Die Beethoven-Statue, die Max Klinger 1902 für die 14. Ausstellung der Wiener Secession schuf, zeigt den Meister als Titanen: Grimmigen Blickes ringt er mit dem Schicksal. Da muss es doch etwas zu bedeuten haben, wenn sich Riccardo Chailly für seine Edition der Beethoven-Symphonien ausgerechnet neben diesem monumentalen Denkmal ablichten lässt. Selbstbewusst auf Augenhöhe sieht man den Dirigenten neben der Klinger-Statue, dann grüblerisch versonnen und auf den letzten Fotos fast am Bildrand verschwindend. Soll es nur eine Geste der Verehrung sein oder passt Klingers Beethoven-Bild vom tragisch heroischen Komponistengenie tatsächlich zu dieser Gesamtaufnahme der neun Symphonien und acht Ouvertüren, die Riccardo Chailly mit seinem Leipziger Gewandhausorchester aufgenommen hat?

Eroica und der Fünften auf alles vordergründig und nur emotional Überwältigende. Er spürt den Strukturen nach, analysiert, lässt sein Gewandorchester schlank und mit unerhörter Virtuosität musizieren.

Wohl eher nicht, denn das Schicksal pocht in diesen Beethoven-Interpretationen nicht an die Pforte. Chailly meidet wohltuend jedes Pathos und allen klanglichen Bombast. Er verzichtet in der Eroica und der Fünften auf alles vordergründig und nur emotional Überwältigende. Er spürt den Strukturen nach, analysiert, lässt sein Gewandorchester schlank und mit unerhörter Virtuosität musizieren.

Chailly entfacht wieder die Debatte, wie schnell Beethoven klingen soll

So streng wie der Italiener hat sich in der Wahl der Tempi bisher kaum jemand an die 1817 vom Komponisten festgelegten, in vielen Sätzen irrwitzig schnellen Metronomzahlen gehalten. Die galten lange als unspielbar, als mehr oder weniger sinnlose Kopfgeburten des ertaubten Meisters. Dass sie sehr wohl realisierbar sind, bewiesen nicht erst die Spezialensembles des sogenannten Originalklangs unter Gardiner oder Norrington. Schon René Leibowitz und Michael Gielen entfachten mit ihren Aufnahmen einen Glaubenskrieg, der bis heute nicht befriedet ist. So hinreißend virtuos und selbstverständlich wie die Leipziger allerdings wurden diese Tempi noch von keinem »herkömmlichen« Sinfonieorchester verwirklicht. Dennoch wird auch Chaillys Gesamtaufnahme keinen Schlussstrich unter die Debatte ziehen, sie könnte sogar erst recht wieder zur Lunte werden.

Denn stärker als der kompromisslose Beethoven-Zyklus der Deutschen Kammerphilharmonie unter Paavo Järvi oder die jüngsten Originalklangdeutungen des Anima-Eterna-Orchesters unter Jos van Immerseel, der den Meister in Tempofragen überdies weit weniger beim Wort nimmt, offenbart Chaillys Gesamtaufnahme immer wieder, welchen Preis die Metronomzahlen Beethovens fordern können. Vielleicht wirken seine Deutungen, erlebt man sie direkt im Konzertsaal, tatsächlich »elektrisierend, radikal« und »erhebend«, wie englische Kritiker anlässlich einer Tournee jubilierend feststellten. Auf Tonträger gebannt, vermitteln die Leipziger Konzertmitschnitte eher das etwas unbehagliche Gefühl von Glätte, ja Unverbindlichkeit.

Das mag auch daran liegen, dass bei Chailly die extremen Tempi keinen ähnlich radikalen klanglichen Widerpart finden. Paavo Järvi setzt ganz auf ein trockenes, aufgerautes Klangbild, auf federnde, sehnige Nervosität, scharfe Akzente und ungemein lebendige Phrasierungen. Mit ihrer Hilfe taucht er Beethovens Musik in ein taghelles, teilweise grelles Licht und legt so ihren revolutionären, diesbezüglich gewiss über Haydn und Mozart hinausweisenden, Gestus frei.