Bevor Natalia Repolovsky nur noch einen Blick für kleine, praktische Dinge hatte, war sie Chronistin des Größenwahns. In ihrer Heimat Russland hat die Journalistin über Villen geschrieben, die dem Schloss von Versailles nachempfunden waren; in anderen Häusern blickte sie auf Wände, die mit Gold lackiert waren, oder auf gläserne Kloschüsseln mit eingebauten Aquarien. Wäre sie nicht Mitarbeiterin der russischen Ableger von Einrichtungsmagazinen wie Elle Decor gewesen, damit beauftragt, den Luxus der Oberschicht zu bejubeln – sie hätte sich wie Marie Antoinette fühlen können.

Mittlerweile ist die Welt von Natalia Repolovsky, 35, geschrumpft: keine Schlösser mehr, stattdessen Schuhkartons. Nicht mehr Hofberichterstatterin der happy few, sondern Bloggerin, die für eine Mehrheit schreibt: jene Menschen, die in den hochverdichteten Zentren der Großstädte leben, in Berlin, Tokyo oder New York.

Ihr Blog heißt shoebox dwelling, was so viel bedeutet wie »Schuhkarton-Wohnen«. Sie stellt Einrichtungsstücke vor, die platzsparend sind und dennoch nicht wirken wie freudlose Apparaturen. »Auf Komfort kommt es an, aber auch auf Stil und Würde«, sagt sie. Wenn Repolovsky nach Design-Artikeln sucht, in Internetportalen oder auf Präsentationen, macht sie das, als sei sie selbst eine unterversorgte Kundin. Eine Perspektive, die keineswegs gekünstelt ist: Repolovsky wohnt auch in einem sogenannten Schuhkarton. Mit ihrem Mann ist sie vor Kurzem von Moskau nach Brooklyn gezogen, in ein kleines Apartment.

"Jeder ist in der Lage, gutes Design zu erkennen"

Auf ihrem Blog entdeckt man eine Waschmaschine, nicht größer als eine Salatschleuder; ein Bücherbord, so schmal wie ein Kleiderbügel; multifunktionale Holzelemente, aus denen sich, je nach Bedarf, fix ein Tisch, ein Stuhl oder eine kleine Bank bauen lässt. Diese Dinge entspringen den Ideen von Designern, scheinbar Seelenverwandten von Repolovsky. Sie stammen aus allen Ländern der Welt, aus Mexiko, Japan, Lettland, und sie befriedigen ein internationales Bedürfnis nach Reduktion. »Einfache Linien, Effizienz und die Schönheit der Idee, das ist wahrer Luxus«, sagt Repolovski.

Die Reaktion auf ihre Website: Begeisterung. »Ich könnte Stunden damit zubringen, auf das wundervolle Design zu starren«, schreibt eine Blogger-Kollegin. Woher kommt Repolovskys Sinn für Ästhetik? Vielleicht daher, dass sie als junges Mädchen Klavier studiert hat, ein musischer Mensch ist? Sie bestreitet das: »Jeder ist in der Lage, gutes Design zu erkennen. Wir sind doch alle gleich: auf der Suche nach dem richtigen Produkt.« Dabei ist sie unermüdlich: Beinahe täglich stellt sie ein neues Fundstück vor.