Urban FarmingBauern hinter Mauern

Inmitten von Städten entstehen Gemüsegärten und Obstplantagen. Können urbane Farmen gar die Menschheit ernähren? von Christian Thiele

Zwei Männer ernten Gemüse auf einem Grundstück in der Innenstadt von Chicago, Illinois.

Zwei Männer ernten Gemüse auf einem Grundstück in der Innenstadt von Chicago, Illinois.   |  © Scott Olson/Getty Images

Wer die Kohlköpfe, Mangos und Guaven von Preeti Patil sehen will, muss seinen Pass an einer Sicherheitsschranke vorzeigen, seine Tasche auf Bomben durchsuchen lassen und Maschinengewehrläufe der indischen Militärpolizei passieren. Nur wenige Obst- und Gemüsepflanzen werden so gut bewacht wie Frau Patils Kohlköpfe, Mangos und Guaven, ihr Mangobaum, ihre Basilikumbüschel und der kleine Bananenbaum in dem rostigen Ölfass.

Es handelt sich dabei weder um hochgefährliches Al-Qaida-Gemüse noch um genmanipuliertes Superobst. Es ist nur so, dass die Behörden neue Attacken verhindern wollen, seit 2008 Terroristen vom Hafen her in die größte Stadt Indiens eindrangen und sie in Angst und Schrecken versetzten. Deshalb ist Mumbais Hafen hinter Sicherheitsschranken verschanzt; deshalb hat Preeti Patil, »Catering Officer« in der Hafenbehörde, einen Hochsicherheitszugang zu ihrem Gemüsebeet. Es liegt mitten in diesem Hafen.

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Berühmte Stadtgärten: Bei den Azteken

Chinampas heißen die schwimmenden Beete der Azteken: Von etwa 1.150 an bauten und bepflanzten sie riesige Schilfflöße. Das Ackerland war knapp, der Transport war schwierig, also boten die Flöße Anbaufläche in stadtnahen Seen, Flüssen, Kanälen. Man zog Amaranth, Avocados, Bohnen, Chili, Mais, Süßkartoffeln und Tomaten. Die Aztekenhauptstadt Tenochtitlán, schätzen Forscher, baute so zwei Drittel ihres Nahrungsmittelbedarfes an.

Victory Gardens

Hinterhöfe an die Front: Das war die Devise hinter den US-amerikanischen Victory Gardens im Zweiten Weltkrieg. Die Verpflegung der Truppen im Kampf gegen Nazideutschland sollte billiger werden. Gouverneure verordneten den Anbau von Karotten, Kartoffeln und Spinat, und sogar die First Lady Eleanor Roosevelt legte hinter dem Weißen Haus ein Gemüsebeet an. Am Ende des Krieges ernährte sich die US-Bevölkerung zu 40 Prozent aus den eigenen Garten-, Terrassen-, Balkonbeeten.

Kuba

Als 1990 die Sowjetunion dahinwelkte, brachte das auch die kubanische Landwirtschaft ins Schlingern: keine billigen russischen Nahrungsimporte mehr, kein Abnehmer mehr für Zuckerrohr. Also fördert die Regierung Huertos Urbanos: In Havanna und anderen Städten werden Bananen, Sonnenblumen und Tomaten angebaut, auf Dachgärten, in Gemeinschaftsbeeten, auf den Arealen staatlicher Unternehmen. Wer eigenes Gemüse zieht, muss zehn Prozent des Ertrages an Krankenhäuser, Schulen oder Altersheime abliefern.

Detroit

Radieschen gegen die Rezession: In Detroit und vielen anderen US-amerikanischen Großstädten blüht nach der Wirtschaftskrise 2009 die innerstädtische Landwirtschaft auf. In der »Motor City« gibt es heute rund 1.000 Gemüse-, Kräuter- und Obstgärten, auf Dachterrassen, Industriebrachen, öffentlichen Plätzen; viele davon sind als Sozialprojekte organisiert.

Seit Tagen schüttet es besonders heftig auf Mumbai herab. Der Regenmantel, den sich Patil hinter ihrem Schreibtisch an die Wand gehängt hat, wird gar nicht mehr trocken. Die Küche neben dem Büro wird gerade gewischt, in einer Stunde kommt die Spätschicht. So lange kann Preeti Patil noch einmal auf die Dachterrasse blicken: die Sprossen inspizieren, nach dem Kompost schauen, der vergammelnden Maispflanze ein paar tröstende Worte zusprechen – »der Regen war einfach zu viel für dich«. Was man eben so macht als urbane Gärtnerin. Der Regen hängt in diagonalen Streifen in der Luft. Dahinter sind schemenhaft rostrote Kranarme zu erkennen, ein Containerschiff trötet seine Ankunft in die Wolken.

In Preetils Kantine werden jeden Tag 1.500 Mahlzeiten für die Hafenarbeiter gekocht, für die Früh-, die Tag- und die Spätschicht. Das macht eine Menge Abfall. »Ich konnte das irgendwann nicht mehr ansehen, wie diese ganzen Wertstoffe einfach weggeschmissen werden. Deshalb kompostieren wir die Sachen jetzt und machen neues Leben draus«, sagt Preeti Patil. Auf den Nahrungsresten wachsen nun Früchte, Kräuter, Gemüse, angebaut im Hafen der drittgrößten Stadt der Welt.

Preeti Patil mag es hauptsächlich um ihre hungrigen Hafenarbeiter und deren Abfälle gehen. Doch eigentlich geht es um mehr. Eine ganze Riege von Zukunftsforschern und Landwirtschaftsexperten aus aller Welt, bis hin zur Welternährungsorganisation FAO in Rom oder zum Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen (UNDP) in New York, glaubt in diesen Tagen: Mitten in der Stadt Gemüse anbauen – das ist der Schlüssel zur Welternährung.

Mit der Welternährung ist es so eine Sache. Demografen haben ausgerechnet, wie viele Menschen 2050 auf der Erde leben werden: voraussichtlich mehr als neun Milliarden, drei Milliarden mehr als heute. Würde man die Landwirtschaft auch dann noch so betreiben, wie das heute üblich ist, brauchte man nach anderen Schätzungen Extrafelder von der Gesamtgröße Brasiliens, um alle Erdenbürger zu ernähren. Mögliche Trockenheiten und Überschwemmungen durch den Klimawandel können die Nahrungsknappheit noch verschlimmern.

Neue Agrarmethoden! Künstliche Bewässerung! Gentechnik! Verzicht auf Fleisch! Das sind gängige Empfehlungen gegen dieses Problem. Es ist aber außerdem so, dass im Jahr 2050 stolze 80 Prozent dieser angeschwollenen Weltbevölkerung in Städten leben sollen. Vor allem in den Entwicklungs- und Schwellenländern, ob im Hinterland Chinas oder an den Küsten Afrikas, erwartet man Riesenstädte, wie es sie noch nie gab. Zu der Frage, wie man Nahrungsmittel für all die Menschen produzieren soll, kommt also noch eine hinzu: Wie verteilt man Lebensmittel in diesen Städten, und zwar so, dass auch ärmere Bevölkerungsgruppen etwas davon abkriegen? Wie stellt man sicher, dass bei ihnen frische Lebensmittel voller Vitamine ankommen, bevor sie faulen oder welken?

Leserkommentare
    • Varech
    • 23. Oktober 2011 8:38 Uhr

    ... sind nicht unbedingt "bio", und Bienen werden nicht zuhause begattet.

    Doch, seis drum. Sicherlich hat die Ernährungs-Selbstverantwortung Zukunft. Vielleicht erinnert sich mancheiner noch daran: Die ruhmreiche Sowjetunion hatte auch mal ernste Probleme mit der Nahrungsproduktion. Da hat man der Bevölkerung wieder private Feldchen erlaubt, und dort wurde dann der grössere Teil der Nahrung erzeugt.

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