag über die ausgestorbene Wandertaube, die einst mehr als 45 Prozent der Vogelpopulation Nordamerikas ausmachte. Waits erzählt, wie im 19. Jahrhundert riesige Schwärme von Wandertauben (»300 Millionen pro Stunde«) den Himmel drei Tage lang verdunkelten. In einer anderen Sendung erklärt er, was man im alten China alles ungestraft betrachten durfte, welche tödlichen Folgen aber der Anblick von Füßen fremder Ehefrauen hatte. Den Beitrag zum Thema »Zahlen« beginnt Waits mit einem Dankeschön für die Weihnachtskarte, die Dylan ihm geschickt hat, und die Marmelade sei übrigens nicht von dieser Welt gewesen. Dann wieder rezitiert er aus einer Sammlung jüdischer Flüche. Dylan reagiert immer nur mit einem knappen »Thanx, Tom«, als wäre mehr nicht zu sagen.
- Datum 21.10.2011 - 12:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 20.10.2011 Nr. 43
- Kommentare 18
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TW kann noch einhundert weitere Scheiben machen, aber nichts davon wird sich mit Swt messen können. Swt war der ganz, ganz große und originäre Wurf (nicht zuletzt aufgrund der vielen daran beteiligten Gastmusiker und seiner frischen Liebesbeziehung?!). Alles andere von ihm finde ich bestenfalls durchwachsen (mit Ausnahme einiger weniger Songs).
Alles andere von ihm finde ich bestenfalls durchwachsen
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Über Geschmack lässt sich nicht streiten, daher fange ich gar nicht erst damit an.
Tom Waits ist einer der wenigen, der geliebt oder gehasst wird. Sie sind einer der wenigen die einige Sachen mögen, andere aber nicht. Die meisten mögen dann eher gar nichts ;-).
An Tom schätze ich, dass er mir immer eine Alternative zu jeder Stimmungslage bietet. Möchte ich Rock hören, höre ich Rock oder Bone Machine. Möchte ich Blues hören, höre ich Blues oder Rain Dogs. Möchte ich Jazz hören, dann höre ich Jazz oder Nighthawks. Er gehört seit 20 jahren zu meiner Musiksammlung - und jetzt weiß ich schon ein Weihnachtsgeschenk für mich. Danke, Tom
Alles andere von ihm finde ich bestenfalls durchwachsen
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Über Geschmack lässt sich nicht streiten, daher fange ich gar nicht erst damit an.
Tom Waits ist einer der wenigen, der geliebt oder gehasst wird. Sie sind einer der wenigen die einige Sachen mögen, andere aber nicht. Die meisten mögen dann eher gar nichts ;-).
An Tom schätze ich, dass er mir immer eine Alternative zu jeder Stimmungslage bietet. Möchte ich Rock hören, höre ich Rock oder Bone Machine. Möchte ich Blues hören, höre ich Blues oder Rain Dogs. Möchte ich Jazz hören, dann höre ich Jazz oder Nighthawks. Er gehört seit 20 jahren zu meiner Musiksammlung - und jetzt weiß ich schon ein Weihnachtsgeschenk für mich. Danke, Tom
..sind immer die, mit denen man als erstes in Berührung kommt. So sind "Closing Time" und "Mule Variations" für mich die besten Alben von TW. Swt liegt auch bei mir im Schrank - hat aber schon mächtig Staub angesetzt. Alles eine Frage des persönlichen Geschmacks. Aber TW Platten gehören in jeden Plattenschrank - alle !!! - Sonst gibts keinen Durchlass in der Himmelspforte ;-)
Alles andere von ihm finde ich bestenfalls durchwachsen
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Über Geschmack lässt sich nicht streiten, daher fange ich gar nicht erst damit an.
Tom Waits ist einer der wenigen, der geliebt oder gehasst wird. Sie sind einer der wenigen die einige Sachen mögen, andere aber nicht. Die meisten mögen dann eher gar nichts ;-).
An Tom schätze ich, dass er mir immer eine Alternative zu jeder Stimmungslage bietet. Möchte ich Rock hören, höre ich Rock oder Bone Machine. Möchte ich Blues hören, höre ich Blues oder Rain Dogs. Möchte ich Jazz hören, dann höre ich Jazz oder Nighthawks. Er gehört seit 20 jahren zu meiner Musiksammlung - und jetzt weiß ich schon ein Weihnachtsgeschenk für mich. Danke, Tom
Es gibt durchaus auch Platten von Tom Waits, die vor '83 erschienen sind und mehr als hörenswert sind ('Closing Time' mit seinen wundervollen Balladen, 'Small Change' mit dem genialen 'The piano has been drinking (not me), 'Blue Valentine' mit seinen blueslastigen Stücken etc.).
Btw, die Scheibe von '87 heißt: 'Frank's Wild Years'.
anschließen, es lohnt sich sehr, auch die älteren Sachen zu hören, weil man dann noch eine erstaunlichere Bandbreite bei diesem Sänger feststellt.
Da er das Trinken wohl seit einigen Jahren (vernünftigerweise) eingestellt hat, sollten man eigentlich fairerweise nicht mehr so viel darauf herumreiten, er gehört aber neben Ricki Lee Jones zu meiner Lieblingsbegleitung beim gelegentlichen depremiert-melancholischen Alleinetrinken.
anschließen, es lohnt sich sehr, auch die älteren Sachen zu hören, weil man dann noch eine erstaunlichere Bandbreite bei diesem Sänger feststellt.
Da er das Trinken wohl seit einigen Jahren (vernünftigerweise) eingestellt hat, sollten man eigentlich fairerweise nicht mehr so viel darauf herumreiten, er gehört aber neben Ricki Lee Jones zu meiner Lieblingsbegleitung beim gelegentlichen depremiert-melancholischen Alleinetrinken.
anschließen, es lohnt sich sehr, auch die älteren Sachen zu hören, weil man dann noch eine erstaunlichere Bandbreite bei diesem Sänger feststellt.
Da er das Trinken wohl seit einigen Jahren (vernünftigerweise) eingestellt hat, sollten man eigentlich fairerweise nicht mehr so viel darauf herumreiten, er gehört aber neben Ricki Lee Jones zu meiner Lieblingsbegleitung beim gelegentlichen depremiert-melancholischen Alleinetrinken.
Schornalisten die immer noch dem Waits den Trunkenbold anhängen wollen. Lasst doch den Waits vor 1983 einfach mal das sein was er war, egal was es war! Schaut sich doch einer mal die Lieder + plus Text seit Bone Machine von 1992 (also seit fast 20 Jahren) an? Wieviel Trunkenbolde kommen da vor?
Aber zur Platte: das ist die erste TW-Platte bei der sich beim erstmal durchhören kein Widerstand gemeldet hat, ganz ohne Widerhaken, Auf der einen Seite schön auf der anderen Seite vielleicht fast zu glatt.
neben den großen southernrockbands- wie allman brothers, lynard skynard u.a. - deren einfache u. bisweilen reaktionäre textliche aussagen, in krassem gegensatz zur excellenten musik mit vollendet gespielten gitarren stehen, sind es die "grossen vier" der us-singersongwriterszene, die mich über die jahrzehnte begleitet haben: captain beefheart, dr.john, tim buckley u. eben tom waits. diese vier, mit ihrem auf uramerikanischer rootsmusik basierenden sound, haben mich immer mehr begeistert, als dylan u. zappa. welches tom waits-album besser oder schlechter ist, spielt für mich eher eine nebenrolle. schön ist, daß tom waits-im gegensatz zu anderen künstlern seiner zeit-überlebt hat.
Zitat: "Was an Tom Waits nervt: die ewige Whiskey-Stimmverstellerei".
Hey Autor, bedank dich bei seinen Fans. Früher war seine Gesangsstimme ganz real im A****. Aber Waits hat vor ein paar Jahren in einem Interview gesagt, dass seine Stimme schon lange wieder "normal" klingt. Er sagte, dass seine Fans aber die alte, verrauchte, kratzige Whiskey-Stimme erwarten, da es für sie eines seiner Markenzeichen ist.
Bitte achten Sie auf Ihre Wortwahl. Danke, die Redaktion/se
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