Auschwitz und Gulag sind heute Chiffren einer düsteren Ära. Aber was war das Hotel Lux ? Eine Chiffre ist es allenfalls für wenige Kenner der kommunistischen Bewegung. Dem deutschen Kinopublikum dürfte es so gehen wie im jetzt anlaufenden Film Hotel Lux dem von Michael "Bully" Herbig gespielten Komiker Hans Zeisig: Als dieser 1938 in Moskau im derart verheißungsvoll klingenden Hotel ankommt, will der Ahnungslose einfach einchecken. Ja, der Name ist heute so unbekannt, dass nicht wenige Filmzuschauer trotz erläuternder Zwischentitel die Erfindung eines solchen Hotels voller Kommunisten im Moskau der dreißiger Jahre für einen Geniestreich von Regisseur Leander Haußmann halten dürften.

Doch das Hotel Lux gab es tatsächlich. Und so einfach übernachten konnte man in ihm bereits seit 1921 nicht mehr. Vier Jahre nach der "Großen Sozialistischen Oktoberrevolution" wurde das auf der Twerskaja Uliza in Moskau 1911 erbaute Hotel zum Gästehaus der Kommunistischen Internationale, der Dachorganisation aller kommunistischen Parteien. Vor allem seit 1933 lebten hier Genossen aus allen Ländern, die vor der Europa überrollenden faschistischen Welle in der Sowjetunion Zuflucht suchten: unter anderem Tito und Ho Chi Minh , Herbert Wehner (Deckname Kurt Funk) und Georgi Dimitroff, Wilhelm Pieck und Walter Ulbricht .

Die kommunistischen Führungseliten harrten hier aus, warteten auf ihre Stunde in ihren Heimatländern – und wurden derweil vom NKWD, der sowjetischen Geheimpolizei, überwacht, verhört, ins Lager nach Sibirien deportiert oder erschossen. Überall lauerte Denunziation in dieser überdimensionierten Wohngemeinschaft. Angst herrschte auf den Fluren des Hotels – wer würde als Nächster in der Nacht von Stalins Schergen aus dem Schlaf geklopft werden? Eine unheimliche Geschichte, in diversen Variationen vielfach erzählt über das Reich Stalins und dessen sogenannte "große Säuberung", den Massenterror in den dreißiger Jahren. Eine Geschichte aus dem Binnenraum des Terrors also, vergleichbar nur mit dem Führerbunker der Nazis.


Leander Haußmanns Film "Hotel Lux" will nun dem Schrecken ein Schnippchen schlagen und dem Grauen das Lachen entgegensetzen. Das klingt vielversprechend, hat doch Gelächter angesichts irdischer Höllen eine ehrwürdige Tradition – und die wahnwitzige Seite des Kommunismus ist zudem ja hoch komisch. Auch die Idee, einen Narren wie Hans Zeisig ins Fegefeuer zu schicken, hat etwas für sich. Als "Stalin" hatte er gemeinsam mit "Hitler"-Siggi Meyer ( Jürgen Vogel ) noch Anfang 1933 eine Parodie auf einer Berliner Theaterbühne gegeben – 1938 muss er emigrieren, weil er den Führer parodiert hatte. Unwissentlich mit dem Pass von Hitlers Astrologen ausgestattet, muss er nach Moskau, statt ins von ihm ersehnte Hollywood. Der völlig ahnungslos-unpolitische Zeisig gerät ins weltrevolutionäre Hotel und in die Fänge des NKWD-Chefs Jeshow; er trifft die schöne Edelkommunistin Frida van Oorten (Thekla Reuten) wieder; schließlich hat es auch der alte Kumpel Siggi aus dem KZ nach Moskau geschafft. Zeisig wird von den deutschen Genossen, allesamt ausgesprochene Knallchargen, argwöhnisch beäugt: Pieck, Lotte und Walter Ulbricht, Wehner und Johannes R. Becher haben Kurzauftritte.

Zweifellos gibt es einige gute Szenen. Eine Verfolgungsjagd führt über die nächtlichen Dächer des Dreißiger-Jahre-Moskau – an deren Ende Hans Zeisig verzweifelt am Roten Stern klammert, während seine vermeintlichen Verfolger vom NKWD ihn auslachen. Stalin lässt den vorgeblichen Astrologen Hitlers zu sich kommen, der in diesem Moment erst seine Rolle begreift und sie sofort erlernt, um zu überleben. Am Ende, als alles auffliegt und Stalin höchstselbst Zeisig in dessen Hotelzimmer umlegen will, schlagen Siggi und Hans ihn nieder, rasieren ihm Haar und Schnauzbart ab, um just am 23. August 1939, dem Tag von Ribbentrops Besuch in Moskau zur Unterzeichnung des Hitler-Stalin-Paktes, als Hitler-Stalin-Paar alle zu narren, Frida aus der Lubjanka zu holen und mit einem Flieger nach Hollywood durchzustarten.

Diese Überblendung von historischer Realität jenes Tages mit burlesk-surrealem Showdown zeigt für einen Moment immerhin, was aus diesem Film hätte werden können, wenn womöglich jemand wie Helmut Dietl , der ursprünglich an diesem Film saß, weitergemacht hätte. Derweil brüllt im Hotel Lux der verzweifelte Glatzkopf ohne Schnurrbart "Ich bin Stalin!" und wird von den Bewohnern ausgelacht.