Euro-Krise : Griechenland ist anders

Eine Umschuldung würde keinen Dominoeffekt auf Länder wie Portugal auslösen.

Wenn in diesen Tagen von der Einstellung von Schuldendiensten die Rede ist oder von erzwungener Umschuldung in der Euro-Zone, dann spricht man von Griechenland. Kritiker einer solchen Umschuldung kommen aber außerdem schnell auf den Dominoeffekt zu sprechen. Ein griechischer "Default" würde, so die Behauptung, sofort den Blick auf andere Wackelkandidaten wie Portugal, Irland oder sogar die großen Mitglieder Spanien und Italien lenken. Und die zu retten würde die Mittel des Rettungsschirms weit übersteigen.

Mit anderen Worten: Wenn es der Politik gelänge, um Griechenland eine Art Zaun zu ziehen, wenn die Überschuldung Griechenlands in den Köpfen als Einzelfall angesehen würde und dies auch mit entsprechenden Fakten untermauert wäre – dann könnte man auch den Märkten glaubwürdig vermitteln, dass jetzt eine Umschuldung für Griechenland ansteht und sonst für niemanden. Dies hat die europäische Politik bislang aber versäumt. Sie spielt weiter auf Zeit und deckt tranchenweise die fälligen Tilgungen und Zinszahlungen.

Rolf J. Langhammer

ist Vizechef des Instituts für Weltwirtschaft in Kiel und forscht über Fragen des Welthandels, der Globalisierung und der ökonomischen Entwicklung

Dabei ist Griechenland wirklich ein struktureller Sonderfall, der sich deutlich zum Beispiel von Portugal abhebt – dem Land, das heute regelmäßig als der "nächste Dominostein" beschrieben wird.

Das lässt sich an drei Kriterien festmachen. Erstens an der bisherigen Attraktivität für mobiles Risikokapital, denn Investitionen sind die Grundlage für Wachstum und für eine breite Besteuerungsbasis; zweitens an politisch sensiblen Budgetindikatoren und drittens an den Indikatoren für Schuldentragfähigkeit, getrennt nach öffentlichen Schulden und externen Schulden.

Was den ersten Indikator anlangt, so war Griechenland in der vergangenen Dekade unter 15 Altmitgliedern der EU das unattraktivste Land für ausländische Direktinvestitionen, gemessen am Bruttoinlandsprodukt (BIP). Es hatte zudem den niedrigsten Außenhandelsanteil am BIP, war für ein kleines Land also außerordentlich verschlossen vor den Weltmärkten. Seine Investitionsquote war äußerst niedrig, dabei erwartet man doch von einkommensschwächeren Ländern eigentlich vergleichsweise höhere Investitionsquoten. Portugal hat in allen diesen Kriterien deutlich bessere Werte.
Weder In- noch Ausländer schätzen also Griechenland als Investitionsstandort. Das ist nicht erstaunlich, wenn man die Kosten vor Augen hat, die Griechenland und sein exzessiver bürokratischer Apparat seinen Investoren auferlegt. Nach dem Doing Business Index der Weltbank, der diese Kosten detailliert auflistet, lag Griechenland im Berichtsjahr 2010 auf Platz 109 unter 183 Ländern, mit sinkender Tendenz, Portugal dagegen auf Platz 31 mit steigender Tendenz. Viele arme Entwicklungsländer liegen vor Griechenland. Kein einziges EU-Land kommt auch nur annähernd in die Niederungen Griechenlands, wenn man die Kosten für Geschäftsaufnahme und -durchführung betrachtet.

Was das zweite Kriterium betrifft, so leidet Griechenland auf einmalig hohem Niveau unter einer Altlast früherer Verschuldung. Im Jahr 2012 sollen nach IWF-Projektionen die öffentlichen Schulden mehr als das Vierfache der Staatseinnahmen betragen, in Portugal nur etwas mehr als das Zweieinhalbfache. Daher verwundert es nicht, dass nach den Projektionen Griechenland im kommenden Jahr 8 Prozent seines BIP für Zinszahlungen aufbringen muss, Portugal jedoch lediglich 4,8 Prozent.

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Kommentare

49 Kommentare Seite 1 von 7 Kommentieren

Provokativ und für den Augenblick....

....vielleicht überzogen, wie der Vergleich zunächst scheint, trifft er im Kern genau das Problem. Man kann sich auf Recht und Gesetz hier nicht (mehr?) verlassen. Dies ist in vielen Tätigkeitsbereichen der Politik und Justiz momentan zu beobachten. Ob das die Atomkraft, die Sonderzahlungen an Abgeordnete für Fraktionsarbeiten oder der Verbot der Übernahme der Schulden anderer Euroländer ist. Der Bürger ist nicht geschützt und das war das Grundproblem in den 1930ern.

Der "Markt" ist der demokratischste Ort auf der Erde!

Dort werden anonym Tag für Tag im Millisekundentakt Informationen eingespeist und mittels Angebot und Nachfrage abgestimmt.

Unsere "demokratischen" Regierungen werden mehr oder weniger nach "Farbe" oder Richtung gewählt, und das nur alle 4-5 Jahre und währenddessen haben sie einen Freifahrtschein zu machen was sie wollen..

Ich lasse mich lieber vom "Markt" regieren, als von Fähnchen-im-Wind-Berufspolitikern!

Die Märchensender: Der freie Markt

Der freie Markt ist ein amerikanisches Märchen, das noch niemals funktioniert hat. Genauso wie noch niemals der amerikanische Traum jemals funktioniert hat.

Selbst Prof. Gehrke und andere Wissenschaftler aus der Bank- und Finanzwelt haben heute bei Phoenix

http://www.phoenix.de/con...

gesagt:

Der Markt, dass sich der Markt selbst reguliere -

ist ein amerikanisches Märchen, das zu keiner Zeit jemals funktioniert hat.

Und nun würden wir in Deutschland und Europa diese Fehlentwicklung der USA nach Deutschland holen.

Die Illusion des Marktes, die Ideologie von funktionierenden freien Märkten wird seit Jahren und Jahrzehnten fast pausenlos widerlegt.

Dennoch gibt es im Kapitalismus ein paar Gläubige, wie in jeder Religion, daher auch "Der Kapitalismus als Religion".

Der Islamist mag von 70 Jungfrauen träumen.
Der neoliberale Kapitalist glaubt an selbstregelnde Märkte.

Und manchen glauben, dass Zitronenfalter Zitronen falten.

Doppeltes Märchen I

- Der freie Markt regelt alles von alleine
- Die Märkte sind "frei", wenn man sie privaten Konzernen überlässt (privat und staatlich lassen sich sauber trennen)

Strategische Ressourcen und Schlüsselindustrien (mit staatlicher Gewinngarantie in enger Symbiose mit Politik, Pentagon und Geheimdiensten) wie z.B.: Finanz-, Rüstungs-, Rohstoff-, Pharmaindustrie, Telekommunikation und Medien werden nicht auf "Freien Märkten" gehandelt. Strategische Ressourcen sind Gegenstand der Geopolitik, hier sind militärische Gewalt, List und politische Erpressung die ultima ratio. Die Forderung nach "Freien Märkten" ertönt frühestens dann, wenn die eigenen Unternehmen eine erdrückende Marktmacht erlangt haben. Sollte der „Freie Markt“ zufällig ungünstige Ergebnisse für Goldman Sachs, JP Morgan, Bank of America, Citi Bank & Co liefern, werden sie auf dem kurzen Dienstweg schnell korrigiert und es stehen selbstverständlich „Rettungspakete“ in astronomischer Höhe zur Verfügung. Auch für die Freien Märkte gilt: "Wasser predigen und Wein trinken".

Dies gilt auch für die Finanzindustrie, die von angelsächsischen Kartellen und Oligopolen dominiert wird, Dirk Müller spricht von der "Finanz- und Machthydra". Diese konnte sich unter dem Etikett Deregulierung von kaufmännischen Regeln, sinnvollen Gesetzen und allen Grundsätzen der ordnungsgemäßen Bilanzierung frei machen, bis hin zu der Berechtigung Geschäftspartner nach Strich und Faden zu betrügen, ohne irgendwelche Konsequenzen befürchten zu müssen.

Doppeltes Märchen II

Die Tatsache, dass amerikanische Banken mit Wissen und Unterstützung der Fed, der Rating-Agenturen, Goldman Sachs u.a. (alle bestens miteinander vernetzt) wertlose Schrotthypotheken für zig Mia $ nach Deutschland verkaufen konnten, ohne dass Politiker, Experten oder Journalisten die Frage nach Schadenersatz stellen, zeigt deutlich wie korrupt diese angeblich freien Märkte, die freie Presse und die freie Wissenschaft in Wirklichkeit sind. Ein besonderes Merkmal der Finanz- und Machthydra ist ihr enormer Einfluss auf Politk, Medien und Wirtschaftswissenschaften, der gebündelt und besonders effektiv in der Bertelsmann-Stiftung zum Tragen kommt.

Die Schäden durch Deregulierung, Öffnung des Finanzplatzes Deutschland und die Entflechtung der "Deutschland AG" lassen sich kaum ermessen. Das lang angestrebte Ziel der Integration der Deutschlands in das angelsächsische Finanzsystem ist gut voran gekommen. Dies wiegt umso schwerer, da es für diese Öffnung keinen vernünftigen Grund gab: Deutschland ist eine klassische Kapitalexport-Nation, das Anwerben von Heuschrecken-Kapital verdrängt deutsche Anleger, die dann in internationale Finanzprodukte mit minimaler oder negativer Rendite investieren: Deutschlands Stellung als Lieferant für stupid money sichern und ausbauen: dafür haben Schröder, Fischer, Eichel, Steinbrück, Asmussen, Riester und Rürup bestens gesorgt: das Verscherbeln deutscher Infrastruktur an Finanzheuschrecken und die Erleichterung des deutschen Sparers sind Staatsräson.

Domino

Vor Monaten wurde eine Umschuldung Griechenlands ausgeschlossen. Hierzu wurden alle möglichen Daten und Fakten herangezogen. Schließlich stellte sich heraus, dass die Berechnungsgrundlagen falsch waren.

Auch jetzt wird wieder so mit Zahlen jongliert, demzufolge ein Dominoeffect auszuschließen ist.

Sicher ist dass, bei einem Schuldenschnitt auch alle anderen Wackelkandidaten abstürzen. Dann werden sich die Nord- und Südstaaten mit jeweils unterschiedlichen Währungen etablieren, die harte Nordwährung und die "weichen" Südwährungen, als ob man das nicht schon längst auf dem Schirm hätte.