Berlin-NeuköllnNeukölln, da freu ick mir

Döner, Dorfidyll und Hinterhöfe – der Berliner Problembezirk wird neu entdeckt von Hans W. Korfmann

Herr Tin, Inhaber der Neuköllner Reisschale

Herr Tin, Inhaber der Neuköllner Reisschale  |  © Malte Jäger für DIE ZEIT

Im Nordwesten von Neukölln steht auf dem Hermannplatz zwischen Marktständen türkischer Gemüsehändler und deutscher Bratwurstverkäufer die Bronzeskulptur eines tanzenden Paares. Sie erinnert an die goldenen Zeiten des einstigen Vergnügungsviertels, das sich am Rand der alten Hasenheide entlang bis nach Rixdorf zog. »In Rixdorf«, sangen die Berliner, »spielt die Musike« und »Uff den Sonntag freu ick mir, ja dann jeht et raus zu ihr, Feste mit verjnüchtem Sinn, Pferdebus nach Rixdorf hin.« Noch heute existiert, nicht weit vom Hermannplatz, das Ballhaus Rixdorf mit seinem knarrenden, altersgrauen Eichenparkett und den hohen Stuckdecken, doch nur wenige der Tanzpaläste haben die Kriegsjahre überstanden, gut versteckt in den unscheinbaren Hinterhöfen eines unscheinbaren Viertels: Neukölln.

Aus dem Vergnügungsviertel mit seinen Brauereien und Gartenlokalen ist längst ein Wohnbezirk geworden, 300.000 Menschen leben hier. Am Hermannplatz begegnet man Geschäftsleuten, Schulkindern, Junkies. Frauen eilen in die Kosmetikabteilung von Karstadt, Obdachlose wärmen sich nach kalten Nächten im warmen Gebläse der U-Bahn-Schächte. Nur die auswärtigen Besucher sind selten geworden. Verschreckt von Berichten über Ehrenmorde und Gewalt in den Schulen, machen sie einen Bogen um das Viertel. Um Berlins Schmelztiegel zu bestaunen, gibt es das benachbarte Kreuzberg, das mittlerweile den besseren Ruf hat. Dabei wohnen gerade in Neukölln Menschen aus 160 Nationen. Und hier war es, wo vor 15 Jahren der Multikultikult seinen schönsten Ausdruck fand.

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Der Karneval der Kulturen ist ein touristisches Highlight Berlins, und er startet noch heute, wo er damals ersonnen wurde: am Hermannplatz. Neukölln aber lässt er sofort hinter sich auf seinem Weg nach Westen. Unverständlich, denn gleich hier, wo sie in die Kostüme schlüpfen, beginnt die Karl-Marx-Straße, breit genug und wie geschaffen für den großen Umzug. Kilometerweit führt sie im Bogen nach Süden, mit einer unterirdischen Parallele, der U7.

Berlin-Neukölln: Unterkunft

Nicht weit vom Rixpack mit seinen günstigen Schlafmatratzen in der Karl-Marx-Straße 75, Tel. 030/54715140, www.rixpack.de, Stockbett ab 10 Euro, bietet der Erlanger Hof (3 Sterne), Erlanger Straße 4, Tel. 030/62989975, www.erlanger-hof.de, DZ ab 69 Euro an. Noch immer verführerisch, wenn auch ohne die alte Dame im Morgenrock, ist die Pension im ehemaligen Thüringer Hof, Neckarstraße 2, Tel. 030/6871517, www.karibuni-hotel.de, mit DZ ab 46 Euro. Abseits der Flaniermeilen liegt das Estrel, Sonnenallee 225, Tel. 030/683122522, www.estrel.com, mit 1125 Zimmern, DZ ab 169 Euro

Verpflegung

Neben dem Café Rix und der Hofperle bei der Neuköllner Oper befindet sich am Richardplatz in der Nähe des Gasthauses Louis das hübsche Gartenlokal Villa Rixdorf, www.villa-rixdorf.com. Derzeit immer voll ist das Lavanderia Vecchia in der Flughafenstraße mit echt italienischer Küche zu echt Neuköllner Preisen. Als Star der Neuköllner Kochszene wird der mit einem Stern dekorierte Matthias Buchholz gehandelt: Er serviert auf dem Gutshof in Britz Menüs ab 37 Euro, Hauptgerichte ab 10 Euro

Ausflüge

Neben Alis Reitzentrum Gropiusstadt am Kölner Damm 1, dem Körnerpark, der Hufeneisensiedlung, dem 90 Hektar großen Britzer Garten mit seiner Windmühle und dem See ist vor allem der alte Britzer Dorfkern mit dem Schloss ein beliebtes Ausflugsziel. Sehr sehenswert ist das Museum im Gutshof Britz: die wunderbar inszenierte Dauerausstellung »99 x Neukölln« erzählt anhand von Alltagsgegenständen die Geschichte des Viertels. Schon ein Blick ins Internet lohnt sich: www.museum- neukoelln.de/ausstellungen-99-neukoelln.php

Theater

Die Programme von Neuköllner Oper und Heimathafen eignen sich für Neuankömmlinge hervorragend als Einführung in die Mentalität des Viertels. Manchmal gastiert das Improvisationstheater »Die Gorillas« mit seinem lustigen »Filmeraten« in Neukölln. Danach empfiehlt sich ein Besuch in einer der letzten verrauchten Jazz- und Blueskneipen Berlins, etwa beim Sandmann in der Reuterstraße

Infos

Als einziger Berliner Bezirk besitzt Neukölln so etwas wie eine eigene Touristeninformation. Im Eingangsbereich des alten Rathauses (U-Bahnhof Karl-Marx-Straße) liegen Stadtteilführer, Karten und Informationsmaterial zu Geschichte, Sehenswürdigkeiten und Gastronomie aus

In der Karl-Marx-Straße ist Multikulti mehr als eine Karnevalsveranstaltung, da leben Türken, Araber, Ostasiaten, Studenten und Ureinwohner noch wirklich zusammen. Herr Tin aus Birma ist seit 24 Jahren hier und verkauft in seinem Laden Reisschale getrocknete Pilze, Brot, Tee, Seifen, Reis, Räucherwerk, Papierschirme – alles, was der Mensch zum Leben braucht. »Ich war der zweite Ausländer in der Straße, vor mir war nur noch ein Libanese hier«, sagt Herr Tin, ein dünner Mann mit einer dünnen Stimme. »Damals waren wir die Exoten, jetzt ist es umgekehrt. Jetzt sind die Deutschen die Ausnahme.« Herr Tin kichert.

Die kleine Halle des Stadtbads Neukölln

Die kleine Halle des Stadtbads Neukölln  |  © Malte Jäger für DIE ZEIT

Er übertreibt, aber international ist Neukölln allemal. Das Hao-You-Duo an der Karl-Marx-Straße mit seinen sechs Tiefkühltruhen voll von exotischem Fisch für drei Euro das Kilo und Regalen mit lächelnden Buddhastatuen könnte ebenso gut in Saigon beheimatet sein. Im Oriental Shop kaufen blonde Schulmädchen schwarze Haarsträhnen und geflochtene Zöpfe, im deutschen Ein-Euro-Laden gibt es türkischen Mokka. Alles mischt sich in dieser Straße, die deutschen Neuköllner kaufen ihre Tomaten vom türkischen Gemüsehändler, und die Türken kaufen Fleisch bei Fleischermeister Marcus Benser, dessen Blutwurst immerhin schon den Grand Prix d’Excellence International gewann.

Auswärtige stehen nicht um die berühmte Blutwurst an. Neukölln ist touristisch kaum erschlossen. Hotels und Pensionen sind in Hinterhöfen versteckt. So wie das Rixpack, nicht weit von der felsigen Festung des Rathauses mit seinem Glockenturm, ein Rucksackdomizil mit Stockbetten für zehn Euro die Nacht und der Andeutung eines Gartens neben der rotbraunen Backsteinmauer. In der Glastür hängt ein Brief, »Für Sophie«, vielleicht der Abschiedsgruß an eine Reisebekanntschaft im Zehnbettzimmer. Die Wirtin vom Thüringer Hof in der Neckarstraße (heute Hotel Karibuni), die einst noch in Pantoffeln und Bademantel das Frühstücksei servierte, hätte den Kopf geschüttelt über diese jungen Leute, die nicht einmal eine Dusche im Zimmer brauchen. Aber die wissen sich durchaus zu helfen: »Wir gehen in die Ganghofer Straße, voll geil...«

Leserkommentare
    • revm
    • 27. Oktober 2011 13:41 Uhr

    Die Studenten, auch schnuklige Erasmus-Studentinnen sind allhier! Hier kann noch ein Hostel-Zimmer billig abgegriffen werden! Hier kann die Szene noch nivelliert werden, bis hier die gleichen Gesichter mit den gleichen Werten und dem gleichen Habitus zu sehen sind wie in Mitte oder Friedrichshain - vor allem darauf sind wir scharf in Neukölln. Hier können auch noch ein paar Mieter verdrängt werden, damit Platz wird. Kommen sie, machen sie dieselben Fotos am Checkpoint Charlie, am Alex, am Reichstag, am Gendarmenmarkt wie jedermann, besuchen sie 140 Museen in drei Tagen und besaufen sie sich dann für wenig Geld in einer der neuen rustikalen Kellerbars bei schrummeligem Free Jazz! F***** sie sich anschließend die Seele aus dem Leib! Hier ist alles so bunt, so lebhaft, so jung, so fröhlich, so vielfältig, so außergewöhnlich ethnisch diversifiziert, so hoffnungsfroh, so zukunftssicher,so aufbruchsorientiert. Grenzenloses Staunen wird sich ihrer bemächtigen, wenn sie mit eigenen Augen sehen, mit wieviel Lebenfreude jeder Dönerspieß aufgehängt und jedes Brathänchen gegrillt wird!
    Ich bin ja gespannt, ob die Gentrifizierung auch auf Tempelhof übergreift. Aber auch die Mauern von Jericho sind bekanntlich gefallen...

    6 Leserempfehlungen
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    Was meinen Sie, was da jetzt teilweise schon bei Wohnungsbesichtigungen abgeht!

    Übrigens werden Sie mit Ihrer düsteren Prophezeiung recht behalten - Neukölln ist der neue Friedrichshain. Schön für all jene, die sich in ihrer total individualisierten Szenigkeit gemütlich einrichten, schade für die Alteingesessenen. Langsam wird es für die Berliner eng in Berlin.

    Redaktion

    Sehr geehrte/r revm,

    wer sich so an den Touristen in der Stadt stört darf eigentlich selbst auch nicht in den Urlaub fahren, oder?

    Viele Grüße aus der Redaktion.

  1. Was meinen Sie, was da jetzt teilweise schon bei Wohnungsbesichtigungen abgeht!

    Übrigens werden Sie mit Ihrer düsteren Prophezeiung recht behalten - Neukölln ist der neue Friedrichshain. Schön für all jene, die sich in ihrer total individualisierten Szenigkeit gemütlich einrichten, schade für die Alteingesessenen. Langsam wird es für die Berliner eng in Berlin.

    Antwort auf "Kommen Sie!"
  2. ... ja sehr Multi-Kulti. Und was kostet dieses Biotop dem Steuerzahler? Veränderungen sind schwer, vor allem die Einsicht gescheiterter Ideologien...

    2 Leserempfehlungen
  3. Redaktion

    Sehr geehrte/r revm,

    wer sich so an den Touristen in der Stadt stört darf eigentlich selbst auch nicht in den Urlaub fahren, oder?

    Viele Grüße aus der Redaktion.

    Antwort auf "Kommen Sie!"
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    ich denke, revm meinte nicht nur die Touristen, die sich durch die Staßen wälzen, sondern auch die vielen Zugezogenen, die sich systematisch einen Berliner Stadtteil nach dem anderen unter den Nagel reißen. Sicherlich entsteht etwas neues und manchmal sogar tolles, aber als Berliner steht man manchmal nur noch staunend daneben und wundert sich, wo die alte Heimat hin ist. Ich weiß, wovon ich spreche, denn ich bin in Stadtbezirken großgeworden, die heute absolut fest in fremden Händen sind. Heute möchte ich da nicht mehr wohnen, nicht nur wegen der Touristen, sondern weil ich mich dort nicht mehr heimisch fühle.

    Können Sie sich im übrigen vorstellen, dass es auch Menschen gibt, die zwar in den Urlaub fahren, aber trotzdem nicht die fremden Länder/Städte in der Art überfallen, wie es die Easy-Jet-Touris mit Berlin machen?

  4. ich muss "hafensonne" Recht geben. Was ist das für eine seltsame Reaktion aus der Redaktion? Haben Sie die Essenz seines nicht wirklich schwer zu verstehenden Kommentars nicht greifen können? Es geht nicht darum, dass er gezielt Touristen beschimpft, sondern um die Tatsache, dass all diese neuzeitlichen Jubelarien auf das Auferstehen vermeintlich runtergerockter Stadtteile immer in demselben Phänomen endet; nämlich der Angleichung der Stadtteile und das Aufweichen der Unverwechselbarkeit. Das ist hier in Hamburg nicht anders, auch hier hat es bereits eine "Eppendorfisierung" des Schanzenviertels gegeben. Und er hat recht, in der Presse werden laufend Superlative bemüht, die unterstreichen sollen, wie sehr so ein Stadtteil auf einmal zum Leben erweckt würde. Das ist doch vielmehr sein Anliegen.

    Und genauso ist es. Und deswegen darf er auch in den Urlaub fahren. Ich hätte mir von einer ZEIT-redakteurin eine anderee, weniger beleidigt anmutende Reaktion auf so einen Kommentar gewünscht.

    Bestimmt wollen Sie ja auch nicht, dass der gemeine ZEIT-Leser Qualitätsunterschiede in der Schreibe der Redakteure der Print-Ausgabe und ZEIT Online ausmacht, oder?

    4 Leserempfehlungen
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    Redaktion

    Sehr geehrte christie09,

    meine Frage war sicher nicht beleidigend gemeint. Wenn der Eindruck entstanden ist, tut mir das leid.

    Als Reiseredakteurin finde ich es allerdings befremdlich, mit welcher Aggression in Berlin auf Touristen reagiert wird (hierzu auch http://www.zeit.de/politi...). Es ist sicher nur ein persönlicher Eindruck, aber mir scheint, dass es in keiner anderen deutschen Stadt so wichtig ist, "als erster" dagewesen zu sein. Und daraus das Recht auf einen Stadtteil ohne Touristen abzuleiten. Es ging mir nicht um Gentrifizierung. Es ging mir um die Wut, die ich aus dem ersten Kommentar heraus lese und die mir als Reisender - zum Glück - noch nie in einem anderen Land entgegengeschlagen ist.

    Grüße aus der Redaktion.

  5. Naja, "neu entdeckt" wird Neukölln im Moment nur noch von der FAZ und der ZEIT. Andere Medien haben darüber zuletzt vor ca. einem Jahr berichtet.

    Und die Quantität und Qualität des Billig-Tourismus in Berlin ist halt etwas anders, als in anderen Städten. Aber auch darüber wurde in anderen Medien schon ausführlich berichtet - zuletzt im SPIEGEL.

    Eine Leserempfehlung
    • noon44
    • 27. Oktober 2011 15:12 Uhr

    ...und ein weiterer Artikel zur Vergößerung des Mythos Berlin, wahrscheinlich wieder nur entstanden, weil die Autoren eben selbst dort ihre individuelle, prekäre Existenz fristen und was liegt da näher, als über die eigene Stadt zu schreiben? Ich lebe selbst seit zwei Jahren in Neukölln. Man könnte das ganze ruhig auch mal etwas unverklärter zu betrachten versuchen. Ein pragmatisch-trostloser Stadtteil, in dem immernoch 2/3 der Bewohner von der Hand in den Mund leben und in dem es den ein oder anderen skurrilen, historisch interessanten und auch schönen Flecken zu besuchen gibt. Alles in allem kann man aber nun wirklich nicht behaupten, dort im Paradies zu sein oder mit Lebensqualität nur so überhäuft zu werden. Was übrigens ohnehin für ganz Berlin gilt. Der ganze Hype ist einfach ein mächtiges Stück weit überzogen und erhält sich größtenteils als reiner Selbstzweck und aus postdezisionaler kognitiver Dissonanz der Zugezogenen.

    7 Leserempfehlungen

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