IntegrationBin ich der Supermigrant?

Hanno Loewy, Leiter des Jüdischen Museums in Hohenems, über seine Nominierung zum "Vorbild der Integration".

Vor Kurzem bekam ich eine E-Mail aus Wien. Und las darin, dass ich ein Mensch mit Migrationshintergrund bin und eine »Persönlichkeit aus Wirtschaft, Kultur und Sport«, oder ein »Held von nebenan«, einer jener Menschen, »die durch ihre Anstrengungen und ihr persönliches Engagement positive Veränderungen in ihrem Umfeld bewirken«. Ich sei ein »Vorbild erfolgreicher Integration« und hätte einen »besonderen gesellschaftlichen Beitrag« erbracht. So was Nettes hat schon lange niemand mehr zu mir gesagt.

Die Pointe stand schon im ersten Satz: Ich sei einer von 100 Menschen, die Integrationsstaatssekretär Sebastian Kurz »vor den Vorhang holen« wolle, um deren außergewöhnliche Leistungen für die österreichische Gesellschaft in den Mittelpunkt zu stellen.

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Ich hatte schon in den Nachrichten davon gehört, dass die österreichische Bundesregierung über Migranten auch einmal gute Nachrichten verbreiten will. Normalerweise ist in den Verlautbarungen unserer Innenministerinnen ja von Ausländern meistens in wenig schmeichelhaften Zusammenhängen die Rede: Kriminalität, Bildungsverweigerung, Parallelgesellschaft, Abschiebung ...

So richtig eingeladen fühlt man sich da meistens nicht. »Integration durch Leistung«, so das Motto des neuen Integrationsstaatssekretärs, klingt da schon positiver. Wer etwas leistet, darf mitspielen. Und das ist gut so.

Aber jetzt, wo ich vor den Vorhang soll, bin ich nachdenklich geworden. Bis jetzt dachte ich, ich säße im Zuschauerraum. Und dabei stand ich immer hinter einem geschlossenen Vorhang. Bis jetzt dachte ich, als Piefke, als Deutscher, hätte ich es doch wirklich allzu leicht gehabt, meine Integrationsanstrengungen als besondere Leistungen empfinden zu dürfen. Nun bin ich ein »Held von nebenan«.

Um die Verbesserung meiner Deutschkenntnisse ist es schlecht bestellt. Ich verstehe Vorarlbergerisch zwar inzwischen ganz gut, aber mein aktiver Wortschatz ist über ein paar Grußformeln und das schöne Wort gsi doch noch nicht hinaus. Mein sozialer Aufstieg ist lausig, ich habe immer noch den gleichen Job wie bei meiner Einwanderung vor acht Jahren: Ich bin Museumsdirektor.

Kurz gesagt, und ich habe es ihm ausrichten lassen, ich habe eigentlich den Eindruck, dass mein Zugang zur österreichischen Gesellschaft so privilegiert war, dass ich eigentlich kein Vorbild abgebe.

Es sei denn, als Beispiel dafür, dass man auch dann unbequem sein kann, wenn man von Anfang an mit den besten Voraussetzungen für ein recht bequemes Leben gesegnet ist. Dass man auch dann etwas leisten kann, wenn es einem nicht so schwer gemacht wird, wie den meisten Migranten: Menschen, die ihre Reise durch die österreichische Gesellschaft von ganz unten antreten müssen. Menschen, denen man weder einen roten, noch sonst irgendeinen Teppich ausrollt. Menschen, die Deutsch lernen sollen in einem Land, in dem man, wie soll ich sagen, vielerorts recht eigenwillige Dialekte spricht. Menschen, die von zu Hause alles das nicht mitbringen, mit dem unsereins einen guten Start hat. Und auf die man dann mit dem Finger zeigt und ihnen ihr Handicap am Start auch noch zum Vorwurf macht.

»Integration durch Leistung« klingt nach »Leistung soll sich wieder lohnen«. Aber bin ich wirklich nur unverbesserlich misstrauisch, wenn ich fürchte, dass die Ressentiments gegen die türkischen Einwanderer womöglich erst richtig zur Hochform auflaufen, wenn diese Newcomer tatsächlich »Erfolg« haben und nicht mehr nur die Dreckarbeit machen, wenn sie beginnen, Anspruch auf die »guten Jobs« zu erheben.

Wie schnell einem Leistung und Integrationswille, also die aktive Teilhabe an der Gesellschaft zum Vorwurf gemacht werden kann, das hab ich doch selbst ganz anschaulich erfahren. Kaum ist Wahlkampf, fliegen die Ressentiments tiefer, da reicht es schon einmal, dass man einem freiheitlichen Kandidaten öffentlich ein paar unbequeme Fragen stellt, dann wird man flugs zum »Exil-Juden aus Amerika« ernannt, der sich in »unsere Politik« nicht einmischen soll, auch wenn man in Wirklichkeit ein Piefke ist.

Ich werde trotzdem einmal schauen, wie es vor dem Vorhang aussieht. Vielleicht treffe ich dort ja auf ein paar Migranten, die wirklich etwas geleistet haben. Und hinter die Kulissen habe ich inzwischen ja auch schon oft genug geguckt.

 
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