Zwei Männer ernten Gemüse auf einem Grundstück in der Innenstadt von Chicago, Illinois. © Scott Olson/Getty Images

Wer die Kohlköpfe, Mangos und Guaven von Preeti Patil sehen will, muss seinen Pass an einer Sicherheitsschranke vorzeigen, seine Tasche auf Bomben durchsuchen lassen und Maschinengewehrläufe der indischen Militärpolizei passieren. Nur wenige Obst- und Gemüsepflanzen werden so gut bewacht wie Frau Patils Kohlköpfe, Mangos und Guaven, ihr Mangobaum, ihre Basilikumbüschel und der kleine Bananenbaum in dem rostigen Ölfass.

Es handelt sich dabei weder um hochgefährliches Al-Qaida-Gemüse noch um genmanipuliertes Superobst. Es ist nur so, dass die Behörden neue Attacken verhindern wollen, seit 2008 Terroristen vom Hafen her in die größte Stadt Indiens eindrangen und sie in Angst und Schrecken versetzten. Deshalb ist Mumbais Hafen hinter Sicherheitsschranken verschanzt; deshalb hat Preeti Patil, »Catering Officer« in der Hafenbehörde, einen Hochsicherheitszugang zu ihrem Gemüsebeet. Es liegt mitten in diesem Hafen.

Seit Tagen schüttet es besonders heftig auf Mumbai herab. Der Regenmantel, den sich Patil hinter ihrem Schreibtisch an die Wand gehängt hat, wird gar nicht mehr trocken. Die Küche neben dem Büro wird gerade gewischt, in einer Stunde kommt die Spätschicht. So lange kann Preeti Patil noch einmal auf die Dachterrasse blicken: die Sprossen inspizieren, nach dem Kompost schauen, der vergammelnden Maispflanze ein paar tröstende Worte zusprechen – »der Regen war einfach zu viel für dich«. Was man eben so macht als urbane Gärtnerin. Der Regen hängt in diagonalen Streifen in der Luft. Dahinter sind schemenhaft rostrote Kranarme zu erkennen, ein Containerschiff trötet seine Ankunft in die Wolken.

In Preetils Kantine werden jeden Tag 1.500 Mahlzeiten für die Hafenarbeiter gekocht, für die Früh-, die Tag- und die Spätschicht. Das macht eine Menge Abfall. »Ich konnte das irgendwann nicht mehr ansehen, wie diese ganzen Wertstoffe einfach weggeschmissen werden. Deshalb kompostieren wir die Sachen jetzt und machen neues Leben draus«, sagt Preeti Patil. Auf den Nahrungsresten wachsen nun Früchte, Kräuter, Gemüse, angebaut im Hafen der drittgrößten Stadt der Welt.

Preeti Patil mag es hauptsächlich um ihre hungrigen Hafenarbeiter und deren Abfälle gehen. Doch eigentlich geht es um mehr. Eine ganze Riege von Zukunftsforschern und Landwirtschaftsexperten aus aller Welt, bis hin zur Welternährungsorganisation FAO in Rom oder zum Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen (UNDP) in New York, glaubt in diesen Tagen: Mitten in der Stadt Gemüse anbauen – das ist der Schlüssel zur Welternährung.

Mit der Welternährung ist es so eine Sache. Demografen haben ausgerechnet, wie viele Menschen 2050 auf der Erde leben werden: voraussichtlich mehr als neun Milliarden, drei Milliarden mehr als heute. Würde man die Landwirtschaft auch dann noch so betreiben, wie das heute üblich ist, brauchte man nach anderen Schätzungen Extrafelder von der Gesamtgröße Brasiliens, um alle Erdenbürger zu ernähren. Mögliche Trockenheiten und Überschwemmungen durch den Klimawandel können die Nahrungsknappheit noch verschlimmern.

Neue Agrarmethoden! Künstliche Bewässerung! Gentechnik! Verzicht auf Fleisch! Das sind gängige Empfehlungen gegen dieses Problem. Es ist aber außerdem so, dass im Jahr 2050 stolze 80 Prozent dieser angeschwollenen Weltbevölkerung in Städten leben sollen. Vor allem in den Entwicklungs- und Schwellenländern, ob im Hinterland Chinas oder an den Küsten Afrikas, erwartet man Riesenstädte, wie es sie noch nie gab. Zu der Frage, wie man Nahrungsmittel für all die Menschen produzieren soll, kommt also noch eine hinzu: Wie verteilt man Lebensmittel in diesen Städten, und zwar so, dass auch ärmere Bevölkerungsgruppen etwas davon abkriegen? Wie stellt man sicher, dass bei ihnen frische Lebensmittel voller Vitamine ankommen, bevor sie faulen oder welken?

Urban Farming ist zu einer globalen Bewegung geworden

Von »food-deserts, in denen kaum frische Produkte verfügbar sind«, spricht Achim Werner vom Leibniz-Zentrum für Agrarlandschaftsforschung in Müncheberg. Und überhaupt: Laut den Statistiken der FAO sind Nahrungsmittel heute fast doppelt so teuer wie vor fünf Jahren. Die Armen sind davon besonders betroffen, denn sie geben bis zu 70, 80 Prozent ihres Haushaltseinkommens für Ernährung aus – der Durchschnittsdeutsche nur 11 Prozent.

Eine ganz andere Sache wäre es, wenn eine maßgebliche Menge an frischem Obst und Gemüse gleich am Verbrauchsort hergestellt würde – eben in den Städten, so wie bei Preeti Patil in Mumbai.

Und tatsächlich hat Urban Farming, der Landbau mitten in der Stadt , in den vergangenen Jahren einen Boom erlebt: 800 Millionen Städter, hieß es kürzlich in einer Studie, betrieben bereits Mikrofarmen auf Dächern, Balkonen, Verkehrsinseln, Brachflächen und sogar innerhalb ihrer vier Wände. Zumeist werde die eigene Familie mit den Erzeugnissen versorgt, aber immer mehr Produkte gingen auch in die Vermarktung. Die FAO arbeitet bereits an Handreichungen und einem Richtlinienkatalog für Stadtbauern in spe.

Doch das Merkwürdige an der Geschichte ist: Am eifrigsten scheinen sich Leute dafür zu begeistern, bei denen überhaupt keine Nahrungsnot herrscht. Die Londoner Börse etwa hat gerade 100.000 Bienen und für ihre Mitarbeiter Imkeranzüge gekauft: Sie sollen auf dem Dach über dem Handelsparkett Honig erzeugen und nach dem Willen des Börsenchefs und Hobbyimkers Xavier Roulet dem europaweiten Bienensterben etwas entgegensetzen. In New York gibt es teure Restaurants, die damit werben, dass ihre Salate oben auf dem Dach des Gebäudes angebaut werden. In Portland im US-Bundesstaat Oregon wird gerade der Flächennutzungsplan geändert, damit urbane Farmer in der Stadt Pflanzen anbauen und verkaufen können. Auf Schulhöfen und in Krankenhausgärten im Gaza-Streifen werden Minze, grüner Pfeffer und Olivenbäume angebaut, im postrevolutionären Kairo hat man ebenfalls das Dachgarteln entdeckt. Im Herzen der Motor City Detroit , geplagt von der Auto- und der Immobilienkrise, planen ein ehemaliger Börsenmakler und ein Ex-Militärpolizist die größte urbane Farm der Welt: 30 Millionen Dollar, 800 Hektar – so groß wie der Tegernsee.

In der südkoreanischen Stadt Suwon bauen Forscher in einem Modellprojekt auf drei Etagen eines Hochhauses Salat an – unter künstlichem LED-Licht und mit Regenwasser. In Kalifornien werden ehemalige Marine- und Heeressoldaten zu urbanen Farmern umgeschult, um sie wieder in die Arbeitsgesellschaft zu integrieren. In Dessau, wo sich die Bevölkerungszahl bis 2019 im Vergleich zu 1989 halbiert haben dürfte, hat man die frei werdenden Stadtflächen in 400-Quadratmeter-Claims aufgeteilt – und Apothekergärten und Imkerfelder angelegt. In der Hauptstadt Berlin laufen Dutzende Pilotprojekte.

»Zum ersten Mal kann eine komplette Stadt zum Ökosystem werden«

Das Urban Farming ist zu einer globalen Bewegung geworden, in der hippe Stadtfarmer über das Internet Pflanztipps und Düngerrezepte austauschen. Im Internetradio Basilikum Magazin erfahren sie, wie man in Oakland am besten eine Erlaubnis zur Vorgartennutzung bekommt. Auf der Website rootsimple.com streiten sie darüber, ob man in verrottenden Plastiktüten Tomaten ziehen darf. Auf urbanfarming.org erfährt man, ob Zwiebeln und Knoblauch nicht auch im Mai statt im Herbst gepflanzt werden können. In den reicheren Ländern, sagt der Experte Werner, »geht es gar nicht darum, die Produktionsmengen durch urbane Landwirtschaft zu erhöhen oder die Versorgung zu sichern. Da stecken andere Motive dahinter, zum Beispiel ein sozialer Aspekt: Manche Menschen möchten Lebensmittel nicht mehr anonym konsumieren, sondern selber produzieren.«

»Zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit«, schreibt der Mikrobiologe Dickson Despommier von der Columbia School in New York, »kann eine komplette Stadt zum Äquivalent eines natürlichen Ökosystems werden.« Despommier ist zu einer Art Guru der weltweiten Urban-Farming-Bewegung aufgestiegen, und er belohnt seine Fans mit markigen Sprüchen und optimistischen Vorhersagen. Stadtfarmen, das bedeute weniger Treibstoffverbrauch, weniger CO₂-Ausstoß, weniger Transportkosten, weniger Lärm, weniger Staus. Und wenn, führt Despommier weiter aus, die Städte auch noch ihre Abwässer und Abfälle konsequent in die Farmen einspeisten und sie dort wieder in neues Gemüse verwandelten, verringere das zudem die Müllmenge, den Energiebedarf und die Wasserkosten. Zusammen mit Architekten und Designern hat er seit Beginn des Jahrtausends eine Menge futuristischer Modellbauten entwickelt, die die Bewegung inspirieren: neuartige Hochhäuser, »Foodscrapers«, als bewohnbare Gewächshäuser, in denen und an denen überall Nutzpflanzen wachsen. Grüne Lungen, Müllschlucker und Nahrungsspender zugleich.

Der eigentliche Nutzen soll aber nicht in den reichen Städten des Nordens entstehen, sondern in den schwellenden Städten des Südens. Und manchmal sieht es so aus, als könnte die Sache klappen: Unterstützt von der Welternährungsorganisation FAO und Mikrokreditgebern, haben die Stadtbauern von Kinshasa in der Demokratischen Republik Kongo beispielsweise ihre Obst- und Gemüseerträge in den letzten fünf Jahren fast verdreifacht.

"Wir müssen noch viel Überzeugungsarbeit leisten"

Doch meist geht es nur langsam voran. Kaum jemand weiß das besser als Preeti Patil, verantwortlich für die Hafenkantine in Mumbai. Sie ist es gewohnt, dass Entwicklungen in kleinen Schritten vonstattengehen. Sie ist froh, dass die Küchenabfälle in ihrem Kantinenbetrieb nicht mehr als Müll weggefahren werden wie früher, sondern dass sie daraus Kompost machen kann, dann Pflanzen, dann Obst, Gemüse und Heilkräuter. »Wir sind eine Modellfarm, wir müssen noch viel Überzeugungsarbeit leisten«, sagt sie. Dass in einem alten Ölfass eine Bananenstaude Platz hat und dafür kein 500-Quadratmeter-Garten nötig ist, ist ein Trick, den sie kürzlich gelernt hat. Dass man wegen ein paar Dachtomaten noch lange keine Angst vor Ratten und Ungeziefer haben muss, das muss sie Stadtverwaltung und Hausbesitzern immer wieder aufs Neue erklären.

Überzeugen muss sie auch in der eigenen Familie: Wenn sie abends nach Hause kommt in den dritten Stock ihrer Mietskaserne, im Korb ein paar selbst gezogene Bohnen und ein Kürbis, ringt sich Sunil, ihr Mann, ein höfliches »gut gemacht« ab. Tochter und Sohn rollen mit den Augen. »Teenager eben«, seufzt Preeti, »die wollen lieber zu McDonald’s, als biologisch angebautes Gemüse aus meinem Dachgarten zu essen.«

Mumbai ist ein Ort, an dem die Landwirtschaft der Zukunft zwangsläufig entstehen muss – wenn man den Vordenkern des Urban Farming glaubt. Mumbai ist eine der größten und eine der am dichtesten besiedelten Städte der Welt. Im Großraum Mumbai wohnen rund 22 Millionen Menschen, so viele wie in Nordrhein-Westfalen und Hessen zusammen – auf etwas mehr als der Fläche des Landkreises Uckermark. Wie in den Metropolen anderer Schwellenländer auch wächst die Bevölkerungszahl rasant – um durchschnittlich 500.000 Einwohner pro Jahr. Es sind vor allem Städte wie Mumbai, die Megacitys in den Schwellenländern, die dafür verantwortlich sind, dass die Weltbevölkerung schon heute mehrheitlich in den Städten wohnt und nicht mehr auf dem Land.

Mit der wachsenden Verstädterung wird auch die Zahl der urbanen Armen immer größer. Und die Armen, die kein eigenes Land und kein stabiles Einkommen haben, sind die Ersten, die hungern. Was das wiederum politisch bedeutet, haben die Demonstrationen 2008 in Mexiko und Indonesien und schließlich Anfang dieses Jahres in Tunesien, Ägypten und Jordanien gezeigt. Der Anlass war stets der gleiche: explodierende Preise für Lebensmittel.

Jeder Kilometer, den eine Aubergine vom Erzeuger bis in den Magen ihres Verbrauchers zurückzulegen hat, macht sie teurer und verschlechtert ihre CO₂-Bilanz, sagen die Verfechter des Urban Farming; jede Food Mile mache es auch unwahrscheinlicher, dass die Nahrung noch frisch sei oder überhaupt bei ärmeren Leuten ankomme.

Der Regen peitscht, tost, wütet immer noch über Mumbai. Die Taxis rollen im Tempo der Fußgänger, die Fahrer haben Angst um den Motor. Es geht vorbei an Dharavi, einem der größten Slums der Welt. Hier leben rund eine Million Menschen, eingeklemmt zwischen zwei S-Bahn-Linien, hier wurde Slumdog Millionaire gedreht. Ein kleiner Junge will blaue, grüne und rote Plastikverschlüsse auseinandersortieren, aber der Regen reißt ihm seine Recyclingschätze schier aus der Hand. Männer wuchten ausgeschlachtete Kühlschränke aufeinander. Ein paar Meter weiter werden krumme, halb zerborstene, verklebte und vernagelte Bretter sortiert – das müsste man wohl eine Holzhandlung nennen.

Ein paar Schritte weiter nördlich liegt der Mahim Nature Park. Früher, als die Stadt noch Bombay hieß, hat sie hier ihren Müll abgeladen. Jetzt sei der Park – er ist halb so groß wie der Berliner Zoo – die »grüne Lunge Mumbais«, sagt Ravi Verkat. Er hat sein Hemd weit offen, die Hose über den Sandalen hochgekrempelt, Schuhe sind bei diesem Wetter nutzlos; sie laufen voll Wasser und Schlamm. Verkat stapft herum, springt über eine Pfütze, watet durch einen See – auf der Suche nach Bienen. Heute ist Bienenschulung. Zwei Frauen von Under the Mango Tree, einer Organisation aus Mumbai, wollen angehenden Farmern wie ihm das Imkerhandwerk beibringen. »Aber ich habe noch keine Biene gesehen, die machen heute wohl Haushaltsarbeiten oder begatten die Königin. Schlaue Insekten eben«, sagt Ravi Verkat und hüpft über die nächste Wasserlache.

Und manchmal scheitern die Projekte

»Die Slumbewohner haben andere Sorgen als einen Gemüsegarten«

Verkat, 43, war bis vor einigen Jahren Teil des indischen Softwarewunders, er hat für den Computerkonzern IBM Büroverwaltungsprojekte aus der Ferne gemanagt. Irgendwann hatte er das Anzug-und-Krawatte-Leben und all die PowerPoint-Präsentationen satt und ist Stadtbauer geworden. Er macht auf seiner eigenen Farm im Norden von Mumbai aus Kuhdung Kompost, zieht dort biologisch angebaute Karotten, Kohl und Spinat, kauft anderen Bauern ihre Ware ab und verkauft sie im Stadtzentrum. Er versucht den Bauern den Verzicht auf künstliche Dünge- und Pflanzenschutzmittel schmackhaft zu machen, verschafft ihnen dafür mal eine Güllepumpe, mal etwas Saatgut. »Wir sind die Großstadt mit den wenigsten Grünflächen weltweit, wir müssen jeden Quadratmeter nutzen«, sagt Verkat.

Sind es romantische Latzhosen-Fantasten, die sich hier treffen? Nein, danach sieht es nicht aus, wenn man näher hinschaut. Was da im Hafen von Mumbai entsteht oder auch hier im Park, orientiert sich eher an den Nasa-Plänen für die Astronautenernährung auf dem Mars. Bananenstauden wachsen in ausgedienten Ölfässern, Basilikum wird in Plastikbechern gezogen, aus einem gelben Farbtopf sprießt eine Insulinpflanze. »A leaf a day keeps diabetes away«, sagen sie hier über das Schattengewächs mit den fleischigen Blättern. Sie ist eigentlich eine jahrhundertealte ayurvedische Heilpflanze – und wird in den Resten der Konsumgesellschaft des 21. Jahrhunderts gezogen.

Und doch ist noch alles weit entfernt von den Visionen, die sie im Westen entwickeln: den 30-stöckigen Gewächswolkenkratzern eines Dickson Despommier, seinen Science-Fiction-Solar- und Wasserspeichern, den von ihm erdachten hochsterilen Nährstofflösungen, die das Ausbreiten von Keimen verhindern und eine wesentlich dichtere Pflanzenproduktion als heute üblich erlauben sollen, und so weiter.

Marshal Deshmukh, ein Mediziningenieur hier beim Mumbaier Landwirtetreff, hält sowieso nicht viel von Hightech-Projekten. Er sei, sagt er, ein Vertreter von »kleiner, weniger, einfacher«. Preeti Patil nimmt ihn sanft zur Seite. Energiewende hin oder her – es wäre gut, wenn er endlich mal den Beamer zum Laufen brächte. Die neuen Urban-Leaves-T-Shirts müssen auch noch ausgepackt werden. Schließlich ist morgen Weltküchengartentag.

Und manchmal scheitern die Projekte. Nebenan im Dharavi-Slum haben die Urban-Leaves-Aktivisten es vor Kurzem mit einem Stadtfarmprojekt probiert. Es klang alles sehr gut. Die Kinder könnten sich besser ernähren; die Familien könnten sich mit dem Geld, das sie für Lebensmittel einsparen oder gar aus dem Verkauf einnehmen, eine bessere medizinische Versorgung leisten; die Abfälle würden recycelt, das Nutzwasser würde wiederverwertet und gesäubert; das Klima würde besser und die CO₂-Bilanz auch. Hätte, würde, wäre.

»Eigentlich weiß niemand besser als die Bewohner der Slums, wie man mit knappen Ressourcen haushaltet. Aber die Menschen dort haben derzeit andere Sorgen als einen eigenen Gemüsegarten – die müssen schauen, woher sie Wasser, Strom und ein paar Rupien bekommen«, sagt Aditi Joshi. Spätestens wenn die Krabbenpulsaison beginnt, hat in Dharavi keiner mehr Zeit fürs Unkrautjäten. Deshalb ist das Slumprojekt erst mal auf Eis gelegt.

Die Urban-Leaves-Aktivisten haben nun, mit Regenschirmen in der Hand, ihre Beete abgeerntet und Knoblauch, Basilikum, Karotten und Auberginen mitgebracht, jetzt feiern sie eine Art Erntedanktag. Die T-Shirts sind verteilt, der Beamer funktioniert. Man kocht gemeinsam, tauscht Rezepte aus, ist sich einig im Kampf gegen Plastik und für Edelstahl.

Für die meisten war die Regenzeit in diesem Jahr einfach zu lang, ihre Ernte ist schlicht abgesoffen. Verkat, der ehemalige IBM-Manager, hatte Glück mit seiner Farm am Stadtrand. Er zieht sein Smartphone aus der Tasche, ruft ein paar Dateien auf und grinst zufrieden. »Ich habe zwar mein ganzes Erspartes in Tomaten und Karotten gesteckt, aber die Investition beginnt sich zu lohnen. Ich stehe kurz vor dem Break-even.«