Der ehemalige Soldat, ein kompakter Mann mit kurzem braunem Haar, sitzt unruhig auf jenem Stuhl, den frühere Patienten vor Anspannung so heftig hin und her wippen ließen, dass er gegen die Wand stieß. Seine Stimme bebt, als er sagt, der erste Einsatz, Makedonien, und der letzte, Afghanistan, seien besonders schlimm gewesen. Seine Hände zittern, seine Schläfen glänzen vor Schweiß, die Augen sind weit aufgerissen und irren umher. Die Erinnerungen poltern in seinem Kopf, Schüsse womöglich, Schreie, Blut. Würde er jetzt weitererzählen, würden sie ihn überschwemmen, würde er in der Flut untergehen.

Aus Angst vor der emotionalen Flut scheuen Patienten die Auseinandersetzung mit dem Erlebten. Erstes Ziel der Ärzte ist daher, das Gefühl der Sicherheit zu festigen. Etwa mit der Technik des sicheren Ortes: Dabei ersinnt der Patient eine Fantasieszene beispielsweise an einem See, in der er Ruhe und Entspannung empfindet. Dorthin kann er während der Sitzungen zurückkehren, wenn ihn Panik überkommt.

Erinnerungen können nicht gelöscht werden

Vier Sitzungen hat Kai G. jetzt hinter sich, wie in den meisten Fällen arbeiten Zimmermann und seine Kollegen auch bei ihm nach der EMDR-Methode ( Eye Movement Desensitization and Reprocessing ). Dabei bewegt der Therapeut Zeige- und Mittelfinger gleichmäßig hin und her, während der Patient den Fingern mit dem Blick folgt und an das traumatische Erlebnis denkt. Die Augenbewegungen stimulieren die Gehirnhälften, die Reizverarbeitung wird angekurbelt. So können die zuvor unvermittelt auftauchenden Erinnerungssplitter neu bewertet und abgespeichert werden – der Patient gewinnt die Kontrolle zurück. »Eine Therapie kann Erinnerungen nicht löschen«, sagt Peter Zimmermann. »Aber sie kann erreichen, dass das Erlebte den Patienten nicht mehr an einem genussvollen und leistungsfähigen Leben hindert.«

Oft kreisten die Gespräche mit seinen Patienten um Fragen der Ethik und Moral. »Das ist intellektuell anregend und stärkt emotional.« Zimmermann setzt sich gerne mit anderen Kulturen auseinander, schätzt Kunst als übergreifende Sprache. Im Regal hinter seinem Schreibtisch hockt ein hölzerner Vogel – Symbol für die Seele. »Als Traumatologe«, sagt Peter Zimmermann, »überschreitet man die Grenzen des Fachs.«

Kai G. ist seit zwei Wochen im Traumazentrum. Eine Woche noch, dann geht es ambulant weiter. Bis dahin hat er noch einiges zu tun. Gleich muss er zur Atementspannung, dann zur Gruppentherapie. Für den Nachmittag hat Kai G. etwas geplant, das er lange nicht getan hat, das er aber ganz allmählich wieder mit Freude macht: spazieren gehen im Park.

»Ich muss das wieder lernen, das Leben«, sagt er. Und lächelt.

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