Studium in Vietnam Fleißig und gefragt
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Die vietnamesische Bildungslandschaft soll aufgemischt werden

Dass alles so glatt lief, lag auch daran, dass die vietnamesische Regierung der Universität freie Hand in der Gestaltung gelassen hatte. Eine derartige Autonomie ist beispiellos in Vietnam, dort müssen angehende Studenten vor dem Studium Militärdienst leisten und die Lehren Ho Chi Minhs pauken, das Studium besteht meist aus Frontalunterricht.

Das soll sich ändern. Die VGU ist Teil eines großen Projekts, mit dem die vietnamesische Bildungslandschaft aufgemischt werden soll. New Model University heißt das Programm, in dem vier große Universitäten errichtet werden sollen, jede hat dabei als Bildungspaten ein anderes Land. Das lässt sich die Regierung einiges kosten. Für den neuen Campus, auf den die VGU in ein paar Jahren umziehen soll, stellt die Weltbank einen Kredit über 180 Millionen US-Dollar bereit. 5000 Studenten sollen dort Platz finden. Es soll eine große Forschungsuniversität nach deutschem Vorbild werden.

Qualifizierter Nachwuchs ist für Vietnam unabdingbar. Seit das Land vor vier Jahren der WTO (Welthandelsorganisation) beigetreten ist, gründen dort viele Unternehmen ihre Niederlassungen, auch zahlreiche deutsche sind darunter. Die Rahmenbedingungen sind gut, die Löhne niedrig. Nur nach qualifizierten Fachkräften müssen die Unternehmen suchen.

Globalisierung und gesamtwirtschaftliche Entwicklungen machten Vietnam zu einem immer wichtigeren Partner in Südostasien, so erklärt es das hessische Ministerium für Wissenschaft und Kunst. Von dort fließen jährlich 1,5 Millionen Euro an das Projekt VGU, weitere 1,5 Millionen kommen vom Bundesministerium für Forschung und Bildung. Auch Baden-Württemberg steuert Geld bei.

Es ist viel Geld für ein sehr junges Projekt, von dem bis jetzt nur wenige Studenten profitieren. Aber langfristig könnten sich daraus Beziehungen entwickeln, die nicht nur ideellen Wert haben, sondern auch für die Wirtschaft von Nutzen sind. Zum Beispiel indem die jungen Absolventen für die deutschen Unternehmen in Vietnam arbeiten. Die reißen sich schon jetzt um Hieu Le Ngoc: Noch bevor der junge Mann die Masterarbeit eingereicht hat, rufen die ersten Arbeitgeber an und wollen ihn einstellen. Sein Studienkollege Duong geht noch einen Schritt weiter: Er zieht ihm Herbst nach Bochum, um dort zu promovieren.

Im Zusammenhang mit dem demografischen Wandel begrüßt es auch das Bundesministerium für Forschung und Bildung, dass die Absolventen der VGU nach Deutschland ziehen und hier Leerstellen ausgleichen, die durch den Fachkräftemangel entstehen. Von der deutschen Hochschule in Kairo zum Beispiel kommt bereits eine dreistellige Anzahl von Absolventen zur Promotion nach Deutschland. Würde Ägypten die qualifizierten Fachkräfte nicht lieber behalten? Die Frage stelle sich eigentlich nicht, heißt es beim BMBF. Etwa ein Viertel der Absolventen arbeitete zeitweise oder auch auf Dauer in Deutschland, aber die Heimatländer profitierten dennoch – von den Netzwerken, von Investitionen oder vom Wissensaustausch.

Der Vorteil der Absolventen deutscher Hochschulen im Ausland ist deren Vertrautheit mit der deutschen Lebensart. Vor allem die Vietnamesen hätten eine ähnliche Mentalität, heißt es beim Projektpartner Hessen; sie seien fleißig, ehrgeizig und zielstrebig. Bildung habe einen hohen Stellenwert.

Die Familien nehmen Studiengebühren in Kauf, die an der Vietnamesisch-Deutschen Universität ungefähr ein durchschnittliches Monatsgehalt betragen. »In Vietnam herrscht ähnlich wie im amerikanischen Bildungssystem die Auffassung: Was nichts kostet, ist auch nichts wert. Wenn die Studiengänge umsonst wären, dann wäre kaum Interesse da«, sagt Silke Heimlicher. Allerdings vergibt die Universität viele Stipendien, einige von ihnen werden auch von Unternehmen finanziert.

Wer kein Stipendium bekommt, kann selber Geld verdienen. In Vietnam ist das Teilzeitstudium sehr beliebt. Auch die VGU hat daher einige Studiengänge von Vollzeit auf Teilzeit umstellen müssen. »Das vietnamesische Studium ist viel zielgerichteter als das deutsche«, sagt Henning Hilbert, verantwortlich für Akademische Angelegenheiten an der VGU. »Das ist keine jahrelange Selbstfindungsphase, sondern ein Ausbildungsprozess.«

Viele, so auch Hieu Le Ngoc, arbeiten tagsüber, um sich das Studium zu finanzieren. Einige seiner Studienkollegen haben auch schon eine Familie. Er selbst lernt am Abend, und er wiederholt die Lektionen bis tief in die Nacht hinein.

Kein Wunder, dass die deutschen Professoren hauptsächlich Gutes von ihren Trips nach Vietnam berichten. Die vietnamesischen Studenten seien so interessiert und wissbegierig, erzählen sie.

Manche blieben nach dem Seminar sogar noch da, um mit ihnen zu diskutieren.

 
Leser-Kommentare
    • zappp
    • 28.10.2011 um 13:22 Uhr

    Heute wie vor 20 Jahren ist doch die Vorlesungspraxis in den Massenfächern durch Frontalvorlesungen, teilweise "vom Blatt", und überfüllte Seminare geprägt.

    Wir könnten sicher auch eine "New Model University" gebrauchen.

  1. Wofür brauchen denn die Erstsemester in Finance & Accounting Laborräume? Suchen die die Derivate unterm Mikroskop?

    Eine Leser-Empfehlung
  2. Meine Herkunft ist vietnamesisch. In dem Artikel wird von einer Vietnamesisch-Deutschen Universität (VGU) berichtet, die Kurse werden aber auf Englisch abgehalten. Denken kann ich mir warum es so ist, aber nachvollziehen kann ich es ehrlich gesagt nicht, geehrte Frau Heimlicher.

    Wenn ich mir für diesen Herbst etwas wünschen darf, dann soll bei der Feier im Herbst dort verkündet werden, dass die Kurse zukünftig auf Deutsch abgehalten werden. Nur so eine Idee, muss man nicht gleich umsetzen. Aber da es ein junges Projekt mit Potenzial ist, wäre es sinnvoll und wünschenswert.

    Vielen Dank!

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