Klimawissenschaftler James Hansen (zweiter von rechts) auf einer Protestaktion mit anderen Klimaschutzaktivisten, auf der sie symbolisch den Klimawandel zu Grabe trugen (Archivbild vom 19. März 2009). © Carl de Souza/AFP/Getty Images

DIE ZEIT: Sie haben Präsident Obama zum Amtsantritt einen Brief geschrieben und ihm angeboten, ihn in Sachen Klimawandel zu beraten. Haben Sie etwas von ihm gehört?

James Hansen: Weder von ihm noch von seinem Team. Ich bin enttäuscht, dass er die Chance nicht ergriffen hat, eine Lösung für die Klimafrage und gleichzeitig für die Energiesicherheit unseres Landes und unsere Abhängigkeit von ausländischem Öl zu suchen. Die Gesundheitsreform war eben höher auf seiner Prioritätenliste.

ZEIT: Es scheint, dass Umweltfragen und Klimapolitik inzwischen gar nicht mehr auf Obamas Liste stehen.

Hansen: Weil er denkt, dass es ein Thema ist, mit dem sich keine Wahl gewinnen lässt.

ZEIT: Was wäre Ihr Vorschlag für Obama gewesen?

Hansen: Eine CO₂-Steuer. Solange fossile Brennstoffe die billigste Energiequelle bleiben, wird es jemanden geben, der sie verbrennt. Die einzige Lösung bleibt, einen Preis für CO₂-Emissionen zu setzen, der kontinuierlich anzieht. Dann würden breite Anstrengungen unternommen, Energie effizienter zu nutzen, alternative Energiequellen könnten wettbewerbsfähig werden. Fossile Brennstoffe sind nur so billig, weil die Folgekosten wie Krankheiten und Umweltverschmutzung bisher allein durch die Allgemeinheit getragen werden.

ZEIT: Wie darf man sich Ihr Modell konkret vorstellen?

Hansen: Die Klimasteuer würde von den Energieunternehmen eingesammelt werden, und das Geld sollte dann an die Bevölkerung ausgeschüttet werden, um die höheren Energiepreise auszugleichen. Wenn man das den Leuten richtig erklärte, wären sie sicherlich davon zu überzeugen. Leider traut sich kein Politiker, die Wahrheit zu sagen.

ZEIT: Was ist mit dem Emissionshandel als Instrument zur CO₂-Reduzierung? Es scheint zumindest eine Idee zu sein, die noch am meisten Aussicht hat, in den USA umgesetzt zu werden. Es gibt sogar bereits mehrere Gesetzesinitiativen von Kongressmitgliedern.

Hansen: Und warum? Weil einige Leute erkannt haben, wie man damit Geld verdienen kann. Der Emissionshandel in den USA würde ein Billionenmarkt, besonders für die Wall-Street-Banken – und wo kommt das Geld her? Von der Allgemeinheit. Cap & Trade ist eine Erfindung der Leute, die gerne so weitermachen wollen wie bisher. Doch es funktioniert nicht. Schauen Sie sich doch das europäische System an. Und auf globaler Ebene wird es erst recht nicht funktionieren. China und Indien werden eine Kappungsgrenze für ihre Wirtschaft sicher nicht akzeptieren.

ZEIT: Eine Klimasteuer fände mehr Anhänger?

Hansen: Da gibt es gute Argumente, die dafür sprechen. China will nicht so abhängig von fossilen Brennstoffen werden, wie es die Vereinigten Staaten heute sind. Außerdem werden China und Indien deutlicher unter dem Klimawandel leiden als etwa Europa . Und anders als hier in den USA leugnet die politische Führung nicht die wissenschaftlichen Erkenntnisse.

ZEIT:In den USA ist der Klimawandel fast schon zur Glaubensfrage geworden .

Hansen: Das ist kein Zufall. Die Leute, die weitermachen wollen wie bisher, fordern, dass man alle Seiten hören müsse. Egal, ob ihre Ansicht wissenschaftlich untermauert werden kann oder nicht. Dadurch entsteht für die breitere Öffentlichkeit der Eindruck, dass es sich auch dann um Meinungen handelt, wenn es sich um objektive wissenschaftliche Erkenntnisse handelt.