Bad As Me. Eine neue Tom-Waits-Platte. Die eins, zwei, drei ... zwanzigste, wobei ich mich zwischen all den Bootlegs und Soundtracks bestimmt verzählt habe. Ich habe 1985 mit Tom Waits angefangen. Zwei Jahre später habe ich schon wieder mit ihm aufgehört. Eine kurze Liebesgeschichte aus den Achtzigern.

Rain Dogs war ja unumgänglich gewesen 1985, die Zeitungen waren voll davon. Ich erinnere mich gut, wie es für mich war, dieses Album ziemlich voraussetzungslos zu hören, Captain Beefheart zum Beispiel nur dem Namen nach zu kennen oder Screaming Jay Hawkins seit Kurzem erst aus Stranger than Paradise, dem ersten Jim-Jarmusch-Film, den ich zu sehen bekam. Diese Rain Dogs waren Geklöppel und Gebrüll, erstmalig dazu Marc Ribots unvirtuose Gitarre, alles anstrengend cool, zum Glück immer nur bis zur nächsten, ergreifenden Ballade.

Wilder, guter Groove – und die Whiskey-Stimme ist fast vergessen

Überhaupt erscheinen mir jetzt plötzlich meine ersten Studienjahre in Münster/Westfalen als Jim-Jarmusch-Zeiten, voller Sehnsucht nach dieser ganz anderen New Yorker Langeweile, als hätte ich Monate davon im Kino verbracht, ganze Tage vor Jim Jarmuschs endlosen schwarzen Szenenpausen. Natürlich tauchte jemand Unvermeidliches in seinem nächsten Film auf: Down by Law. Wer könnte vergessen, wie darin drei Insassen loslegen, und ein ganzes Gefängnis stimmt ein: »I scream, you scream, we all scream for ice cream« – die Insassen: Roberto Benigni, John Lurie und Tom Waits. Es kamen auch zwei seiner Songs vor. In diesem Jahr hörte ich Swordfishtrombones von 83 rauf und runter. Aber als Frank’s Wildest Years erschien, ein Jahr darauf, war Schluss. Ach, Tom Waits nervte. Und er hat nie damit aufgehört. Deshalb, bevor ich ein neues Album dieser kurzen Liebe entdecken will, muss das noch ein Mal raus:

Was an Tom Waits nervt:

– die ewige Whiskey-Stimmverstellerei, die Kritiker schwärmen lässt, das Ergebnis klinge »wie getränkt in einem Fass Bourbon, für ein paar Monate geräuchert und schließlich nach draußen geholt und von einem Auto überfahren« (Durchholz)

– der nighthawk: die ewige Darstellung des Lebens in Bars und Diners und Tankstellen, gerne mit Stripteasetänzerinnen und leichten Mädchen verkaufsfördernd im Hintergrund

– der Gaukler: Jahrmarkt-/Zirkus-/Varieté-Elemente in Musik, Artwork und Performance: das Klischee vom bunten Leben am Rand der Gesellschaft

– linkisch von Beruf: die ewige Hand am Hinterkopf (im Netz fand ich sie schon auf dem Cover von The Heart of Saturday Night, 1973, und ich hab reingehört: Stimme weder geräuchert noch überfahren)

– dass man seine Songs erfolgreich einkölschen kann


Dem sei – aus Gründen – nachgestellt, was ich bei der Arbeit an diesem Text Bewundernswertes an Tom Waits entdeckte. Er schickte Bob Dylan für dessen Radiosendung Theme Time Radio Hour (2006 bis 2009) Kassetten zu. Dylans Sendung zum Thema »Vögel« bereichert er zum Beispiel um einen Vortrag über die ausgestorbene Wandertaube, die einst mehr als 45 Prozent der Vogelpopulation Nordamerikas ausmachte. Waits erzählt, wie im 19. Jahrhundert riesige Schwärme von Wandertauben (»300 Millionen pro Stunde«) den Himmel drei Tage lang verdunkelten. In einer anderen Sendung erklärt er, was man im alten China alles ungestraft betrachten durfte, welche tödlichen Folgen aber der Anblick von Füßen fremder Ehefrauen hatte. Den Beitrag zum Thema »Zahlen« beginnt Waits mit einem Dankeschön für die Weihnachtskarte, die Dylan ihm geschickt hat, und die Marmelade sei übrigens nicht von dieser Welt gewesen. Dann wieder rezitiert er aus einer Sammlung jüdischer Flüche. Dylan reagiert immer nur mit einem knappen »Thanx, Tom«, als wäre mehr nicht zu sagen.