Schweizer Wahlen Alles neu?

Die Wahl-Analyse mit den zwei wichtigsten Politologen der Schweiz, Michael Hermann und Claude Longchamp

Michael Hermann (links) und Claude Longchamp im Schweizer Büro der ZEIT in Baden

Michael Hermann (links) und Claude Longchamp im Schweizer Büro der ZEIT in Baden

DIE ZEIT: Herr Longchamp, wir haben uns nach den Wahlsendungen im Schweizer Fernsehen gefragt: Sind Sie nun Sportreporter oder Politanalyst?

Claude Longchamp: Politanalyst.

Anzeige

ZEIT: Aber die Sendung hatte schon etwas den Charakter einer Sportreportage.

Longchamp: Nein. Ich habe mich ab Mitte Sonntagnachmittag zurückgelehnt und versucht, die hereinkommenden Wahlergebnisse einzuordnen.

ZEIT: Herr Hermann, was ist der demokratische Nutzen Ihrer Arbeit?

Michael Hermann: Ein Wahlkampf könnte auch ohne Prognosen funktionieren. Wir simulieren, was nach den Wahlen passiert.

ZEIT: Früher ist es aber auch ohne Prognosen und Analysen gegangen.

Longchamp: Das stimmt einfach nicht! Es gibt keine Wahl ohne Prognose. Seit 1828, den ersten demokratischen Wahlen in den USA. Früher war es ein reines Geschäft der Medien zu wissen, was wird. Daraus ist ein demoskopisches und analytisches Geschäft von Experten geworden – weil die ersten Prognosen völlig parteiisch waren. Zudem betreiben wir Wahlanalysen, nicht nur -prognosen. Wir beantworten die Fragen: Wer wählt wen warum? Wir betreiben das für eine reflexive Demokratie, wir versuchen einen Prozess zu analysieren. Michael Hermann und ich haben im April als Erste und Einzige vor der Überschätzung des Fukushima-Effekts gewarnt. Wir konnten nicht feststellen, dass der Super-GAU mehr Wähler mobilisierte oder den Grünen Wähleranteile zuspielte.

ZEIT: Aber noch nie wurde ein Wahlkampf in der Schweiz so genau vermessen.

Hermann: Es kamen einfach neue Aspekte hinzu: Die Geldströme der Parteienfinanzierung wurden berechnet, das Internet-Tool Smartvote wurde intensiv genutzt, die Parlamentarier-Ratings kamen hinzu – die Vermessung des Wahlkampfs wurde eine eigene Sparte der Berichterstattung.

Longchamp: Wir haben aber immer noch Schwächen in der Analyse. Wir wissen, was die Wählerabsichten und die Positionen der Parteien sind. Doch wir hatten keine einzige Medieninhaltsanalyse zu den Printmedien.

ZEIT: Wieso wäre das wichtig?

Longchamp: Damit lassen sich die Wahlkampftrends erfassen, die sich in den Medien entwickeln. Die Parteien setzen Themen, schüren Emotionen, aber ausschlaggebend ist: Werden die Themen von den Medien auch aufgegriffen? Über das Fiktionale in Wahlkämpfen wissen wir gar nichts, ebenso wenig darüber, wie sich die einen Medien auf die anderen beziehen – also sich gegenseitig abschreiben und aufschaukeln.

ZEIT: Geben Sie uns bitte ein Beispiel.

Longchamp: Einige Wochen vor den Wahlen trat das Unvermeidliche ein: Alle stöhnten über den lauen Wahlkampf. Jeder ausländische Journalist, dem ich begegnete, plapperte diese Aussage nach. Dabei hatten wir am Schluss eine Wahlbeteiligung von fast 50 Prozent. Das ist viel für Schweizer Verhältnisse – und mehr den je seit Einführung des Frauenwahlrechts.

Schreiben Sie den ersten Kommentar!

    Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

    Service