Peru Der Lula der Anden

Christian Schmidt-Häuer berichtet heute über Peru

Ayacucho liegt hoch oben in Perus Anden. Die Indios nannten den Ort einst die Stadt des Todes. Von hier breitete sich Ende der sechziger Jahre die pseudomarxistische Bewegung Leuchtender Pfad aus, ihr Terror und der Gegenterror des autokratischen Präsidenten Alberto Fujimori forderten rund 70.000 Tote und machten Ayacucho bis Ende der 90er Jahre zu einer Geisterstadt.

Nach der Kapitulation der Terroristen kehrten die Menschen nur zögerlich zurück. Dann kam dieser Tag im März 2006, an dem die Einwohner zum zentralen Platz Ayacuchos strömten. Indiofrauen mit Zöpfen unter Filzhüten und Babys auf dem Rücken, Mestizen und Jugendliche aller Hautschattierungen. Vor den Arkaden aus Spaniens Kolonialzeit sprach ein drahtiger Mann, dunkle Haare, Kasernenschnitt. Ein Exmilitär mit rotem T-Shirt, ganz wie Hugo Chávez, nur dass er seine Gegner nicht ausschweifend, sondern kurz und knapp anklagte. Trotz aller Warnungen vor einem Attentat – als junger Hauptmann hatte der Redner den Leuchtenden Pfad bekämpft – demonstrierte er die Selbstsicherheit, von der sein indianischer Vorname kündete: Ollanta, der »Krieger, dem auf seinem Wachturm nichts entgeht«.

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Dieser Redner, der gar nicht von Indios abstammt, elektrisierte 2006 ganz Peru. Denn Ollanta Moisés Humala Tasso, so der volle Name des ehemaligen Oberstleutnants, wollte Präsident werden. Und das Großbürgertum, die Kirche, viele Intellektuelle in den bewachten Villenvierteln an der Küste sahen schon das rote Chaos heraufziehen mit Linksextremisten, Indios und den radikalen Brüdern Humalas als Prokonsuln an der Macht. Wer aber die Karawane des Kandidaten begleitete, hinauf zum 5.000 Meter hohen Apacheta-Pass und steil hinunter ins Amazonasbecken, der sah die andere Seite Perus. Deklassierte Ureinwohner, Mestizen und die Kokabauern an den Osthängen der Anden beteten für Humalas Sieg. Er verlor die Stichwahl nur knapp.

Als er in diesem April wieder im ersten Wahlgang triumphierte, geriet die Oberschicht erneut in Panik. Perus Literaturnobelpreisträger Mario Vargas Llosa verglich die Stichwahl zwischen Humala und Keiko Fujimori, der Tochter des inzwischen zu 25 Jahren Haft verurteilten Autokraten, mit Aids und Krebs im Endstadium. Humala gewann die Wahl und zog am 28. Juli in die Casa de Pizarro, den Präsidentenpalast, ein.

Nun ist er hundert Tage im Amt. Und Peru liegt nicht im Endstadium einer linkspopulistischen Seuche darnieder. Kein Betrieb ist von Indios besetzt, kein Posten an seinen Familienclan gegangen, von dem er sich längst distanziert hat. Der Partnerlook mit Chávez in roten T-Shirts ist Geschichte, im Wahlkampf trug Humala Maßanzüge. Auch seine Regierung ist maßgeschneidert aus unabhängigen Fachleuten und gemäßigten Mitte-links-Politikern.

Nicht nur Brasiliens Zeitung Folha de Sao Paulo sieht in dem 48-Jährigen mittlerweile den »Lula der Anden«. In seiner ersten Rede – demonstrativ in Pisco gehalten, der 2007 von einem Erdbeben zerstörten Stadt – versprach der Präsident, die »freie Marktwirtschaft fortzusetzen« und sie um neue soziale Projekte zu ergänzen.

Diese tragen erkennbar Brasiliens Handschrift. So versucht er, unterstützt von Beratern aus Brasilia, Perus hohe Wachstumsraten und die ausländischen Investitionen zu sichern. Und die Armen dennoch, anders als sein Vorgänger Alan García, am Geldsegen aus den Rohstoffexporten teilhaben zu lassen. »Ich glaube nicht, dass Humalas Triumph den wirtschaftlichen Fortschritt gefährdet«, hat Vargas Llosa inzwischen eingeräumt. Da fallen einem die Erinnerungen des Nobelpreisträgers ein, in denen er seine Niederlage gegen Fujimori bei den Präsidentenwahlen 1990 schildert. Das Buch heißt: Der Fisch im Wasser. In der Politik scheint diese Beschreibung jetzt eher auf den Exsoldaten Humala zu passen als einst auf den Romancier.

 
Leser-Kommentare
  1. Die makroökonomischen Daten mögen im Ausland als Indikator gelten, aber ist mit der Befriedigung sozialer Belange? Was ist mit den Anträgen und Beschwerden die sich bei der Defensoría del Pueblo und Aprodeh stapeln?
    Umweltverschmutzung und tägliches Leben werden gerne unter der Rubrik „Lebensqualität“ geführt, tatsächlich ist sie überlebenswichtig. Der Export von Bodenschätzen zerstört die Lebensgrundlagen und zwingt die Menschen in die Städte abzuwandern. So gesehen bedeuten makroökonomische „Verbesserungen“ Verschlechterungen für die Landbevölkerung. Auch in der Stadt gibt es Slums in denen bei den Bewohnern erhöhte Bleiwerte im Blut gemessen werden können. Entlang der Eisenbahnstrecke bis in den Hafen von Callao wo die Erze verladen werden ist eine Kontaminierung angrenzenden Viertel zu verzeichnen.
    Ollanta ist noch nicht lange im Amt und schon so viele Gesichter gezeigt. Viele Peruaner warten lieber noch mit ihrer Beurteilung der neuen Regierung. Der Euphorie folgt nun die Skepsis. Aber zurück zur Ausgangsfrage: Sollte man die Qualität einer Regierung, also ihre Fähigkeit auf die Forderungen der Bevölkerung schnell und angemessen zu reagieren, nicht an der Höhe jenes Stapels an Beschwerden und Anträgen in cm messen? Öffentlich wahrgenommen werden meist nur die unangemessenen Reaktionen: Polizeigewalt, Terror- und Mordkommandos.

  2. Etwa das Massaker an Bewohnern der Region Bagua unter Alan García Pérez im Jahr 2009 oder die erst 2010 veruteilten Killer des Grupo Colina, deren Mordanschläge an Studenten der Universidad Cantuta im Ausland kaum Beachtung fanden. http://idl-reporteros.pe/... während die FAZ die Universidad San Marcos zum Hort zukünftiger Terroristen stilisierte. Es wundert daher kaum, dass Deutschland so bereitwillig die Finanzierung der Gedenkstätte für die Opfer des Kriegs übernommen hat. Unter Alberto Fujimori und Alan García Pérez kam es zu so vielen Menschenrechtsverletzungen, dass Mario Vargas Llosa den Stoff zum schreiben an seine Kindeskinder vererben könnte. Aber diese Kindeskinder haben das Erbe bereits angenommen. Was bei diesen Schriftstellern jedoch zu beobachten ist, ist ein starker Hang zur Ästhetisierung bei Claudia Llosa – die ihre Bildsprache selbst als Barock bezeichnet – und zu Sex&Crime mit übertrieben maskulinen Figuren bei Alonso Cueto und Santiogo Roncagliolo. Die Jüngsten und weniger Bekannten wie Alina Gadea finden zu subtileren Mitteln. Ihr gelingt es – ohne pornographische Beschreibungen – auf hundert Seiten die kurze Zeitspanne des Auszugs aus dem Elternhaus zu schildern. Bei ihr wird das Drama des Bürgerkriegs in die Stadt verlegt, der Krieg auf dem Land blitzt als Nebenschauplatz zwischen den Szenen des Konflikts mit der verbitterten Mutter auf,... http://frankfurtfair.de/b...

  3. so als ob der Fernseher im Wohnzimmer läuft, währen Tochter und Mutter streiten. Dabei setzt sie auf stimmungsvolle Bilder in kurzen Kapiteln. Den historischen Rahmen bildet die Zeit um den Anschlag von Tarata. Kandidat für einen Jugendroman mit Verdacht auf obligatorische Schullektüre.

    Ayacucho bedeutet übrigens Winkel der Toten und verweist sich eigentlich auf die karge Gegend. Die Stadt Ayacucho wurde 1540 als San Juan de la Frontera de Huamanga gegründet. Der Krieg zwischen Sendero Luminoso (S.L.) und Streitkräften hinterließ hier die schlimmsten Spuren, was sich an der Abwanderung – ganze Stadtteile im Süden von Lima werden von Ayacuchanos bewohnt –, der hohen Selbstmordrate und der Brutalität im Spiel der Kinder die dort leben ablesen lässt. In Vilcashhuaman konnte ich im Jahr 2000 beobachten, wie zwei 7 Jährige einen Jüngeren festhielten und auf die Knie drückten, während ein Dritter einen Knallfrosch anzündete und diesem auf den Nacken legte. Sie haben ihn erst losgelassen, nachdem die Explosion eine 1 mm tiefe Verbrennung auf seiner Haut hinterließ. Sie inszenieren also die Hinrichtungen, die S.L. an Opfern aus der Führungsriege – mit aus den Bergbau entwendeten Dynamit – beging, nach. http://peru-abc.blogspot....

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    Aber zum Artikel: es gibt auch andere Interpretationen der ersten 100 Tage. Keine Mitte-Links-Regierung mit Experten, sondern ein weitgehendes Weiterführen von dem, was schon Garcia gemacht hat - teils mit denselben Leuten. Dazu scheinen mir einige Sachen aus dem Wahlprogramm vergessen worden zu sein. Nicht dass Humala nicht der Lula, sondern der Obama der Anden wird.

    für Ihre detaillierte Beobachtung muss ich fragen, haben Sie nichts dagegen unternommen?

    Aber zum Artikel: es gibt auch andere Interpretationen der ersten 100 Tage. Keine Mitte-Links-Regierung mit Experten, sondern ein weitgehendes Weiterführen von dem, was schon Garcia gemacht hat - teils mit denselben Leuten. Dazu scheinen mir einige Sachen aus dem Wahlprogramm vergessen worden zu sein. Nicht dass Humala nicht der Lula, sondern der Obama der Anden wird.

    für Ihre detaillierte Beobachtung muss ich fragen, haben Sie nichts dagegen unternommen?

  4. dass Keiko nicht an die Macht gekommen ist. Damit wäre sonst die politische Glaubwürdigkeit Peru's auf jeden Fall ganz verloren gegangen.

  5. Aber zum Artikel: es gibt auch andere Interpretationen der ersten 100 Tage. Keine Mitte-Links-Regierung mit Experten, sondern ein weitgehendes Weiterführen von dem, was schon Garcia gemacht hat - teils mit denselben Leuten. Dazu scheinen mir einige Sachen aus dem Wahlprogramm vergessen worden zu sein. Nicht dass Humala nicht der Lula, sondern der Obama der Anden wird.

  6. für Ihre detaillierte Beobachtung muss ich fragen, haben Sie nichts dagegen unternommen?

  7. oder verkauften Essen und Getränke auf Wagen. Wir setzten uns an einen den Getränkewagen und bestellten Emoliente. In dem Gedränge fuhr mich ein Mann an: Ich Weißer sei an allem Schuld. Weiße wie ich seien es die beim Militär die Befehle gäben und zum Krieg aufriefen. Die Verkäuferin nahm mich in Schutz, sagte dem Mann er solle still. Meine Begleiterin sagte, ich solle nicht hinhören, er sei betrunken. Er hatte recht: Weiße schreiben am Ende auch die Bücher und werden belohnt. Die "Figuren" verharren außerhalb der Texte in ihren Rollen.
    Zurück in Lima hatte ich eine unglauliche Wut, besonders gegen die Literaturlehrerin der Abendschule die ich besucht hatte um einen peruanischen Schulabschluss zu erwerben. Sie hatte - dem Lehrplan folgend - den Schülern - vorwiegend Frauen zwischen 22 und 38 die tagsüber als Haushälterinnen, Kindermädchen oder Fabrikarbeiterinnen beschäftigt waren - von den Leiden des Jungen Werther erzählt, von den Selbstmorden die die Rezeption dieses Textes ausgelöst haben soll. Das kam mir alles nur lächerlich vor. Sie war so streng zu den Schülern, dass die Angst vor ihr hatten. Ich habe auf den Abschlusstest einen Totenkopf gezeichnet und Cypress Hill zitiert: "Everybody must get stoned" Dafür wurde ich dann in die Cafeteria gerufen und musste ihr erklären was das zu bedeuten hatte. Wieviele Geschichte wohl wegen dieser Lehrerin nicht niederschrieben wurden? Weil schon das Wort "Literatur" Angst und Unwohlsein unter den Schülern auslöste.

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