Bundeswehr-PsychiaterOperation Seelenfrieden

Der Psychiater Peter Zimmermann hilft traumatisierten Soldaten, wieder Halt zu finden. von Kati Thielitz

Raum 1.3.03 ist hell und aufgeräumt, es ist ruhig. An den Wänden hängen Bilder in fröhlichen Farben, neben dem Schreibtisch sprießt eine Grünlilie im Mittagssonnenlicht. Aber manche Menschen leiden hier Seelenqualen. Die zentimetertiefen Macken im Putz neben dem Patientenstuhl zeugen von den Kämpfen, die es hier auszutragen gilt. Raum 1.3.03 ist der Arbeitsplatz von Peter Zimmermann, dem leitenden Arzt des Traumazentrums im Berliner Bundeswehrkrankenhaus. Hier behandelt der Psychiater neben depressiven und suchtkranken Soldaten auch Soldaten, die infolge eines Auslandseinsatzes traumatisiert sind.

21.378 deutsche Soldaten waren nach Angaben der Bundeswehr im vergangenen Jahr in Auslandseinsätzen, davon 13.990 in Afghanistan. Die Zahl der an posttraumatischen Belastungsstörungen (PTBS) Erkrankten steigt: 2008 wurden an Bundeswehrkrankenhäusern 245 Soldaten wegen PTBS behandelt, 2011 sind es bis Oktober schon 715 gewesen. Peter Zimmermann, Hose und Hemd in Weiß, auf den Schultern die Dienstgradabzeichen des Obersts, sieht das in der zunehmenden Härte der Vorfälle im Einsatz begründet, aber auch in einem offeneren Klima unter den Soldaten. Psychische Störungen sind in der Bundeswehr nicht mehr tabu – ebenso wenig wie in der zivilen Welt.

Anzeige

Mit dem Interesse für die Psyche wächst der Bedarf an Experten: Eine Analyse des Stellenmarktes im Deutschen Ärzteblatt ergab, dass Psychiater und Psychotherapeuten derzeit besonders gefragt sind. Bei der Bundeswehr ist das nicht anders: Von 42 psychiatrischen Dienstposten sind momentan erst 28 besetzt.

Als Bundeswehrarzt war Peter Zimmermann in Bosnien, Afghanistan und im Kosovo – nun profitiert der 44-Jährige davon, selbst erfahren zu haben, wie sich Bedrohung und Hilflosigkeit anfühlen. »Jeder Einsatz prägt«, sagt er. In Kabul etwa habe er Kinder gesehen mit schweren Gehirnerkrankungen, denen aufgrund der mangelnden medizinischen Versorgung im Land nicht rechtzeitig geholfen werden konnte. »Das tut weh. Aber schmerzhafte Erfahrungen lassen einen auch innerlich reifen. Man lernt, die Zustände in Deutschland zu schätzen. Persönliche Probleme relativieren sich.«

Krank zurück aus dem Auslandseinsatz

Zimmermanns Patienten sind im Schnitt 25 bis 45 Jahre alt, manche suchen auch erst in hohem Alter Hilfe. Traumatische Erlebnisse können lange verdrängt werden – meist treten posttraumatische Reaktionen erst Monate oder gar Jahrzehnte später auf. Sie äußern sich in Form von Panikattacken, Schlafstörungen oder auch körperlichem Leid: So habe einer von Zimmermanns Patienten lange über Zahnschmerzen geklagt. Neun gesunde Zähne seien gezogen worden bis zur Diagnose PTBS .

Bei Kai G. dauerte es Jahre, bis sich das Trauma bemerkbar machte. Bevor er 2007 aus der Bundeswehr ausschied, war er stationiert in Makedonien, Bosnien-Herzegowina, im Kosovo und in Afghanistan. Dreieinhalb Jahre nach diesem letzten Auslandseinsatz, im Sommer 2009, holten ihn die Bilder von damals eines Nachts im Traum ein. »Monatelang habe ich versucht, das zu verdrängen«, sagt der 41-Jährige. »Ich habe nur noch gearbeitet und mich sozial zurückgezogen. Ich dachte: Was von alleine kommt, geht auch wieder von alleine.« Erst im vergangenen Dezember hat sich Kai G. eingestanden, dass er krank ist.

PTBS kann entwickeln, wer mit Angst, Sterben und Schmerz in extremem Ausmaß konfrontiert war: Überlebende von Anschlägen wie auf Utøya , Menschen, die sexuell missbraucht wurden oder lange Zeit ein schwer krankes Familienmitglied gepflegt haben, Soldaten und Polizisten, die während eines Einsatzes dem Kollegen nicht helfen konnten oder selbst zum Täter wurden. Die Sinneswahrnehmungen – Bilder, Gerüche, Geräusche, Gefühle – können dabei zu einer Reizüberflutung führen. Die Mandelkerne, die im Gehirn wie Alarmanlagen den Reizen eine Art Schweregrad zuordnen und sie gefiltert an die Erinnerungsareale weiterleiten, sind dann überfordert. Damit ist die Verarbeitung teilweise blockiert – Teilerinnerungen bleiben unverarbeitet. Sie können jederzeit ins Bewusstsein drängen, ausgelöst etwa durch den Geruch von Grillfleisch, durch ein Knallgeräusch oder, wie bei Kai G., im Traum.

Leserkommentare
    • Thoth16
    • 02. Februar 2013 21:55 Uhr

    "Empfehlung: Wer das, was er als Soldat erlebt, physisch und psychisch nicht verkraften kann, sollte kein Soldat werden."

    Und ich nehme an, Sie gehen davon aus, dass ausnahmslos jeder über die Vorstellungskraft oder die Bildung verfügt, um sich wirklich klar machen zu können, was ein Soldat im Extremfall erleben muss? Ich denke, damit überschätzen Sie einen Großteil der Menschheit und am Ende auch sich selbst. Es gibt tausend Filme über das Thema, natürlich, und diverse Abhandlungen -- aber wer, bitte, kennt diese Filme, diese Bücher? Wer macht sich klar, wie die Gefühlswelt eines Soldaten aussieht? Mord ist so weit weg von allem, mit dem man im Alltag zu tun hat, dass ich niemanden zutraue mit Sicherheit sagen zu können, wie er darauf reagieren würde.

    Grauen wie das des Krieges ist nur schwer vorstellbar. Ich kann es mir nicht vorstellen, obwohl ich mich mit Geschichte beschäftige und damit auch mit Kriegsgeschichte.

    Eine Leserempfehlung

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Artikel Auf einer Seite lesen
  • Schlagworte Afghanistan | Auslandseinsatz | Bundeswehr | Flut | Soldat | Stellenmarkt
  • Neu auf ZEIT ONLINE
    1. Gazastreifen Hamas verschleppt israelischen Soldaten
    2. Khalil Shikaki "Das ist ein Hamas-Moment"
    3. Indien und die WTO Auch der Freihandel hat Grenzen
    4. Dividenden-Stripping Steuern sparen mit dubiosen Aktiengeschäften
    5. Endlich Vintage! Mein erstes Age-Bashing
  • Neu im Ressort Karriere
    1. Personalauswahl "Blender geben häufig wenig von sich preis"
    2. Befristung Viele befristete Hochschulverträge unwirksam
    3. Berufseinstieg Erfolgreich im neuen Job
    4. Beförderung Ab jetzt Führungskraft
  • Anzeige
  • Anzeige
  • Anzeige
  • Quiz

    Frage 1 / 10

    Verstehen Sie Akademisch?

    Philosophische Texte sind oft besonders unverständlich. Hier ein Beispiel: "Das mit seiner Umgebung konfrontierte gesellschaftliche Subjekt verhält sich jeweils zu den vergangenen Produktionsprozessen insgesamt so wie jenes mit seinem Nicht-Ich konfrontierte Ich zum Akt des in sich zurückgekehrten Handelns, welches als das absolute Ich durch Entgegensetzung eines Nicht-Ichs als Ich produziert."
    Was bedeutet das übersetzt?

    • 1.
    • 2.
    • 3.
  • ARTIKEL ZUM THEMA Beruf IM RÜCKBLICK
    August | Juli | Juni | Mai | April
Service