Die Ärzte versuchten das Leben der Zweijährigen zu retten © STR/AFP/Getty Images

Es war ein ganz normaler Donnerstag. Kein Krieg und keine Ausnahmesituation, einfach nur Alltag. Es war der 13. Oktober. Gegen 17.30 Uhr nahm eine Überwachungskamera in einem Eisenwarenmarkt im südchinesischen Foshan ein Video auf, das China seither nicht mehr loslässt. Da wird ein zweijähriges Mädchen namens Yueyue auf der Straße von einem Lieferwagen überrollt. Und der Fahrer fährt einfach weiter. Das Mädchen liegt in seinem Blut, Passanten gehen jedoch einfach an ihm vorbei. Und noch ein Laster überfährt das Mädchen. Sieben Minuten vergehen, 18 Menschen passieren, einer nach dem anderen, bis endlich eine 57-jährige Müllsammlerin das Kind entdeckt und Hilfe ruft. Doch es war zu spät. Am vergangenen Freitag erlag Yueyue ihren Verletzungen. Ein Land fragt sich nun: Wie um alles in der Welt sind wir zu dem geworden, was wir auf diesem Video sehen?

Ein Volk versucht, sich selbst in die Seele zu schauen. Es diskutieren Politiker und Journalisten, Lehrer und Psychologen, die Internetgemeinde, die Freunde im Café und die Menschen im Bus. Schockiert sind nicht alle. Es gibt welche, die im Internet schreiben: Das Kind sei doch selber schuld, wäre es mal nicht so wackelig gegangen. Ein Mann gibt fälschlich an, das Kind überfahren zu haben, einfach, wie er später zu Protokoll gibt, weil er auch ein bisschen von der Medienaufmerksamkeit profitieren wollte.

Die meisten aber sind zutiefst erschrocken. In Foshan umarmen Wildfremde einander auf der Straße, um ein Zeichen zu setzen gegen Kälte und Herzlosigkeit. Politiker diskutieren Gesetze, welche die Verweigerung von Hilfe unter Strafe stellen sollen. Und eine ratlose kommunistische Partei sucht die Unterstützung taoistischer Weiser, die soeben auf einem ihrer heiligen Berge zusammenkamen.

Wieder und wieder werden die Menschen befragt, doch fallen die Umfragen ganz unterschiedlich aus. Mal geben fast 90 Prozent der Befragten an, anders als die Menschen in dem Film hätten sie dem Mädchen geholfen. Mal sagen fast 50 Prozent, sie hätten es nicht getan. Wissenschaftler verweisen auf das Phänomen der »geteilten Verantwortung«. Wenn auch nur einer einem Opfer helfe, dann täten es ihm andere nach. Ohne einen solchen Impuls aber neigten Menschen dazu, sich herauszuhalten. »Warum soll ich das Mädchen anfassen«, wird einer der 18 Passanten zitiert, »wo es die anderen doch auch nicht angefasst haben?«

Eine Umfrage, vor dem Vorfall erhoben, zeigte, dass viele fürchten, als Helfer in der Not selbst in Schwierigkeiten zu geraten. Viele verweisen auf den Prozess gegen Peng Yu, den ein Gericht in Nanjing 2006 zu einer Entschädigungszahlung von mehr als 4.500 Euro verurteilte. Peng war aus seinem Auto ausgestiegen, um einer alten Frau zu helfen, die von einem vorbeifahrenden Auto verletzt worden war. Die Frau bestand darauf, Peng selbst sei der Täter gewesen. Dem Gericht mangelte es an Beweisen, es verurteilte Peng trotzdem, auf Grundlage »logischen Denkens«. Kein Wunder, finden viele, dass danach keiner mehr helfen wolle.

Anderen greift diese Erklärung angesichts der vielen Vorfälle zu kurz. Da gab es den Mann, der mitten auf der Straße eine Frau vergewaltigte, beobachtet von einer großen Zuschauerschar. Da waren die Verkehrsunfälle, die eine neugierige Schar anlockten, alle schauten nur, und keiner half. Da war die Frau, die von einem Hochhaus springen wollte, während die Menge unten sie anfeuerte: »Na, spring doch endlich.«