Keine Fragen! Das war die Anweisung, die Ilio und sein Kollege erhielten. Ilio war gerade 17 geworden, hatte erst wenige Tage zuvor seine Arbeit im Grandhotel Dolder begonnen, zum ersten Mal trug er die schicke Livree und die Kappe auf dem Kopf. Die beiden fuhren mit einer Kiste Coca-Cola und Eiswürfeln runter in die Stadt. Ein Gast des Hotels, hieß es, wolle von zwei Kellnern im Roxy Cinema bedient werden. Im Eingangsbereich des Zürcher Kinos war es menschenleer. Ilio lief vor in einen gigantisch großen Saal. Noch größer war nur seine Verwunderung, denn im Licht des Films schien niemand zu sein. Doch dann entdeckte er zwei Zuschauer, die in einer der vorderen Reihen saßen. Er klappte das mitgebrachte Beistelltischchen auf, schüttete Cola in ein Glas, setzte es auf das Tischchen, und nachdem ihm sein Kollege ein Zeichen gab, trug er es in die vordere Sitzreihe und stellte es neben einem der beiden Zuschauer ab. Als er sich wieder aufrichtete, nahm er sie wahr: eine Dame von bezaubernder Schönheit. Sie trug ein kanariengelbes Kleid und hatte ihr schwarzes Haar wie zu einem Bienenstock hochgesteckt. Neben ihr saß ein Herr, den sein Kollege von der anderen Seite bediente, ein Mann mit hoher Stirn und buschigen Augenbrauen.

»Weißt du, wen du gerade bedient hast?«, flüsterte ihm der Kollege ins Ohr, nachdem sie im hinteren Teil des Saales zurück waren. Ilio schüttelte den Kopf.

»Farah Diba!«

»Farah Diba?«, fragte Ilio.

»Ja«, sagte der Kollege, »vor uns sitzen der Schah von Persien und seine Gemahlin, Farah Diba.«

»Sie können sich nicht vorstellen«, sagt Ilio Chiocci, »wie ich aus dem Kino kam: mindestens vier Köpfe größer! Mamma mia . Ich, der unerfahrene Piccolo vom Lande, bediente den Schah von Persien.« Das war damals, 1969, Ilios erste Berühmtheit. Inzwischen arbeitet er in Italien und kennt sie alle. Richard Burton genauso wie George Clooney und Robert de Niro und Barbra Streisand und Julio Iglesias und Elton John und Calvin Klein und Kylie Minogue und wie sie alle heißen. Mit Gianni Versace war er befreundet, mit Bruce Springsteen schreibt er sich regelmäßig, auch Helmut Schmidt und die Königin von Norwegen hat er bereits kennengelernt. Es ist nämlich so: Wann immer ein Vertreter des internationalen Jetset oder Prominente aus Politik und Wirtschaft hier in der Villa d’Este absteigen, und irgendwann steigen sie alle hier ab, wird er von Ilio Chiocci betreut. Ilio Chiocci ist Chef-Barkeeper des Hotels, und das seit nunmehr genau 30 Jahren. Ein Mann, dessen Stirn heute so hoch ist wie damals die des Schahs von Persien. Er trägt ein weißes Jackett zur schwarzen Hose und eine Fliege. Er hat den Charme eines Fred Astaire und weiß ungewöhnliche Anekdoten zu erzählen.

Um sie vollends zu verstehen, muss man jedoch erst die Bühne kennen: Die Villa d’Este thront wie ein leuchtender Palast mit apfelsinenfarbenen Stoffmarkisen am Ufer des Comer Sees. Wer sich ihr nähert, kommt zunächst an ein Tor, ein Pförtner, klar. Kaum hat er geöffnet, sieht man links auf dem Rasen ein in Gelb und Rot angelegtes Beet, es zeigt das Wappen des Hauses, dessen Geschichte über 500 Jahre zurückreicht und das seit 1873 als Hotel genutzt wird. Weiter vorn stehen die weißen Fähnchen eines Putting-Grün. Gärtner zwirbeln Blumen, schneiden Sträucher, streichen prüfend über die Rinden jahrhundertealter Bäume. Jetzt noch einmal um den Seitentrakt – und dann dreht man sich mit einer Drehtür ins Glück. In der Empfangshalle: Säulen, Amphoren und eine symmetrische Doppeltreppe zum ersten Stock. Gelbe Blumenbouquets, farblich passend zu den goldenen, mit blau abgesetzten Teppichen, die quer durch die Lobby laufen und die Geräusche verschlingen. Hinter den Fenstern zur Terrasse ruht still der See.

In der Stille zeigt sich auch das Besondere dieses noblen Hauses. Nur manchmal wird sie unterbrochen. Morgens hört man durch das geöffnete Fenster die Vögel Sinfonien zwitschern, dazu ein leises Glucksen des Wassers, das sanft gegen die Ufermauer schwappt, während über dem See noch ein Dunst liegt. Abends hört man auf der Terrasse das verhaltene Knirschen des Kieses unter den Sohlen der Kellner und die Klänge des Pianos, die noch weit über den See hinausgetragen werden. Mittags und nachmittags die Töne der Sommerfrische: mal den Motor einer vorbeiziehenden Jacht, mal das kurze Klacken vom Verschluss einer Tube Sonnencreme, mal Ilio, wie er hinter der weißen Holzbar Drinks mixt.