Im zweiten Stock des Berliner Abgeordnetenhauses drängen sich die Piraten vor einer verschlossenen Holztür. 15 Menschen, die mit Pferdeschwanz, Latzhose und Jutebeutel nach achtziger Jahre aussehen, seit Neuestem aber als politische Avantgarde gelten. 30 Minuten haben sie sich angehört, was Herr Rögner-Francke vom Referat Öffentlichkeitsarbeit über die Geschichte des Abgeordnetenhauses zu erzählen hat. Jetzt interessiert die erste Piratenfraktion in einem deutschen Parlament nur noch die verschlossene Holztür. Jeder will einen Blick durch ihr gläsernes Guckloch erhaschen. Dahinter sind die leeren schwarz gepolsterten Stühle des Plenarsaals zu sehen.

Müssten die Piraten pantomimisch darstellen, was ihre Partei ausmacht, sie hätten kein besseres Bild finden können: Sie wollen Einblick geben in ein politisches System, das immer mehr Menschen als abgeschottet empfinden, dessen Entscheidungen sie nicht nachvollziehen können. Die Piraten wollen, dass möglichst alle Informationen offen zugänglich sind. Ob sie als Abgeordnete dieses Versprechen einlösen können? In der Politik werden Absprachen in Hinterzimmern getroffen, manche Dokumente müssen unter Verschluss bleiben. Das birgt Konflikte für eine Partei, deren Ideal Transparenz ist.

Die Piraten sind keine Programmpartei, sie sind eine Prozesspartei. Weshalb die Kritik, ihnen fehle es an Inhalten, bislang einfach verpufft. » Unsere Partei hat noch keine Position zur Euro-Krise und liegt in den Umfragen trotzdem bei zehn Prozent«, sagt Fabio Reinhardt, einer der 15. Er sitzt in der Parlamentskantine und verspeist eine Portion Chili con Carne. Seit der Wahl sind knapp vier Wochen vergangen, seitdem war er fast jeden Tag im Abgeordnetenhaus. Er hat einen Arbeitsraum für die Piraten organisiert, Post bearbeitet, Protokolle geschrieben, Journalisten getroffen und um die Hüften ein wenig zugelegt.

Die deftigen Mahlzeiten gehören zu seinem neuen Leben, genau wie das schwarze Jackett und das lilafarbene Hemd, das er sich nach der Wahl gekauft hat. »In meinem alten Leben wären jeden Tag sechs Euro für ein Mittagessen nicht drin gewesen«, sagt er. Fabio Reinhardt ist 30 Jahre alt und hat in den letzten anderthalb Jahren von Hartz IV gelebt. Er hat Geschichte und Politikwissenschaften studiert und sagt, er sei ein Freidenker und lehne Autoritäten ab. Das Prinzip der Offenheit wendet er auch an, wenn er von sich selbst spricht: »Als Mitarbeiter kann ich mir bessere Leute als mich vorstellen.«

Es ist dieses Auftreten, ohne Kalkül und Taktik, das die Piraten erfolgreich macht. Im Gegensatz zu den etablierten Parteien wirken sie frei. Eine CDU oder SPD , die zur Euro-Krise nur sagen würde, dass sie noch nichts zu sagen habe, oder ein FDP-Politiker, der offen erklärt, es gäbe bessere als ihn – schwer vorstellbar, dass das zu steigenden Umfragewerten führen würde.

»Wir haben kein Problem damit, wenn andere Parteien etwas richtig machen«

Als der Chaos Computer Club am zweiten Oktoberwochenende den verfassungswidrigen Einsatz von Staatstrojanern enthüllt, ist von den Piraten anfangs nichts zu hören. Erst anderthalb Wochen später stellt ihr bayerischer Landesverband Strafanzeige gegen den dortigen Justizminister Joachim Herrmann . Die FDP hat sich in der Zwischenzeit als Datenschutzpartei inszeniert, sich öffentlichkeitswirksam mit Vertretern des Chaos Computer Clubs getroffen. Warum reagieren die Piraten so spät? »Unsere Haltung ist doch klar«, sagt Reinhardt. »Aber wir sind in 15 Bundesländern nun mal außerparlamentarische Opposition, da haben die anderen einfach mehr Möglichkeiten.«