Kommt die Sprache auf die deutschen Professoren, gerät der Informatikstudent Hieu Le Ngoc ins Schwärmen. »Sie bleiben nach dem Seminar noch da und diskutieren mit uns«, erzählt der Student begeistert. Richtig hitzig seien die Wortwechsel manchmal. So viel persönliches Interesse hätten die deutschen Professoren. Das war sehr ungewohnt für den jungen Vietnamesen. Diese Lehr- und Lernformen werden an der Vietnamesisch-Deutschen Universität (VGU) praktiziert, eine rasante Autostunde nördlich der Großstadt Ho-Chi-Minh-Stadt im Süden Vietnams. In dem bescheidenen weißen Universitätsgebäude sitzt der 27 Jahre alte Hieu trotz der Hitze in Jeans und langärmligem kariertem Hemd. Seit zwei Jahren studiert er an der VGU Business Information Systems, eine Kombination, die der junge Mann nirgends sonst in Vietnam hätte studieren können, wie er sagt.

Im Herbst wird er sein deutsches Masterzeugnis entgegennehmen. Obwohl die VGU eine staatliche vietnamesische Universität ist, machen Studierende dort einen deutschen Abschluss, gerade so, als studierten sie in Frankfurt oder Bochum. Die Studiengänge werden direkt von den deutschen Partner-Unis übernommen, samt Inhalt, Büchern und Aufbau. Selbst die Professoren sind eine Leihgabe. Sie fliegen für einige Wochen ein und geben Vorlesungen.

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Die VGU ist kein Einzelprojekt, insgesamt gibt es sechs deutsche Hochschulen im Ausland, zum Beispiel in Jordanien oder auch in Istanbul. Bildungsexport, so nennt es das Bundesministerium für Forschung und Bildung (BMBF), das die Projekte koordiniert. Die Unis sind Aushängeschilder für die Qualität deutscher Forschung und Lehre. Sie können qualifizierte Studenten oder Doktoranden anwerben, sie können ein Stück Entwicklungshilfe sein, sie können aber auch einfach Freunde der deutschen Kultur gewinnen. In jedem Fall trügen sie zur Sichtbarkeit des deutschen Bildungssystems bei, heißt es beim BMBF.

Um den konkreten Deutschlandbezug kümmert sich an der VGU – wie bei den meisten der sechs Hochschulen – ein deutscher Zusammenschluss von Mentorenhochschulen. Deutschlandbezug, das sind Sprachkurse, Unterrichtsangebote auf Deutsch oder Studien- und Praktikumsaufenthalte in Deutschland. Deshalb dauert der Bachelor an der VGU auch nicht drei, sondern vier Jahre. Im ersten Jahr polieren die Studenten ihre Englisch- und Mathekenntnisse auf, und sie lernen Deutsch. Die Kurse sind zwar auf Englisch, aber die deutsche Sprache sei ein »Bonus für das spätere Berufsleben«, sagt Silke Heimlicher, die in Vietnam für die strategische Planung zuständig ist.

Neben dem Informatikstudenten Hieu sind 370 Studierende an der VGU eingeschrieben, es werden vor allem naturwissenschaftliche und technische Fächer angeboten. Die VGU ist eine sehr junge Universität: Die Räumlichkeiten gibt es seit drei, die Idee seit fünf Jahren. In einer relativ kurzen Schaffensphase entstand eine Universität, über zwei Bürokratien und eine halbe Welt hinweg.

Von Anfang an dabei war der heutige vietnamesische Vize-Premierminister Ngyuen Thien Nhan. Er hatte in den sechziger Jahren wie viele seiner Landsleute in Deutschland studiert. Nhan, der damals noch Bildungsminister war, traf in Frankfurt seinen hessischen Amtskollegen Udo Corts, zusammen brachten sie das Vorhaben auf den Weg, 2006 beschlossen das Bundesland Hessen und das Land Vietnam ein gemeinsames Bildungsprojekt.

Zwei Jahre später folgte die Gründung. Ein altes Gebäude wurde saniert, Personal nach Vietnam geflogen. Wolf Rieck, der damals die FH Frankfurt leitete, wurde zum ersten Präsidenten der VGU ernannt.

Diesen Herbst feiert die neue Universität gleich zweimal. Zum einen werden die ersten Masterstudenten, darunter auch Hieu, verabschiedet. Zum anderen startet nun auch der Bachelorstudiengang Finance and Accounting. Weil die VGU noch keine Laborräume hat, fliegen die Erstsemester für ein Jahr nach Frankfurt, ziehen ins Studentenwohnheim und nutzen die Ausstattung der dortigen FH.