Vor 250 Jahren lag Rixdorf noch am Stadtrand
Vom Richardplatz führt eine schmale Kopfsteinpflasterstraße zurück zum Karl-Marx-Platz mit seiner deutschen Gastwirtschaft und dem sonntäglichen Frühschoppen. Man hört schon den Lärm der großen Straße, doch dann führt, wie durch ein Nadelöhr zwischen den Häusern, ein Weg vom Platz des Philosophen zum Böhmischen Gottesacker, einem von Kastanien beschatteten Friedhof zwischen unverputzten Ziegelmauern und Mietshäusern mit Wäscheständern auf den Balkonen. Ein Ort absoluter Stille.
Vor 250 Jahren lag der Gottesacker noch am Stadtrand. Inzwischen ist Berlin weit über das alte »Rieksdorp« hinausgewachsen. Auch das Dörfchen Britz mit seiner Kirche aus dem 14. Jahrhundert und dem von Weiden umstandenen Weiher hat die Stadt verschlungen. Im Britzer Schloss, der selbst ernannten »Perle des Bezirks«, versammeln sich keine Adligen mehr zur Jagd; und im alten Gutshof werden keine Kühe mehr gehalten. Heute erzählt im Gutshof ein Museum Geschichten aus Neukölln: vom 20.000 Jahre alten Unterkiefer eines Mammuts, der hier gefunden wurde, oder von Atze Becker, dem Kapitän von Tasmania 1900, dem erfolglosesten Bundesligaklub aller Zeiten. Gegenüber, im Gesindehaus, hat der Sternekoch Matthias Buchholz sein Gartenlokal eröffnet, während in die alten Stallungen ein Theater einzieht. Britz ist das geworden, was einst die Hasenheide am Hermannplatz mit ihren Tanzlokalen war: ein Reiseziel für Sonntagsausflügler.
Weit ist es nun nicht mehr bis zum Ende der Stadt. Ein letztes Mal bäumt Berlin sich auf, die Gropiusstadt mit ihren Hochhäusern ragt in den Himmel. Östlich davon führen Kieswege durch die Sumpflandschaft des Rodower Fließes bis zum südlichsten Zipfel von Neukölln, wo sich ein kleiner Hügel erhebt, der Dörferblick, und den Blick freigibt auf die Rieselfelder und die Ansiedlungen von Wassmannsdorf und Kleinziethen. Die Sitze der ehemaligen Kolchosen sind auch 22 Jahre nach dem Mauerfall noch so winzig wie zur DDR-Zeit. Nur in Schönefeld ist der Fortschritt angekommen, weit wehen die Staubfahnen der Flughafen-Großbaustelle über das Land.
Vom Dörferblick führt am Rand der Stadt entlang der Mauerweg zurück zur Gropiusstadt. Hier sitzt Ali vor seinem Reitstall, seit 40 Jahren schon. Er trinkt Tee und plaudert mit Pavel aus dem 17. Stock. Pavels Kinder können die Pferde vom Fenster aus sehen, manchmal kommen sie zum Reiten herunter. Einst lagen vier Reiterhöfe im Schatten der Mauer, und »am Wochenende standen die Menschen Schlange«, um auf dem Rücken von Alis Pferden zwischen dem Todesstreifen und der Hochhauskulisse zwei Runden zu traben. »Das waren goldene Zeiten«, sagt Ali. Der Koppelzaun des Reitzentrums Gropiusstadt markierte gleichzeitig das Ende von West-Berlin. Das sorgte für morbiden Charme und hielt Konkurrenten fern.
Heute stehen große Herden mit Rassepferden am Stadtrand, vor ihnen die weite Prärie des Ostens. Ali auf seinem schmalen Streifen hat nur noch fünf Pferde im Rennen. Der Fall der Mauer war »eine Katastrophe« für ihn. Er sitzt auf einem alten Stuhl, neben ihm trocknen auf einem Brett rote Paprikaschoten in der Sonne. Kürzlich haben sie hinter ihm einen Wanderpfad, den »Mauerweg«, mit Schildern ausgestattet und asphaltiert. Vielleicht wird er ein paar Kunden zurückbringen.
Ali hebt die Schultern. Veränderungen liegen ihm nicht. Sein Pferdehof sieht noch aus wie 1989. Irgendwie ist sein Stall auch so ein Niemandsland, so ein Neuköllner Hinterhof – in dem die Zeit ein bisschen langsamer vergeht.
Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio
- Datum 27.10.2011 - 12:14 Uhr
- Seite 1 | 2 | 3 | Auf einer Seite lesen
- Quelle DIE ZEIT, 27.10.2011 Nr. 44
- Kommentare 28
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:








Die Studenten, auch schnuklige Erasmus-Studentinnen sind allhier! Hier kann noch ein Hostel-Zimmer billig abgegriffen werden! Hier kann die Szene noch nivelliert werden, bis hier die gleichen Gesichter mit den gleichen Werten und dem gleichen Habitus zu sehen sind wie in Mitte oder Friedrichshain - vor allem darauf sind wir scharf in Neukölln. Hier können auch noch ein paar Mieter verdrängt werden, damit Platz wird. Kommen sie, machen sie dieselben Fotos am Checkpoint Charlie, am Alex, am Reichstag, am Gendarmenmarkt wie jedermann, besuchen sie 140 Museen in drei Tagen und besaufen sie sich dann für wenig Geld in einer der neuen rustikalen Kellerbars bei schrummeligem Free Jazz! F***** sie sich anschließend die Seele aus dem Leib! Hier ist alles so bunt, so lebhaft, so jung, so fröhlich, so vielfältig, so außergewöhnlich ethnisch diversifiziert, so hoffnungsfroh, so zukunftssicher,so aufbruchsorientiert. Grenzenloses Staunen wird sich ihrer bemächtigen, wenn sie mit eigenen Augen sehen, mit wieviel Lebenfreude jeder Dönerspieß aufgehängt und jedes Brathänchen gegrillt wird!
Ich bin ja gespannt, ob die Gentrifizierung auch auf Tempelhof übergreift. Aber auch die Mauern von Jericho sind bekanntlich gefallen...
Was meinen Sie, was da jetzt teilweise schon bei Wohnungsbesichtigungen abgeht!
Übrigens werden Sie mit Ihrer düsteren Prophezeiung recht behalten - Neukölln ist der neue Friedrichshain. Schön für all jene, die sich in ihrer total individualisierten Szenigkeit gemütlich einrichten, schade für die Alteingesessenen. Langsam wird es für die Berliner eng in Berlin.
Sehr geehrte/r revm,
wer sich so an den Touristen in der Stadt stört darf eigentlich selbst auch nicht in den Urlaub fahren, oder?
Viele Grüße aus der Redaktion.
Was meinen Sie, was da jetzt teilweise schon bei Wohnungsbesichtigungen abgeht!
Übrigens werden Sie mit Ihrer düsteren Prophezeiung recht behalten - Neukölln ist der neue Friedrichshain. Schön für all jene, die sich in ihrer total individualisierten Szenigkeit gemütlich einrichten, schade für die Alteingesessenen. Langsam wird es für die Berliner eng in Berlin.
Sehr geehrte/r revm,
wer sich so an den Touristen in der Stadt stört darf eigentlich selbst auch nicht in den Urlaub fahren, oder?
Viele Grüße aus der Redaktion.
Was meinen Sie, was da jetzt teilweise schon bei Wohnungsbesichtigungen abgeht!
Übrigens werden Sie mit Ihrer düsteren Prophezeiung recht behalten - Neukölln ist der neue Friedrichshain. Schön für all jene, die sich in ihrer total individualisierten Szenigkeit gemütlich einrichten, schade für die Alteingesessenen. Langsam wird es für die Berliner eng in Berlin.
... ja sehr Multi-Kulti. Und was kostet dieses Biotop dem Steuerzahler? Veränderungen sind schwer, vor allem die Einsicht gescheiterter Ideologien...
Sehr geehrte/r revm,
wer sich so an den Touristen in der Stadt stört darf eigentlich selbst auch nicht in den Urlaub fahren, oder?
Viele Grüße aus der Redaktion.
ich denke, revm meinte nicht nur die Touristen, die sich durch die Staßen wälzen, sondern auch die vielen Zugezogenen, die sich systematisch einen Berliner Stadtteil nach dem anderen unter den Nagel reißen. Sicherlich entsteht etwas neues und manchmal sogar tolles, aber als Berliner steht man manchmal nur noch staunend daneben und wundert sich, wo die alte Heimat hin ist. Ich weiß, wovon ich spreche, denn ich bin in Stadtbezirken großgeworden, die heute absolut fest in fremden Händen sind. Heute möchte ich da nicht mehr wohnen, nicht nur wegen der Touristen, sondern weil ich mich dort nicht mehr heimisch fühle.
Können Sie sich im übrigen vorstellen, dass es auch Menschen gibt, die zwar in den Urlaub fahren, aber trotzdem nicht die fremden Länder/Städte in der Art überfallen, wie es die Easy-Jet-Touris mit Berlin machen?
ich denke, revm meinte nicht nur die Touristen, die sich durch die Staßen wälzen, sondern auch die vielen Zugezogenen, die sich systematisch einen Berliner Stadtteil nach dem anderen unter den Nagel reißen. Sicherlich entsteht etwas neues und manchmal sogar tolles, aber als Berliner steht man manchmal nur noch staunend daneben und wundert sich, wo die alte Heimat hin ist. Ich weiß, wovon ich spreche, denn ich bin in Stadtbezirken großgeworden, die heute absolut fest in fremden Händen sind. Heute möchte ich da nicht mehr wohnen, nicht nur wegen der Touristen, sondern weil ich mich dort nicht mehr heimisch fühle.
Können Sie sich im übrigen vorstellen, dass es auch Menschen gibt, die zwar in den Urlaub fahren, aber trotzdem nicht die fremden Länder/Städte in der Art überfallen, wie es die Easy-Jet-Touris mit Berlin machen?
ich denke, revm meinte nicht nur die Touristen, die sich durch die Staßen wälzen, sondern auch die vielen Zugezogenen, die sich systematisch einen Berliner Stadtteil nach dem anderen unter den Nagel reißen. Sicherlich entsteht etwas neues und manchmal sogar tolles, aber als Berliner steht man manchmal nur noch staunend daneben und wundert sich, wo die alte Heimat hin ist. Ich weiß, wovon ich spreche, denn ich bin in Stadtbezirken großgeworden, die heute absolut fest in fremden Händen sind. Heute möchte ich da nicht mehr wohnen, nicht nur wegen der Touristen, sondern weil ich mich dort nicht mehr heimisch fühle.
Können Sie sich im übrigen vorstellen, dass es auch Menschen gibt, die zwar in den Urlaub fahren, aber trotzdem nicht die fremden Länder/Städte in der Art überfallen, wie es die Easy-Jet-Touris mit Berlin machen?
Ist Freizügigkeit nun eine demokratische Errungenschaft oder nicht? Sorry, aber ich beim besten Willen nichts daran finden, dass Menschen ihren Lebensmittelpunkt frei wählen können. Berlin ist kein Biotop, sondern eine sich dynamisch entwickelden Metropole. Und das ist auch gut so! Gerade die Erfahrungen mit der Berliner Mauer sollten eigentlich zu mehr Einsicht führen. Das scheint mir so mancher Ur-Berliner leider vergessen zu haben. Setzen Sie sich doch bitte lieber für eine anständige Sozialpolitik in Berlin ein, inkl. sozialen Wohnungsbau und weiteren Sozialausgleich für finanziell Benachteiligte. Das bringt auf Dauer mehr, als einfallsloses Zugezogenenbashing.
Ich bin selbst schon verdrängt worden, aus einem Ost-Berliner Bezirk, obwohl ich selber nur zugezogener Wessi war. ;) An der Oberfläche verfiel der Bezirk nicht, ganz im Gegenteil, aber die Vielfalt des "Ökosystems Kiez" war er am Ende, und deswegen bin ich froh, jetzt wieder in Neukölln zu sein. Die "alte Heimat" ist noch da, noch wiederzuerkennen, aber die Gentrifizierung, die man in Mitte, Prenzlauer Berg usw. zur Genüge kennt, beginnt auch hier schon, noch nicht überall, aber die Geschichten häufen sich. Doch im Moment ist hier "1999". Gut so. :) Nur… wie lange noch?
Ansonsten: schöner Artikel, bei dem es mal nicht um die üblichen Hotspots geht. (Allerdings ist der Heimathafen schon lange kein Geheimtip mehr.)
waren immer das, was auch heute ist. Es war in der gesamten Geschichte dieser Stadt, die von Beginn an ein Konstrukt zum Zuzug war, nicht anders als heute.
Menschen kamen, weil es etwas gab, das attraktiv war, brachten ihre Ideen mit, nahmen Raum ein und veränderten die Stadt.
Nichts anderes ist heute.
Also ist jede Aufregung unnötig, denn das heutige setzt nur das vergangene fort.
Ist Freizügigkeit nun eine demokratische Errungenschaft oder nicht? Sorry, aber ich beim besten Willen nichts daran finden, dass Menschen ihren Lebensmittelpunkt frei wählen können. Berlin ist kein Biotop, sondern eine sich dynamisch entwickelden Metropole. Und das ist auch gut so! Gerade die Erfahrungen mit der Berliner Mauer sollten eigentlich zu mehr Einsicht führen. Das scheint mir so mancher Ur-Berliner leider vergessen zu haben. Setzen Sie sich doch bitte lieber für eine anständige Sozialpolitik in Berlin ein, inkl. sozialen Wohnungsbau und weiteren Sozialausgleich für finanziell Benachteiligte. Das bringt auf Dauer mehr, als einfallsloses Zugezogenenbashing.
Ich bin selbst schon verdrängt worden, aus einem Ost-Berliner Bezirk, obwohl ich selber nur zugezogener Wessi war. ;) An der Oberfläche verfiel der Bezirk nicht, ganz im Gegenteil, aber die Vielfalt des "Ökosystems Kiez" war er am Ende, und deswegen bin ich froh, jetzt wieder in Neukölln zu sein. Die "alte Heimat" ist noch da, noch wiederzuerkennen, aber die Gentrifizierung, die man in Mitte, Prenzlauer Berg usw. zur Genüge kennt, beginnt auch hier schon, noch nicht überall, aber die Geschichten häufen sich. Doch im Moment ist hier "1999". Gut so. :) Nur… wie lange noch?
Ansonsten: schöner Artikel, bei dem es mal nicht um die üblichen Hotspots geht. (Allerdings ist der Heimathafen schon lange kein Geheimtip mehr.)
waren immer das, was auch heute ist. Es war in der gesamten Geschichte dieser Stadt, die von Beginn an ein Konstrukt zum Zuzug war, nicht anders als heute.
Menschen kamen, weil es etwas gab, das attraktiv war, brachten ihre Ideen mit, nahmen Raum ein und veränderten die Stadt.
Nichts anderes ist heute.
Also ist jede Aufregung unnötig, denn das heutige setzt nur das vergangene fort.
ich muss "hafensonne" Recht geben. Was ist das für eine seltsame Reaktion aus der Redaktion? Haben Sie die Essenz seines nicht wirklich schwer zu verstehenden Kommentars nicht greifen können? Es geht nicht darum, dass er gezielt Touristen beschimpft, sondern um die Tatsache, dass all diese neuzeitlichen Jubelarien auf das Auferstehen vermeintlich runtergerockter Stadtteile immer in demselben Phänomen endet; nämlich der Angleichung der Stadtteile und das Aufweichen der Unverwechselbarkeit. Das ist hier in Hamburg nicht anders, auch hier hat es bereits eine "Eppendorfisierung" des Schanzenviertels gegeben. Und er hat recht, in der Presse werden laufend Superlative bemüht, die unterstreichen sollen, wie sehr so ein Stadtteil auf einmal zum Leben erweckt würde. Das ist doch vielmehr sein Anliegen.
Und genauso ist es. Und deswegen darf er auch in den Urlaub fahren. Ich hätte mir von einer ZEIT-redakteurin eine anderee, weniger beleidigt anmutende Reaktion auf so einen Kommentar gewünscht.
Bestimmt wollen Sie ja auch nicht, dass der gemeine ZEIT-Leser Qualitätsunterschiede in der Schreibe der Redakteure der Print-Ausgabe und ZEIT Online ausmacht, oder?
Sehr geehrte christie09,
meine Frage war sicher nicht beleidigend gemeint. Wenn der Eindruck entstanden ist, tut mir das leid.
Als Reiseredakteurin finde ich es allerdings befremdlich, mit welcher Aggression in Berlin auf Touristen reagiert wird (hierzu auch http://www.zeit.de/politi...). Es ist sicher nur ein persönlicher Eindruck, aber mir scheint, dass es in keiner anderen deutschen Stadt so wichtig ist, "als erster" dagewesen zu sein. Und daraus das Recht auf einen Stadtteil ohne Touristen abzuleiten. Es ging mir nicht um Gentrifizierung. Es ging mir um die Wut, die ich aus dem ersten Kommentar heraus lese und die mir als Reisender - zum Glück - noch nie in einem anderen Land entgegengeschlagen ist.
Grüße aus der Redaktion.
Sehr geehrte christie09,
meine Frage war sicher nicht beleidigend gemeint. Wenn der Eindruck entstanden ist, tut mir das leid.
Als Reiseredakteurin finde ich es allerdings befremdlich, mit welcher Aggression in Berlin auf Touristen reagiert wird (hierzu auch http://www.zeit.de/politi...). Es ist sicher nur ein persönlicher Eindruck, aber mir scheint, dass es in keiner anderen deutschen Stadt so wichtig ist, "als erster" dagewesen zu sein. Und daraus das Recht auf einen Stadtteil ohne Touristen abzuleiten. Es ging mir nicht um Gentrifizierung. Es ging mir um die Wut, die ich aus dem ersten Kommentar heraus lese und die mir als Reisender - zum Glück - noch nie in einem anderen Land entgegengeschlagen ist.
Grüße aus der Redaktion.
Naja, "neu entdeckt" wird Neukölln im Moment nur noch von der FAZ und der ZEIT. Andere Medien haben darüber zuletzt vor ca. einem Jahr berichtet.
Und die Quantität und Qualität des Billig-Tourismus in Berlin ist halt etwas anders, als in anderen Städten. Aber auch darüber wurde in anderen Medien schon ausführlich berichtet - zuletzt im SPIEGEL.
...und ein weiterer Artikel zur Vergößerung des Mythos Berlin, wahrscheinlich wieder nur entstanden, weil die Autoren eben selbst dort ihre individuelle, prekäre Existenz fristen und was liegt da näher, als über die eigene Stadt zu schreiben? Ich lebe selbst seit zwei Jahren in Neukölln. Man könnte das ganze ruhig auch mal etwas unverklärter zu betrachten versuchen. Ein pragmatisch-trostloser Stadtteil, in dem immernoch 2/3 der Bewohner von der Hand in den Mund leben und in dem es den ein oder anderen skurrilen, historisch interessanten und auch schönen Flecken zu besuchen gibt. Alles in allem kann man aber nun wirklich nicht behaupten, dort im Paradies zu sein oder mit Lebensqualität nur so überhäuft zu werden. Was übrigens ohnehin für ganz Berlin gilt. Der ganze Hype ist einfach ein mächtiges Stück weit überzogen und erhält sich größtenteils als reiner Selbstzweck und aus postdezisionaler kognitiver Dissonanz der Zugezogenen.
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren