Es sollte eine Veranstaltung werden, die Leben verändern würde: Erwartungsvolle Gesichter und festlich gekleidete Menschen haben sich im Festsaal des Hauses des Lehrers in Kiew versammelt, einem ehemaligen Museum zu Ehren des sowjetischen Gründervaters Lenin. An diesem Abend wird jedoch den goldenen Chancen gehuldigt, die der Kapitalismus bietet. Ein Unternehmen namens Aquabionica präsentiert hier sein »bionisches Wasser« – ein wahres Wundermittel, das, so wird verkündet, großartige Verdienstmöglichkeiten allen offeriert, die es unter die Leute bringen. »Corporation Leader« Eduard Maksimjuk erklärt, wie das funktioniert: Auf einer Flipchart skizziert er die fragwürdigen Vertriebswege, das Organigramm sieht aus wie eine Pyramide. Den freischaffenden Wasserhändlern, die in diese Struktur eingebunden sind, soll dieses Schneeballsystem zu Reichtum verhelfen.

Zu den ukrainischen Wassergurus gesellt sich eine selbstbewusste Mittvierzigerin, die, freundlich winkend, die Bühne betritt. Die Dame im schwarzen Kostüm erklärt in österreichisch gefärbtem Deutsch, Aquabionica mitbegründet zu haben: »Wir sind die Aquabionica-Familie!«, ruft sie ins Publikum. »Lassen Sie uns gemeinsam dazu beitragen, dass diese Familie wächst und dass wir die erfolgreichste Familie werden!« Ukrainische Beobachter rätseln, wer die aparte Wienerin, offensichtlich der Star des Abends, ist.

Im Video zur Veranstaltung, die im November 2009 stattfand, wird Barbara Kappel als »Vice President« vorgestellt. In Österreich ist sie etwas anderes: Sie ist die Zukunftshoffnung der FPÖ, für Obmann Heinz-Christian Strache verkörpert sie die Wirtschaftskompetenz der Partei, die sich bereits auf Regierungskurs wähnt.

Die bombastische Veranstaltung in Kiew erinnert an eine der neoliberalen Roadshows in der österreichischen Provinz, die der Lobbyist Peter Hochegger für Karl-Heinz Grasser während dessen Zeit als Finanzminister veranstaltete. Doch Politik spielte in Kiew keine Rolle. Bei Aquabionica geht es um banale Heilversprechungen, die in der krisengeschüttelten Ukraine auf fruchtbaren Boden fallen. Ohne Weiteres komme man durch den Vertrieb von »bionischem Wasser« zu Wohlstand – so die zentrale Botschaft des Abends. Um das zu unterstreichen, wurden am Ende der Veranstaltung verdienten Distributoren Riesenschecks in die Hände gedrückt – 730 Euro stand auf einem, 7.286,72 Euro auf einem anderen. Bei Kappels Aquabionica-Familie, die sich auf der Bühne versammelt hatte, kam Freude auf.

Zu Hause in Österreich sitzt Barbara Kappel seit 2010 für die Freiheitlichen im Wiener Gemeinderat. Was Grasser einst für Jörg Haider war, soll Barbara Kappel für Heinz-Christian Strache werden: eine smarte Erscheinung, die bar jedes deutschnationalen Makels die Regierungstauglichkeit der Partei bezeugt.

Die Wirtschaftswissenschaftlerin leitete lange Zeit das Parlamentsbüro des ehemaligen Dritten Nationalratspräsidenten Thomas Prinzhorn. Zudem war sie Vorsitzende des inzwischen aufgelösten Vereins Austrian Technologies, der sich während der schwarz-blauen Regierungszeit selbst etwas nebulös als »Bundesagentur für Sicherheitsforschung und Technologietransfer« bezeichnete und unter anderem Auslandsreisen für den früheren Vizekanzler Hubert Gorbach vorbereitete. Nach dem Ende der Regierung Schüssel schlug auch dem Verein die letzte Stunde. Kappel verlagerte ihre Tätigkeit in ihre neu gegründete Austrian Technologies GmbH. Diese ist am Schwarzenbergplatz im Hauptquartier der Industriellenvereinigung eingemietet und teilt sich mit dieser auch die Telefonanlage. Praktisch, denn Kappel ist Straches Verbindungsfrau zu Industrie und Wirtschaft. Da schadet es nicht, dass sie gemeinsam mit ihrem Gatten Joachim, einem umtriebigen Personalberater mit guten Politikkontakten, Geschäftsführerin der Joachim Kappel Management Consultants GmbH ist.

Für ihren Parteiführer kümmert sie sich um dessen Russland- und Georgienkontakte und organisiert Konferenzen mit rechten russischen Intellektuellen oder umstrittenen Exilpolitikern aus Georgien, die das außenpolitische Profil Straches schärfen sollen. Dieser zeigt sich von Kappels Fähigkeiten angetan und zählt sie mittlerweile zu seinem Schattenkabinett. So bezeichnete er sie im Juni, beim Parteitag in Graz, als mögliche Finanzministerin.

Teil ihrer Qualifikation dafür ist offenbar auch das Geschäft mit dem Wunderwässerchen und die fragwürdige Vertriebsmethode. Bei Aquabionica spricht man von »Multi-Level-Marketing« – ein Begriff, der häufig als Euphemismus für Pyramidenspiele verwendet wird, die in Österreich illegal sind.

Bei diesen Spielen haben die Verdienstmöglichkeiten eines Teilnehmers nur in geringem Ausmaß mit dem eigenen Verkaufserfolg zu tun. Im Vordergrund steht, weitere Mitspieler zu rekrutieren und an deren Aktivitäten mitzuverdienen. Eine Unterscheidung dieser Praktiken von legalen Vertriebsmethoden ist oftmals nur in komplexen Gerichtsverfahren möglich. »Mir liegen keine Hinweise vor, dass es sich hier um ein Pyramidenspiel handeln könnte«, erklärt Kappel und spricht von »Strukturvertriebstechnik«, womit vermutlich die Methode des Netzwerkmarketings gemeint ist.

Nüchtern betrachtet, handelt es sich bei dem »bionischen Wasser« um reines Trinkwasser. In Tulln wird es von der Riviera Handelsgesellschaft m.b.H. mithilfe von Mineralien »einzigartig strukturiert« und zu »lebendigem Wasser« veredelt. Ihr »Geheimrezept« können die Tullner nicht preisgeben. Das Wasser zeichnet sich vor allem durch seinen exorbitanten Preis aus: Zwei Fläschchen kosten im Osten schnell 50, ein kleines Set 200 Euro. Wichtig ist, so legt es die Aquabionica-Propaganda nahe, weitere Vertriebspartner zu keilen: Nur so könne man in einem achtstufigen Model vom »Piloten« zum »Gran Commodore« aufsteigen und beim Umsatz der Neuen mitschneiden. In einem Werbevideo ist gar von »grenzenlosen Einkünften« die Rede.

In aller Bescheidenheit erklärt man sich zu einer »Organisation der Zukunft« oder spricht von einer »globalen Gemeinschaft von Gleichgesinnten«, die ein gemeinsames Ziel verbinde: »die eigene Lebensqualität und die der Angehörigen und Freunde auf ein neues Niveau zu heben«. Im Internet werden in zahllosen Fotostrecken und Videos eine heile Welt und die glücklichen Gesichter tüchtiger Distributoren präsentiert, die mit kleinen technischen Gadgets oder größeren Schecks belohnt werden. Besonders eifrige Verkäufer werden gar zu exklusiven Seminaren in die Türkei eingeladen. Dort treten als Höhepunkt Kappel und andere Aquabionica-Propheten auf und werden frenetisch empfangen.

Die Auftritte wirken wie ein inszenierter Schwindel – insbesondere aufgrund eines weiteren »Vizepräsidenten«: So ließ bei der Veranstaltung in Kiew ein gewisser Eugen Merkel seine Rede ins Russische übersetzen. Eugen heißt tatsächlich Jewgenij Merkel, stammt aus Moskau und ist in Wien Mitarbeiter von Kappels Gatten Joachim. Vor einem russischsprachigen Publikum spricht der Russe lieber Deutsch und mimt den seriösen Geschäftsmann aus dem Westen.

Barbara Kappel versucht indes auf Distanz zu ihren Ostgeschäften zu gehen: »Ich war lediglich während der Gründungs- und Produkteinführungsphase 2009/2010 Vizepräsidentin des Beirats zur Strategie- und Produktentwicklung«, erklärt sie: Das sei ehrenamtlich, unbezahlt und nicht operativ gewesen. Lediglich ihre Firma Austrian Technologies GmbH besitze fünf Prozent der Holdinggesellschaft, die ihrerseits über Tochtergesellschaften Produkt-, Marken- und Vertriebsrechte für Aquabionica besitze.

Bei dieser Holding, Win Worldwide International Network Ltd., handelt es sich um eine klassische Briefkastenfirma auf Zypern, unter deren Adresse in der Stadt Limassol noch eine Reihe weiterer Firmen registriert sind.

Dennoch scheint die Rolle der FPÖ-Politikerin deutlich größer zu sein, als von ihr behauptet. Auf der offiziellen russischen Homepage von Aquabionica wird sie noch immer als Mitglied im »Rat der Direktoren« geführt. Und obwohl Kappels spektakuläre Werbeauftritte im Osten 2009 und 2010 stattfanden, meldete sie sich zuletzt im vergangenen August ausführlich zu Wort: In einer Internetvideokonferenz aus Wien wandte sie sich damals an Vertriebspartner im Osten – aus einem ernsten Anlass. In den Monaten zuvor hatte ein kleiner Handelskrieg getobt, eine Atlantis Group aus Moskau versuchte, Aquabionica unter seine Kontrolle zu bringen – das »bionische Wasser« aus Österreich, so ein Vorwurf, sei sogar kopiert worden.

»Seit über einem Jahr entwickeln sich die Dinge unerfreulich«, beklagte Kappel in dieser Videokonferenz: Nun wolle man positiv in die Zukunft blicken und hoch motiviert das Jahr mit vervielfachten Verkäufen beenden.

Auch der rechte Rand der Freiheitlichen ist in das schwer durschaubare Firmengeflecht um die heilsbringenden Wässerchen involviert: Rechtsanwalt und FPÖ-Nationalrat Johannes Hübner vertrat eine sogenannte AquaBionica Corporation GmbH, und Harald Stefan, ebenfalls FPÖ-Parlamentarier und Mitglied der rechtsradikalen Burschenschaft Olympia, betätigte sich als Notar für diese Firma.

Unklar bleibt, weshalb sich die mögliche Finanzministerin bei einer Briefkastenfirma auf Zypern engagiert, die »grenzenlose Einkünfte« prophezeit. Geht es hier um ökonomische Motive – Kappels Austrian Technologies GmbH weist in der Firmenbuchbilanz von 2010 Verbindlichkeiten von 900.000 Euro aus – oder doch Nächstenliebe? Vielleicht will sie einfach, dass getreu dem Aquabionica-Motto (Live a happy life) Ukrainer glücklich werden.